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Soziale Medien : Das Klima wird zu emotional diskutiert

Teilnehmer einer Klimademonstration von Fridays for Future in Aachen im vergangenen Jahr Bild: dpa

Eine Analyse der Diskussionen in sozialen Medien zeigt, dass an Lösungen vorbeidebattiert wird. Eine Hochschule hat ein halbes Jahr lang Twitter, Instagram, Facebook und Co. ausgewertet. Manches ist auch besser als Anfang des Jahrtausends.

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          Oft wird das Gefühl artikuliert, Debatten seien heute aufgeregter und emotionaler. Das Beratungsunternehmen Vico kann dazu Zahlen liefern. Über das vergangene halbe Jahr hat es gemeinsam mit der Hochschule für Technik in Stuttgart ausgewertet, wie in sozialen Medien über das Thema Klimawandel diskutiert wird.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die Untersuchung basiert auf mehr als einer Million deutschsprachigen Beiträgen im Internet. Die Stuttgarter Studenten haben 7200 davon inhaltsanalytisch ausgewertet und Kategorien für die unterschiedlichen Äußerungen gefunden. Diese Ergebnisse verglichen sie mit einer Auswertung der Jahre 2003 bis 2007.

          Die Debatte sei sehr emotional. Heute werde sie sehr viel stärker als in der ersten Phase über die eigene Betroffenheit geführt. „Der Anteil impulsiver Beiträge ist doppelt so hoch wie der sachlicher“, heißt es in der Studie. Überdies sei der Streit über die Ursachen des Klimawandels, der bis 2007 dominierte, inzwischen fast aus dem Diskurs verschwunden.

          Der Ursachenstreit ist aus den Debatten verschwunden

          2003 machte er noch 98 Prozent der Kommunikation auf sozialen Medien aus, vier Jahre später schon nur noch 53 Prozent. Aktuell liegt der Anteil bei 4 Prozent. „Damals war noch ein Hauptargument, andere Länder sollten etwas machen“, sagt Marc Trömel, Geschäftsführer von Vico. „Die Auswirkungen wurden damals in ferner Zukunft gesehen. Jetzt ist das Thema im Hier und Jetzt angekommen. Die Menschen sehen eine Eigenverantwortung für sich.“

          Sein Beratungsunternehmen hat sich nun wiederum die Mühe gemacht, die im Diskurs angesprochenen Themen mit den tatsächlich wirksamen Themenfeldern im Klimaschutz zu vergleichen. Ein großer Anteil der Beiträge in der aktuellen Situation beschäftigt sich mit Aufgaben der Politik (29 Prozent) und mit dem Engagement etwa für Fridays for Future (28 Prozent). Die am häufigsten diskutierten Maßnahmen gegen den Klimawandel sind Mobilität (14 Prozent), Ernährung (11 Prozent) und das Einkaufsverhalten (10 Prozent).

          Dagegen wird das Wohnen, das für ein Fünftel der CO2-Emissionen von Privathaushalten steht, nur in 4 Prozent der Beiträge thematisiert. Auch die Landwirtschaft kommt kaum im Zusammenhang mit dem Klimawandel vor, obwohl ihr ein großes Potential im Klimaschutz zukomme. Am meisten wundert sich Trömel aber darüber, dass der private Konsum zwar 40 Prozent des Emissionen bewirkt, aber nur in 10 Prozent der Beiträge zum Thema wird.

          Für einige Unternehmen ist es hilfreicher, sich zu beteiligen

          Für Unternehmen einiger Branchen lohnt es sich mehr, auf Twitter, Facebook oder Instagram zum Klimawandel Stellung zu nehmen: etwa für Modeunternehmen oder die Energiewirtschaft. Nicht so sehr dagegen für Autokonzerne: „Im Automobilumfeld sind es beispielsweise zu 95 Prozent negative Kommentare auf Posts zum Thema Nachhaltigkeit und Klimawandel“, heißt es in der Studie. Dagegen erhalte der Energieversorger RWE auf Äußerungen zum Klima deutlich positivere Reaktionen als auf andere Themen. Die Modebranche dagegen erhalte sogar nur zu 45 Prozent negative Stimmen.

          Unternehmen sollten deshalb möglichst ihre Kommunikation auf die unterschiedlichen Gruppen und Personas, die die Studie identifiziert, zuschneiden. „Wichtiger, als sich als den Vorreiter beim Klimaschutz darzustellen, ist es dabei, integer zu sein. Man sollte zeigen, was man tut, aber auch zeigen, wofür man keine Lösungen hat“, raten die Autoren. Es mache einen Unterschied, ob durch Produkte eher eine Gruppe der Blockierer, der Resignierten oder der Helden des Alltags angesprochen werden, wie die Autoren drei der aus der Analyse abgeleiteten Personas genannt haben.

          Die hohe Emotionalität in der Debatte führe dazu, dass nicht immer sachlich miteinander diskutiert werde. „Ein hoher Anteil der Kommunikation ist geprägt von Schuldzuweisungen und nicht von Konstruktivität, wie man etwas hinbekommt“, sagt Trömel. Auch durch diesen diffusen Diskussionsverlauf werde Potential verschenkt, Politiker zum Handeln zu verpflichten. „Ein erster Schritt dabei ist, die gegenseitigen Schuldzuweisungen zu beenden und zu beginnen, respektvoll an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten“, heißt es in der Studie, als deren Autor der Wirtschaftspsychologie-Professor Thomas Bäumer angegeben ist.

          Eine Analyse der Tonalität der geäußerten Zukunftsgedanken zeigt, dass 79 Prozent der Beiträge angesichts des Klimawandels eine ängstliche Haltung zeigen, nur 4 Prozent sind zuversichtlich. Das Wissen über einige wirksame Maßnahmen werde in Debatten auf sozialen Medien vollständig ausgeblendet: etwa die Wirkung von Thermostaten, mit denen die Raumtemperatur reguliert werden kann, oder eine nachhaltige Geldanlage.

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