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SAP-Manager Bildmayer : „Der Durchschnittskunde schaut nur auf den Preis“

Nicht zu übersehen: Preisschilder bei Lidl Bild: Lando Hass

Lassen sich eine hohe Frauenquote und gute Umweltstandards im Geschäftsbericht in Euro ausdrücken? SAP-Manager Bildmayer sagt: Ja! – und macht Vorschläge, was ein Preisschild noch zeigen sollte.

          3 Min.

          Herr Bildmayer, das Projekt „Quarta-Vista“ wird vom Bundesarbeitsministerium gefördert, um Regeln für nachhaltige Bilanzen zu finden. Warum ist das überhaupt nötig?

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

          Der Kern unserer heutigen Bilanzierung ist sehr alt, schon die Venezianer haben ähnlich gerechnet. Die neue Bilanz ist erweitert, sie enthält mehr als nur die harten, puren Geschäftszahlen. Wir wollen künftig in einer Bilanz auch erfassen, was wir Gutes und Schlechtes für Nachhaltigkeit, Gesellschaft und Wissen bewirken. Und das nicht hinten auf Seite 120 im Nachhaltigkeitsbericht, sondern vorne, direkt in den Finanzkennzahlen.

          Was soll sich ändern?

          Bisher schlagen Investitionen in Nachhaltigkeit nur auf der Aufwandsseite zu Buche. Wenn Sie zum Beispiel auf Fortbildung geschickt werden, bekommt das Unternehmen eine Rechnung über 3000 Euro, und dann war es das. Bislang steht nirgends, dass Sie aus der Fortbildung ein Stück fachkundiger und motivierter wiederkommen und damit wertvoller für die Firma geworden sind. Diesen Mehrwert sollte sich das Unternehmen auf der Haben-Seite im klassischen Finanzteil gutschreiben dürfen – und über die Zeit abschreiben, denn Wissen und Motivation verfallen ja über die Jahre.

          Wie soll das konkret gehen?

          Wir brauchen nicht nur Regeln dafür, wie man eine Maschine über die Jahre abschreibt, sondern wir brauchen auch Zuschreibungsregeln. Wir sollten einen Katalog erstellen mit Dingen, für die ich mir einen Wert in meiner Bilanz positiv gutschreiben darf. Konfliktfrei wird das aber nie ablaufen.

          Was meinen Sie damit?

          Wenn Sie beispielsweise einen Hammer verkaufen, der regional hier in Deutschland hergestellt wurde, dann verdienen daran vielleicht drei Leute: Der Produzent, der Lieferant und der Verkäufer. Wenn Sie den gleichen Hammer in Asien herstellen lassen, dann wird dort viel mehr Handarbeit eingesetzt, und es verdienen viel mehr Menschen daran. Das macht mehr Menschen glücklich. Zugleich aber wird der CO2-Abdruck des Hammers riesig, das ist schlecht.

          Der Zielkonflikt ist klar. Wie aber wollen Sie das je in einer Bilanz in Euro und Cent abbilden?

          Der CO2-Preis ist ja schon festgelegt, der beträgt ab Januar 25 Euro pro Tonne. Wie sich der Wert menschlicher Arbeit besser abbilden lässt, daran arbeiten wir noch.

          Zählt ein Arbeiter in Deutschland dann mehr als ein Arbeiter in Bangladesch?

          Das sollten wir nicht machen, sonst spielen wir ganze Gesellschaften gegeneinander aus.

          Dann werden manche Arbeitgeber Tausende Jobs in Niedrigstlohnländer verlagern, um ihre Bilanz schönzurechnen.

          Auch daran müssen wir noch arbeiten. Aber genau dazu dient unser Projekt ja: Wir müssen an solche Möglichkeiten denken und windigen Geschäftemachern die Schlupflöcher zuschütten.

          Wann wollen Sie fertig sein?

          Gefühlsmäßig wäre ich gerne morgen fertig. Aber es wird wohl eher noch zehn Jahre dauern. Eine solche Rechnungslegung muss ja auch europaweit ausgerollt werden. Es würde gar keinen Sinn machen, sie nur in Deutschland einzuführen.

          Viele EU-Staaten haben spätestens seit der Corona-Krise große Wirtschaftsprobleme. Wollen die Zuständigen in diesen Ländern derzeit etwas von nachhaltiger Rechnungslegung wissen?

          In der EU gibt es schon ein gewisses Informationsgefälle.

          Mit anderen Worten: Die Osteuropäer wollen davon nichts wissen.

          Es gibt in diesen Ländern großartige Menschen und immer auch Skeptiker. Aber es hilft nichts. Einer muss tatsächlich den Pfingstochsen machen und vorangehen. Wenn wir immer nur „man müsste“ sagen, passiert nichts.

          SAP-Manager Reiner Bildmayer leitet das Nachhaltigkeitsprojekt „Quarta-Vista“.
          SAP-Manager Reiner Bildmayer leitet das Nachhaltigkeitsprojekt „Quarta-Vista“. : Bild: SAP

          Angenommen, eine Firma macht nach den neuen Regeln nur deshalb Gewinn, weil sie sich soziale und ökologische Effekte gutschreibt. Dann ist sie irgendwann trotz positiver Bilanzen pleite.

          Rein mathematisch ist das möglich. Aber wir wollen in die neue Rechnungslegung ein Korrektiv einbauen: Wenn es dieser Firma schlechtgeht, wird sie Mitarbeiter entlassen müssen. Das schlägt dann negativ zu Buche. Dieses Unternehmen rutscht dann auch nach den neuen Regeln in die Verlustzone.

          Angenommen, ein Unternehmen erhöht den Frauenanteil, verbraucht gleichzeitig aber mehr Strom: Wie lässt sich das miteinander verrechnen?

          Die entscheidende Frage ist: Was ist für mich als Unternehmen wichtig? Danach müssen Sie steuern.

          Dann werden diejenigen, die ohnehin schon eine hohe Frauenquote haben, diese hoch gewichten.

          Stimmt. Deshalb muss die Politik ein paar Leitplanken setzen, innerhalb derer sich die Firmen bewegen dürfen. Und noch etwas muss sich ändern: Wir brauchen mehr Transparenz. Der Durchschnittskunde schaut derzeit nur auf den Preis und auf sonst nichts. Wenn man ihm am Preisschild aber ganz einfach zeigen könnte: So viel Kinderarbeit steckt in diesem Produkt, und so umweltschädlich wurde es produziert, dann würde sich etwas ändern.

          Das Quarta-Vista-Projekt

          Quarta-Vista ist ein Projekt, das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert wird. Die rund 30 Mitarbeiter sollen eine Methode finden, wie sich zusätzlich zu den finanziellen Kennzahlen eines Unternehmens auch seine Auswirkungen auf die Gesellschaft, die Natur und den Wissensstand bilanzieren lassen. Das Projekt startete im November 2018 und soll im Februar 2021 seinen Abschlussbericht vorlegen. Reiner Bildmayer leitet das Projekt. Der Diplom-Ingenieur arbeitet seit 26 Jahren bei der Softwarefirma SAP und forscht dort derzeit als „Vice President“ zu dem Themenbereich „Zukunft der Arbeit“.

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