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Nach Wirbel um Siemenstechnik : Manager im Greta-Strudel

Siemens-Chef Joe Kaeser auf einer Konferenz mit Klimaaktivisten in Berlin. Bild: Reuters

An Siemens lässt sich studieren, wie schwer sich Manager mit politischen Protesten tun. Und wie leicht es sich Aktivisten der Klimabewegung machen. Davos wäre eine Gelegenheit zur Besinnung.

          3 Min.

          Es ist faszinierend zu sehen, wie die weltweite Klimabewegung gestandene Manager und mächtige Konzerne in arge Turbulenzen stürzt. Das jüngste Beispiel trägt sich derzeit rund um den Wittelsbacherplatz in München zu. Im Zentrum stehen der Technikkonzern Siemens und ein Auftrag über Signaltechnik für Züge im Wert von umgerechnet nicht einmal 20 Millionen Euro in Australien. Für einen Konzern mit mehr als 85 Milliarden Euro Jahresumsatz hat dieser Einzelauftrag so gut wie keine Bedeutung. Wäre der Begriff nicht diskreditiert, müsste man glatt sagen: Peanuts!

          Doch weil die Siemenstechnik im Umfeld einer riesigen Kohlegrube in Australien zum Einsatz kommen soll, deren indisches Betreiberunternehmen gegenüber Klimasorgen unempfänglich zu sein scheint, haben die Aktivisten nun Siemens als neuralgischen Punkt ausgemacht: Ohne Signale keine Züge, ohne Abtransport kein Kohleabbau, lautet deren simple Logik.

          Nach Protesten vor mehreren Werkstoren sah sich Siemenschef Joe Kaeser gar zu einem Treffen mit einer Protestvertreterin genötigt. Kaesers Hilflosigkeit offenbarte sich in dem plumpen Angebot eines Aufsichtspostens für die junge Frau. Diese freihändige Vergabe von Kontrollämtern brachte nicht nur Aktionäre auf die Palme. Kaeser blitzte auch bei der Umworbenen ab. Für Siemens bleibt ein missglücktes Krisenmanagement und die Streitfrage, wer wann die Brisanz des australischen Auftrages hätte erkennen müssen.

          Kooperation statt Konfrontation

          Eines immerhin kann man Kaeser und Siemens nicht vorwerfen: dass die Münchner unter dem Druck der Straße sofort eingeknickt wären. Bislang jedenfalls steht der Dax-Konzern zu den eingegangenen Verträgen. Das ist keine Selbstverständlichkeit mehr in Zeiten, in denen gestandene Politiker sich vor den Protagonisten der Klimaschutzbewegung klein machen. Es mag das Vorrecht der Jugend sein, mit Eifer und Einsatz für die vermeintlich gerechte Sache zu streiten, ohne jedes Gegenargument sorgfältig abzuwägen. Und wer würde es nicht als Pflicht jeder einzelnen Generation betrachten, den Planeten in verantwortungsvoller Art und Weise zu behandeln und der nächsten zu übergeben?

          Gewählte Amtsträger und Politiker können sich genau dieser Abwägung nicht entziehen und müssen die unterschiedlichen Ziele miteinander möglichst in Einklang bringen. Vom UN-Gipfel in New York wird vor allem die „How dare you“-Rede der schwedischen Protestikone Greta Thunberg in Erinnerung bleiben, in der sie rotzig-schonungslos, bar jeglicher Etikette mit vermeintlichen Fehlern der Politik abrechnete.

          Eine angemessene Antwort der von ihr Angegriffenen blieb jedoch aus. Etwa, dass „wir“ es gewagt haben, in den vergangenen Jahren dank globalen, von der Klimabewegung verpönten Wirtschaftswachstums rund eine Milliarde Menschen aus der absoluten Armut zu bringen, übrigens gemäß der Ziele der Vereinten Nationen. Und ja, es gibt auch dabei Zielkonflikte mit dem Klimaschutz, aber wir bekommen sie nur durch Kooperation gelöst und nicht durch Konfrontation.

          Wirtschaftsvertreter müssen Rolle der Getriebenen ablegen

          Auch viele Wirtschaftskapitäne suchen in diesem Greta-Strudel nach Orientierung. Sie erleben zuhause am Küchentisch dieselben Diskussionen mit ihren Kindern. Die Lösung kann aber weder darin liegen, der Jugend nach dem Mund zu reden, noch darin, sich sang- und klanglos aus Projekten zurückzuziehen, sobald sie in der Kritik stehen.

          Vielmehr müssen Unternehmen sich noch viel deutlicher bewusst machen, welche politisch-gesellschaftlichen Dimensionen ein wirtschaftliches Engagement hat, ehe sie es eingehen. Nicht von ungefähr haben 200 der größten amerikanischen Unternehmen im vergangenen Sommer dem Paradigma der Gewinnmaximierung abgeschworen und sich einem breiten Leitbild verschrieben, dass diese Aspekte einschließt.

          Noch viel wichtiger ist es jedoch, dass die Wirtschaftsvertreter in der aktuellen Debatte die Rolle der Getriebenen ablegen. Dass sie aktiv werden und einer drohenden Verbotskultur begegnen durch kluge, technische Lösungen zum Klimaschutz, die dennoch wachstumsfördernd sind.

          Denn ohne Wachstum wird es angesichts einer weiter steigenden Weltbevölkerung nicht gehen. Von klimaneutralen synthetischen Kraftstoffen bis zu neuen CO2-armen Verbrennungsmethoden für Plastikmüll – es gibt derzeit schon viele verheißungsvolle Ansätze rund um die Welt. Man muss sie zügig und konsequent vorantreiben.

          In der kommenden Woche beginnt in Davos das Weltwirtschaftsforum. Für solche Botschaften ist der Treff in den Schweizer Alpen eine optimale Plattform. Unter den 3000 Teilnehmern finden sich Staats- und Regierungschefs aus aller Welt ebenso wie die Vorstandsvorsitzenden der größten Konzerne. Von wo, wenn nicht von einem solchen Ort, sollten glaubhaftere Signale ausgehen, wie Wachstum und Nachhaltigkeit dauerhaft in Einklang zu bringen sind.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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