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Strommix in der EU : Erneuerbare erstmals vorn

Vor allem der Februar war ungewöhnlich stürmisch und trieb die Windstromerzeugung in Europa in die Höhe. Bild: dpa

Die Erneuerbaren stehen im EU-weiten Strommix vor fossilen Energieträgern wie Kohle und Gas – zum ersten Mal überhaupt. Doch Kraftwerksbetreiber betonen, dass die Lage am Markt weiterhin alles andere als normal sei.

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          Viel Wind und Sonne sowie ein krisenbedingter Verbrauchseinbruch haben der Erneuerbaren-Erzeugung im ersten Halbjahr einen Rekord beschert. EU-weit übertraf ihr Anteil am Strommix mit 40 Prozent erstmals den Anteil an fossil erzeugter Elektrizität. Dieser fiel auf 34 Prozent. Vor einem Jahr war es noch fast genau andersherum. Der Rest entfällt größtenteils auf die Atomkraft.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit 21 Prozent stammte demnach rund die Hälfte der Erneuerbaren-Erzeugung aus Windrädern und Solaranlagen. Vor allem der Februar war außergewöhnlich stürmisch und das zweite Quartal sehr sonnig. Dahinter steht die Wasserkraft mit 13 Prozent und die Biomasse mit 6 Prozent.

          Das sind Zahlen, die Umweltschützer von der britischen Denkfabrik Ember zusammengetragen haben. Sie liegen der F.A.Z. vor. Der von Stiftungen wie dem WWF geförderte Verein spricht von einem „symbolischen Moment in der Transition des europäischen Stromsektors“ – und betont, dass vor allem die besonders klimaschädliche Stein- und Braunkohle deutlich an Boden verloren hat. Tatsächlich ist der gesunkene Erzeugungsanteil auf konventioneller Seite zuvorderst der Kohle zuzuschreiben.

          Insgesamt wurde im ersten Halbjahr dieses Jahres in den 27 EU-Ländern ein Drittel weniger Kohle verstromt als im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres. Den größten Rückgang gab es in Deutschland. Polen schob sich dadurch erstmals leicht vor die Bundesrepublik an die Spitze der Kohleverstromer. Zwar erlitten Atomkraftwerke in Frankreich, Schweden und Belgien ebenfalls größere Einbußen. Auch wurde weniger Gas verstromt in Ländern wie Italien und Spanien. In Deutschland und den Niederlanden nahm der Gasanteil hingegen leicht zu. Unter dem Strich verzeichnet die Kohle ein fast doppelt so großes Minus wie die fossilen Kraftwerke insgesamt.

          „Das ist eine gute Nachricht“

          Für Kraftwerksbetreiber kommen die Zahlen naturgemäß nicht unerwartet. So sei schon länger bekannt, dass die Kohle von zwei Seiten unter Druck gerate, heißt es: von den Erneuerbaren von Frühjahr bis Herbst zum einen, von Gas zum anderen; so profitieren Verstromer von emissionsärmerem Gas insbesondere von dem anhaltend hohen CO2-Preis im europäischen Emissionshandel. Tatsächlich wurden in den vergangenen Jahren vermehrt Kohlekraftwerke in den Saisonbetrieb überführt, also faktisch vom Netz genommen, um im sonnenarmen Winter wieder hochgefahren zu werden.

          Die sprunghafte Veränderung im Strommix erklären sich die Betreiber indes mit dem Nachfrageeinbruch in der Corona-Krise. „Dass die Erneuerbaren im letzten Halbjahr anteilsmäßig dazugewonnen haben, ist wenig überraschend“, sagte ein Sprecher des ostdeutschen Energieversorgers Leag. „Krisenbedingt laufen die Kraftwerke nach wie vor nicht mit voller Auslastung. Die Lage am Strommarkt ist für uns nicht optimal, aber es lohnt sich immer noch, Braunkohle zu verstromen.“

          Die Märkte seien aufgrund des Nachfragerückgangs überall unter Druck und die Großhandelspreise in Skandinavien noch stärker als in Deutschland gefallen, heißt es auch bei Vattenfall. Und eine Besserung ist für den schwedischen Energieriesen vorerst nicht in Sicht. Zugleich begrüße man, dass die Erneuerbaren im ersten Halbjahr erstmals vor den Fossilen lagen.

          „Das ist eine gute Nachricht und ein Meilenstein auf dem Weg zu einem fossilfreien Leben innerhalb einer Generation“, sagte ein Vattenfall-Sprecher der F.A.Z. Umso wichtiger seien nun aber die Rahmenbedingungen für nachhaltige Investitionen. „Wir brauchen dringend den konsequenten Ausbau der Erneuerbaren, um die Elektrifizierung auch anderer Sektoren wie Industrie und Verkehr zu ermöglichen.“

          Deutsche weiter für Klimaschutz

          Der Klimaschutz ist für eine Mehrheit der Deutschen auch in der Bekämpfung der Wirtschaftskrise ein wichtiges Ziel, doch in der Frage, ob er höherrangig ist als die soziale Gerechtigkeit, sind die Bürger gespalten. Das zeigen am Dienstag veröffentlichte Ergebnisse einer Umfrage, die Forsa unter 6300 deutschen Haushalten durchgeführt hat. Zu den Auftraggebern gehören die Wirtschaftsforschungsinstitute RWI aus Essen und ZEW aus Mannheim. 24,3 Prozent stimmten der Aussage voll und ganz zu, Staatsausgaben für die Überwindung der Corona-Krise daran zu knüpfen, dass sie auch die Klimaziele unterstützen; weitere 39 Prozent stimmten dem eher zu. Bei den Wirtschaftshilfen vor allem darauf zu schauen, dass es sozial gerecht zugeht, und Klimaschutz dahinter zurückzustellen, befürworteten 9,3 Prozent voll und ganz sowie 25,1 Prozent eher – 28 Prozent dagegen eher nicht und 9,8 Prozent überhaupt nicht. Auch sonst ist das Stimmungsbild nicht eindeutig, die größte Klarheit gibt es in puncto Strompreisentlastung, etwa durch eine niedrigere EEG-Umlage: 28,6 Prozent sind voll und ganz und 40,8 Prozent eher dafür. RWI-Energieökonom Manuel Frondel leitet daraus einen „großen Handlungsbedarf für die Politik“ ab. „Mit den geplanten geringfügigen Senkungen der EEG-Umlage ist es nicht getan, wenn man einerseits Haushalte deutlich entlasten möchte und andererseits die Sektorkopplung vorantreiben möchte“, sagte er der F.A.Z. niza.

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