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Trotz Erholung der Wirtschaft : Stromverbrauch in Deutschland nach wie vor im Keller

Mit einem Spezialkran wird der vormontierte Propeller an das Maschinenhaus einer neuen Windkraftanlage südlich von Schwerin gehoben. Im Juni war die Windstromerzeugung allerdings so schwach wie lange nicht. Bild: dpa

Zahlen des Branchenverbands BDEW zeigen: Auch wenn Strom an der Börse wieder mehr kostet, ist auf der Nachfrageseite noch überhaupt keine Belebung in Sicht. Ein pikanter Trend hält aber an.

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          Nach dem Corona-Schock zeichnet sich am deutschen Strommarkt vordergründig eine Normalisierung ab. Im Großhandel stieg der Preis zuletzt wieder deutlich. Im Juni notierte er nach Angaben der Bundesnetzagentur bei durchschnittlich 2,7 Cent je Kilowattstunde. Zum Vergleich: Von Januar bis April hatte er sich halbiert auf 1,7 Cent und im Mai nur minimal zulegt auf 1,8 Cent.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch die Ausschläge nach unten traten zuletzt seltener auf, nachdem es von Februar bis Mai noch 201 Stunden mit negativen Preisen gab – wenngleich das Vorjahresniveau von 211 Stunden schon jetzt erreicht ist. Zuvor waren es 134 Stunden (2018), 146 Stunden (2017), 97 Stunden (2016) und 126 Stunden (2015).

          Zugleich stieg der Preis im Handel mit CO2-Zertifikaten diese Woche auf 25 Euro. Das Vorkrisenniveau ist damit wieder erreicht. Für jede emittierte Tonne CO2 ein Zertifikat zu erwerben ist in der EU verpflichtend für Kraftwerksbetreiber, Industrie und teilweise auch Fluggesellschaften.

          Verschiebung von Kohle zu Gas

          Doch irrt, wer die Normalisierung an der Strombörse auf eine etwaige Normalisierung der Wirtschaft zurückführt: Trotz Lockerung der Corona-Beschränkungen bleibt der Stromverbrauch im Keller. Der Energieverband BDEW taxiert ihn im gleitenden, feiertagsbereinigten Wochendurchschnitt bis zuletzt auf 11 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

          Seit dem Einbruch bis Mitte April hat es demnach nur ein leichtes Auf und Ab gegeben, aber keinerlei Erholung. „Hier kommt zum Ausdruck, dass in vielen Bereichen der Industrie – dem größten Stromverbrauchssektor – die Produktion noch nicht wieder in gewohntem Umfang aufgenommen werden konnte“, heißt es dazu vom BDEW. Auch bei Hotels und Gaststätten liege der Verbrauch noch unter den üblichen Werten.

          Dass Strom im Großhandel dennoch wieder mehr kostet, liegt also eher an der Angebotsseite. So entfielen nach den Zahlen des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme im Juni nur 17 Prozent der Stromerzeugung auf die Windkraft. Das ist viel weniger als in den vergangenen Monaten – im Februar hatte er sogar die Marke von 45 Prozent geknackt und auch sonst war das erste Halbjahr nach Berechnungen der Denkfabrik Agora Energiewende besonders windreich.

          Umgekehrt hat der Anteil von Photovoltaik und vor allem von Gas zuletzt kräftig zugelegt. „Erdgas führt erstmals den Strommix an“, jubelten die Vertreter der Brancheninitiative Zukunft Erdgas vor wenigen Tagen, als sich diese Erzeugungsart sogar für einige Tage an die Spitze schob. Die Zahlen zeigten, dass der Kohleausstieg in vollem Gang sei und man den überfälligen „Fuel Switch“ von Kohle zum emissionsärmeren Gas beobachten könne.

          Tatsächlich hält die schon vor Corona begonnene Verschiebung von Kohle zu Gas an – im Juni entfielen im Strommix nur 4 Prozent auf die Steinkohle. Diese Marktbewegung ist pikant, da sie den Fahrplan für den Kohleausstieg, wie er kommende Woche in den Bundestag geht, untergräbt. Beobachter verweisen auf den regelrechten Preisverfall für Gas: wegen voller Speicher, aber auch, da Gas bei einem höheren CO2-Preis wettbewerbsfähiger wird gegenüber Kohle. Seit Jahresende sank der Gaspreis im Großhandel um ein Drittel.

          Den Ökostrom-Anteil im ersten Halbjahr beziffert Agora auf 50,3 Prozent. Das wäre ein neuer Rekord. Der Kohle-Anteil sei im Vergleich zum Vorjahreszeitraum deutlich gesunken, insgesamt waren die hiesigen Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke demnach für weniger als 20 Prozent der Stromerzeugung verantwortlich. Die Denkfabrik verweist auf den Nachfrageeinbruch in der Corona-Krise, aber eben auch auf den niedrigen Gas- und stabilen CO2-Preis, welcher die besonders emissionsintensive Kohlestrom-Produktion verteuert. In Summe sei der Treibhausgas-Ausstoß im deutschen Stromsektor im ersten Halbjahr um 30 Millionen Tonnen CO2 gesunken.

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