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Nach Havarie in Nordsibirien : Russlands Skandalkonzern verschmutzt die Umwelt

Aufräumarbeiten nach der Havarie in Nordsibirien Bild: Reuters

Von Oligarchen aufgebaut, ist Nornickel der weltgrößte Förderer von Nickel und Palladium. Wegen der Havarie in Nordsibirien droht eine Strafe von 1,8 Milliarden Euro – doch es ist unwahrscheinlich, dass es dabei bleibt.

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          Der russische Bergbaukonzern Nornickel kommt nicht zur Ruhe. Jenseits der Landesgrenzen bislang nur wenig bekannt, war das Unternehmen im Zusammenhang mit gleich mehreren Umweltverschmutzungen zuletzt in die Schlagzeilen geraten: Ende Mai, nachdem rund 20.000 Tonnen Diesel aus dem Tank eines Kraftwerks ausgelaufen waren und der Kreml den nationalen Notstand ausgerufen hatte; Ende Juni, nachdem Umweltschützer und Journalisten den Austritt von verseuchtem Abwasser aufgedeckt hatten und der Katastrophenschutz zugleich auf eine brennende Deponie mit Industriemüll aufmerksam geworden war; und erst vergangenes Wochenende wieder nach Bekanntwerden eines Pipelinelecks.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die dabei ausgelaufene Menge an Flugbenzin mutet mit rund 45 Tonnen vergleichsweise bescheiden an. Alle Fälle ereigneten sich unter der Ägide von Nornickel-Tochtergesellschaften im Norden Sibiriens, mehr als 2500 Kilometer entfernt vom Konzernsitz in Moskau. Nach außen kommuniziert der weltgrößte Förderer von Metallen wie Palladium und hochwertigem Nickel bisweilen auffällig transparent.

          Anfang dieser Woche machte er das Ergebnis einer internen Untersuchung publik, wonach der Abwasseraustritt Ende Juni auf ein „völlig inakzeptables“ Fehlverhalten der Betriebsführung zurückzuführen sei. Verstöße gegen den Arbeits- oder Umweltschutz wolle man aus Lehre aus dem Skandal vollständig beseitigen und strenge Disziplinarmaßnahmen ergreifen, sagte Sergey Dyachenko, der Vizepräsident von Nornickel. Auch über das jüngste Pipelineleck, das sich am vergangenen Sonntagvormittag für die Dauer von 15 Minuten ereignete, informierte der Konzern in Eigenregie.

          Doch solche Fälle gelten eher als Ausnahme denn als Regel. Schon im September 2016 hatte Nornickel zunächst bestritten, für das Überlaufen eines Filtrationsbecken und die Kontaminierung eines Flusses verantwortlich zu sein – um wenige Tage später doch einzulenken. Und spätestens seit der Havarie von Ende Mai, der wohl schlimmsten Ölpest in Russland seit dem Jahr 1994, stehen nicht mehr nur Umweltschützer mit Nornickel auf Kriegsfuß. Russlands Präsident Wladimir Putin persönlich hatte die Angelegenheit zum Anlass genommen, der Konzernführung öffentlich Versagen vorzuwerfen. Vorstandschef und Haupteigentümer Wladimir Potanin, laut „Forbes“ mit einem geschätzten Vermögen von rund 20 Milliarden Euro der reichste Mann des Landes, werde die Kosten tragen, sagte Putin – und zwar vollumfänglich.

          Kungelei zwischen Konzernführung und Staat

          Mittlerweile steht eine „freiwillige Entschädigung“ von 147,5 Milliarden Rubel (umgerechnet rund 1,8 Milliarden Euro) im Raum, festgesetzt von der russischen Umweltbehörde Rosprirodnadzor. Das wäre ein Drittel des letztjährigen Konzerngewinns und etwa das 15-Fache des vom Unternehmen bislang kalkulierten Betrags. Die Nornickel-Aktie setzte ihre Talfahrt am Dienstag fort; seit Ende Mai hat sie rund 20 Prozent an Wert verloren, wenn auch das Corona-Tief noch nicht erreicht ist.

          Nornickel indes wehrt sich gegen die Höhe der „freiwilligen Entschädigung“ und attestiert Rosprirodnadzor fehlerhafte Berechnungen. Zwar werde man die Kosten für die Sanierung der Umwelt gemäß den geltenden Rechtsvorschriften tragen und auch das Ökosystem des betroffenen Gebiets vollständig wiederherstellen. Dafür dürfe es aber keine verzerrten Annahmen geben, wie der Gewässer- und Bodenschaden berechnet wird, heißt es in einer Konzernmitteilung.

          Der Nornickel-Präsident Wladimir Potanin

          Mit einem Börsenwert von derzeit rund 34 Milliarden Euro gehört Nornickel seit der Privatisierung in den 1990er Jahren zu den profitabelsten Rohstoffunternehmen der Welt. Seit jeher pflegt die Konzernführung eine Nähe zum Kreml. Der schillernde Oligarch und Chelsea-Investor Roman Abramowitsch hielt bis zum vergangenen Jahr größere Anteile an dem Konzern und Nornickel-Chef Potanin gilt als enger Vertrauter von Präsident Putin.

          Beobachter halten es somit für unwahrscheinlich, dass es am Ende bei der Strafe von rund 1,8 Milliarden Euro bleibt. So schrieb die kremlkritische Zeitung Nowaja Gaseta unlängst, dass die Behörden im Grunde schon seit Jahrzehnten nur nachlässig Umweltkontrollen bei Nornickel durchführten und erklärte sich dies mit einer Kungelei zwischen Konzernführung und Staat. Doch droht ein Reputationsschaden über die Landesgrenzen hinweg.

          Rund 80.000 Mitarbeiter beschäftigt der Rohstoffgigant in Russland, die allermeisten in der nordsibirischen Industriestadt Norilsk. Sie wurde im Jahr 1935 als Arbeitsstraflager im sowjetischen Gulag-System gegründet. Die dortigen Metallvorkommen sind reichlich und haben Nornickel in den vergangenen Jahren zu einem Expansionskurs über die Landesgrenzen hinaus motiviert. Nicht zuletzt der mit dem Schwenk zur Elektromobilität einhergehende Metallboom kommt dem Konzern zupass. So betreibt er im finnischen Harjavalta eine Raffinerie für Nickel und Kobalt. Batteriematerialien fertigt Nornickel dort seit rund zwei Jahren gemeinsam mit dem Ludwigshafener Chemiekonzerns BASF, mit dem er darüber hinaus Harjavalta seit März dieses Jahres auch zu einem europaweiten Batterie-Recycling-Cluster aufbauen will.

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