https://www.faz.net/-gqe-abh2h

Gegengewicht in Asien : Wie die EU und Indien auf Chinas Seidenstraße antworten

Kamel und SUV: In Indien begegnen sich Vergangenheit und Moderne. Bild: AFP

Zwischen Asien und Europa soll nicht nur die chinesische Seidenstraße vorherrschen. Auf dem anstehenden EU-Indien-Gipfel geht es um Investitionen, Infrastruktur, Verkehr. Dass es überhaupt dazu kommt, liegt am Aufstieg Pekings.

          4 Min.

          „Nirgendwo“, antworte die ehemalige EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström stets auf die Frage, wo die Handelsgespräche mit Indien sich befänden. Seit 2013 liegen die auf Eis und bis vor kurzem sah es so aus, als werde sich daran nichts ändern.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
          Hendrik Kafsack
          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Nun aber sprechen Diplomaten und die Europäische Kommission plötzlich von einem neuen Momentum: Beim virtuellen EU-Indien-Gipfel zwischen den europäischen Chefs und dem indischen Regierungschef Narendra Modi an diesem Samstag wollen beide Seiten nicht nur die Wiederaufnahme der Handelsgespräche und Verhandlungen über den Investorenschutz beschließen. Sie wollen auch vereinbaren, eng beim Ausbau von Infrastruktur im Verkehr, Energiesektor und der Digitalisierung zusammenzuarbeiten und so eine Antwort auf die Seidenstraßeninitiative Chinas geben.

          Die Europäische Kommission hat schon vorher alles dafür getan, um den Dialog mit dem von Corona stark gebeutelten Land zu erleichtern. Selbst für eine Debatte über die Patentfreigabe für Impfstoffe, zeigte sich Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zuletzt offen. Zudem hat die EU die Regierung in Neu Delhi mit schnellen Hilfslieferungen zumindest etwas entlastet. „Das Team Europa ist unserem demokratischen Partner Indien in tiefer Solidarität verbunden“, schrieb von der Leyen auf Twitter.

          Mehr Schutz für Investoren

          Der Grund für die Annäherung heißt China – auch wenn die EU-Diplomaten das von sich weisen. Sie versuchen, die neue Dynamik damit zu begründen, dass die beiden größten Demokratien und Anhänger regelbasierter Zusammenarbeit der Welt, Indien und die EU, schlicht und einfach „natürliche Partner“ seien. Tatsächlich steckt der Drang der Europäer dahinter, zeitgleich mit Amerika ein Gegengewicht zu China im indopazifischen Raum zu schaffen.

          Dafür wollen sie Stellung in einem riesigen, aber unterentwickelten und überregulierten Markt mit 1,4 Milliarden Menschen beziehen. Den enormen Nachholbedarf zeigt der Blick auf das Handelsvolumen: Während die EU und Indien rund 65 Milliarden Euro erzielen, liegt dasjenige der Europäer mit China bei 586 Milliarden Euro. Außerdem wollen sie sich nicht von den Briten abhängen lassen, die ihrerseits mit Indien über einen Freihandelsvertrag verhandeln.

          Öffnen
          F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Alle Wege führen nach Asien Bild: Jens Giesel

          Die Zeit für die Annäherung der Europäer ist günstig. Modis Bilanz ist schlecht. Der Bürokratieabbau kommt nicht voran, die versprochenen Reformen stocken. Die Ratingagentur Standard & Poor’s warnte am Freitag vor den Folgen der Pandemie, deren nächsten Höhepunkt sie für Juni erwartet. Deshalb befürchten die Analysten, dass die Erholung der Wirtschaft im Haushaltsjahr 2021/22, das Anfang April begonnen hat, mit einer Wachstumsrate von 8,2 bis 9,8 Prozent statt 11 Prozent geringer ausfällt.

          Furcht vor dem EU-China-Deal

          Damit muss die Regierung in Neu Delhi ihr Reformtempo erhöhen, um Auslandsinvestoren anzulocken. Das Land muss jeden Monat mehr als eine Million Arbeitsplätze schaffen, um den in den Arbeitsmarkt drängenden Jugendlichen eine Zukunft zu bieten. Die EU ist schon heute größter Auslandsinvestor in Indien und sie ist bereit, ihr Engagement zu erhöhen.

          Weitere Themen

          Impfstoff für die Welt

          FAZ Plus Artikel: Vakzin-Spenden : Impfstoff für die Welt

          Das Gros der Vakzine gegen Covid-19 ging bislang in die reichen Industrienationen. Nun bekommt die globale Initiative Covax immer mehr Zusagen für die ärmeren Länder.

          Topmeldungen

          Konziliant im Ton, in der Sache aber auch mit einigem einverstanden, was Donald Trump veranlasste: der amerikanische Präsident Joe Biden am Montag in Brüssel

          Biden und die EU : In Trumps langem Schatten

          Am Dienstag trifft der amerikanische Präsident die Spitzen der EU. Die Europäer wollen endlich Trumps Strafzölle loswerden, doch Biden zögert das hinaus. Fortschritte gibt es dagegen auf anderen Feldern.
          Die deutsche Mannschaft darf sich im Duell mit Frankreich durchaus Hoffnungen auf Jubel machen.

          EM-Prognose : Deutschland ist gar nicht chancenlos!

          Frankreich! Der Weltmeister! Der Topfavorit! Vor dem Auftakt sehen viele schwarz für die deutsche Nationalelf. Doch die EM-Prognose ist nicht so düster. Das Duell verspricht vielmehr Hochspannung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.