https://www.faz.net/-gqe-9vhj6

Start der Grünen Woche : Aus für die Bullerbü-Landwirtschaft

  • -Aktualisiert am

Traktoren stehen an diesem Freitag nach einer Sternfahrt auf den Exerzierplatz in Kiel Bild: dpa

Alle müssen satt werden – also Schluss mit romantischen Vorstellungen, warnt Ministerin Julia Klöckner zum Auftakt der Grünen Woche. Angesichts der Bauernproteste ist die Messe so politisch wie selten zuvor.

          2 Min.

          Das Schwein soll genügend Platz im Stall haben, Stroh und Auslauf, und trotzdem soll das Schnitzel am Ende nicht zu teuer sein: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) tippt die verschiedenen Kästen auf dem Bildschirm an, der in der Halle des Ministeriums auf der Grünen Woche in Berlin steht. Anschließend rechnet der Computer aus, wie viel diese Art der Tierhaltung kostet: den Landwirt 1,69 Euro je Kilogramm, den Verbraucher an der Ladentheke 8,80 Euro. Was auf dem Bildschirm ebenfalls erscheint: Würde der Landwirt nach Bio-Kriterien wirtschaften, wäre das Schnitzel mehr als doppelt so teuer.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Die Grüne Woche ist zwar in erster Linie eine Publikumsmesse, rund 400.000 Besucher werden auch in diesem Jahr wieder in den Berliner Messehallen erwartet, um Lebensmittel aus aller Welt zu kosten und auf dem Erlebnisbauernhof Tiere zu streicheln. Aber angesichts der zahlreichen Bauernproteste in den vergangenen Wochen und auch während der Grünen Woche ist die Messe auch eine politische Veranstaltung.

          Bauernpräsident signalisiert Veränderungsbereitschaft

          Schon am Freitagmorgen versammelten sich auf zahlreichen Bundesstraßen  Treckerfahrer zu Sternfahrten nach Berlin und anderen größeren Städten. Initiator der Proteste ist die Bauern-Initiative „Land schafft Verbindung“, die sich erst im vergangenen Jahr gebildet hatte. Zum inzwischen zehnten Mal findet am Samstag eine Demonstration der Initiative „Wir haben es satt!“ statt , an der sich Umwelt- und Tierschützer sowie Landwirte beteiligen wollen.

          Klöckner kritisierte am Donnerstag vor allem die „teils romantisierenden Bullerbü-Vorstellungen zurück zu einer vormodernen Landwirtschaft“, die es in der Gesellschaft gebe. Bis zum Jahr 2050 müsse die globale landwirtschaftliche Produktion um 70 Prozent erhöht werden, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Klöckner forderte deshalb sachliche Diskussionen über neue Pflanzenzüchtungen und mehr Offenheit für Methoden wie die Genschere Crispr/Cas.

          Julia Klöckner (CDU) glaubt nicht mehr an die Bullerbü-Landwirtschaft.

          Mit Blick auf das Thema Tierwohl wiederholte Klöckner ihre Forderung, dass die Preise im Supermarkt steigen müssten, damit die Landwirte in bessere Ställe investieren könnten. „Von einem Euro für Fleisch kommen beim Landwirt 20 Cent an, das wird auf Dauer nicht so weitergehen.“ Zugleich appellierte sie an die SPD, ihr geplantes staatliches Tierwohllabel nicht länger zu blockieren. Die Grünen wollen einen anderen Weg gehen: Der Landwirtschaftsminister aus Schleswig- Holstein, Jan Philipp Albrecht, fordert ebenso wie Umweltschützer eine verpflichtende Tierwohlabgabe auf alle Fleischprodukte. Greenpeace hatte Anfang der Woche 50 Cent je Kilogramm Fleisch vorgeschlagen. Bauernpräsident Rukwied warnte indes, dass Lebensmittel auch für Hartz-IV-Empfänger bezahlbar bleiben müssten.

          Der Bauernpräsident nutzte den Beginn der Grünen Woche – der heutige Freitag ist der erste Publikumstag –, um Veränderungsbereitschaft zu signalisieren. Die sogenannte GAP, die Gemeinschaftliche Agrarpolitik der EU, müsse grüner werden. „Das kann aber nur gelingen, wenn es bei einem stabilen Agrarbudget bleibt“, sagte er mit Blick auf die Verhandlungen in Brüssel. Anfang Juli übernimmt Deutschland die Ratspräsidentschaft in der EU. In dieser Zeit dürften die Weichen gestellt werden, welchen Anteil des EU-Budgets die Landwirte künftig bekommen und wie viel davon an Umweltauflagen geknüpft wird. „Wichtig ist, dass der Prozentsatz in Europa einheitlich ist“, sagte Rukwied. Besonders unter jüngeren Bauern gebe es viel Frust. Er verwies darauf, dass die Landwirte schon 230.000 Kilometer Blühstreifen für Insekten in Deutschland angelegt hätten.

          Ein weiterer Streitpunkt ist die Verschärfung der Düngeverordnung. Zwar betonte Rukwied: „Sauberes Wasser hat höchste Priorität.“ Doch mit Klöckners Vorschlägen, wie die hohen Nitratwerte im Grundwasser sinken sollen, ist er nicht einverstanden. Die Pläne der Ministerin liefen darauf hinaus, dass die Pflanzen nicht mehr genügend Dünger bekämen. Aus seiner Sicht besteht das Problem vor allem darin, dass an den falschen Stellen gemessen wird. Klöckner hält das System zwar auch für verbesserungsfähig, sie warnte die Bauern aber auch: „Man wird nichts wegmessen können, was da ist.“ Die EU fordert von Deutschland Gegenmaßnahmen gegen die zu hohen Nitratwerte. Andernfalls drohen Bußgelder von 850.000 Euro am Tag.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hanau und die AfD : Der Gipfel des Zynismus

          Die AfD mimt auch nach dem Massenmord von Hanau wieder die verfolgte Unschuld. Doch kann niemand mehr die Augen davor verschließen, dass diese Partei die völkische Aufwiegelung zum Geschäftsmodell gemacht hat.

          F.A.Z. Exklusiv : Hanauer Attentäter suchte Hilfe bei Detektei

          Der Attentäter von Hanau hat sich im Oktober 2019 mit einem Detektiv getroffen. Er bat ihn um Hilfe, weil er sich von einem Geheimdienst beschattet sah. Die Aussagen, die Tobias R. damals machte, stützen das Bild eines geisteskranken Täters.
          Angela Merkel  in Brüssel

          Große Differenzen : EU-Gipfel endet ohne neuen Haushalt

          Der Sondergipfel in Brüssel hat auch nach mehr als 28 Stunden voller Verhandlungen keine Lösung im Haushaltsstreit der EU gebracht. Ein neuer Anlauf ist nötig.

          Bundesliga im Liveticker : Bayern-Rückschlag schon vor dem Anpfiff

          Gegen den abstiegsbedrohten SC Paderborn wollen die Münchener von Beginn an klare Verhältnisse schaffen. Doch Leon Goretzka fällt kurzfristig verletzt aus. Stattdessen kommt ein Neuzugang zu seinem Debüt. Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.