https://www.faz.net/-gqe-a1k77

Pilotprojekt : Wenn Windräder schwimmen lernen

Ein Prototyp der schwimmenden Windenergieanlage „Nezzy 2“ schwimmt auf einem Baggersee. Bild: dpa

Der Energiekonzern ENBW testet auf einem Baggersee Windräder, die auf dem Wasser treiben. Sie sollen helfen den enormen Energiebedarf der chemischen Industrie zu decken – vorausgesetzt der Modellversuch funktioniert.

          3 Min.

          Die chemische Industrie in Deutschland könnte ihren Ausstoß an Treibhausgasen bis Mitte des Jahrhunderts auf nahezu null reduzieren. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Studie, die der Branchenverband VCI im vergangen Herbst vorgestellt hat. Um die teils riesigen Anlagen nicht mehr mit Gas, Kohle oder Öl zu betreiben, sondern mit Strom, wären allerdings nicht nur erhebliche Investitionen erforderlich. Vor allem müsste es nach Darstellung des VCI auch viel mehr Strom aus erneuerbaren Energien geben.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Die Autoren schätzen, dass sich der Strombedarf der chemischen Industrie von Mitte der 2030er Jahre an auf 628 Terawattstunden mehr als verzehnfachen würde. Das wäre mehr als die gesamte Stromproduktion in Deutschland im Jahr 2018 und etwa das Dreifache des heute produzierten Ökostroms. Das Beispiel zeigt: Selbst ohne den angestrebten Ausbau der Elektromobilität fehlen riesige Mengen an „grünem“ Strom. Ohne den aber wird die erhoffte Dekarbonisierung der Industrieproduktion ein Wunschtraum bleiben.

          In Hymendorf, einem kleinen Baggersee zwischen Bremerhaven und Cuxhaven, startet die Energie Baden-Württemberg (ENBW) einen weiteren Versuch, dieses Problem zu beheben. Tatsächlich ist es bislang nur ein Pilotprojekt, und ob es jemals auch nur annähernd die erhofften Mengen Strom produzieren wird, ist heute noch nicht absehbar. Aber es ist ein Anfang: Mitten auf dem See baut der Energiekonzern ein schwimmendes Windrad. Genauer: zwei Windturbinen, die von einem schwimmendem halb eingetauchten Fundament getragen werden. „Nezzy²“ heißt es, weil gleich zwei Windräder schräg aus dem Fundament in die Höhe ragen. Obwohl 18 Meter hoch, handelt es sich nur um ein Modell im Maßstab eins zu zehn. Später, auf dem offenen Meer, sollen die Anlagen fast 200 Meter hoch werden.

          Sie ragen bis zu 100 Meter aus dem Wasser

          Dort ist die Wasseroberfläche aber auch nicht mehr zehn Meter vom Boden entfernt wie im Baggersee, sondern bis zu 100 Meter. Und genau darum geht es: Die Windräder, die sich teils in großen Windparks schon heute auf dem Meer drehen, sind allesamt fest mit dem Boden verbunden. Bis zu 50 Meter Tiefe würden sich solche „bottom fixed“ Windräder noch rechnen, danach aber werde es wegen der steigende Baukosten für die Fundamente unwirtschaftlich, sagt Klaus Urlich Drechsel, Projektmanager von ENBW. Mit Hilfe der schwimmenden Anlagen will ENBW nach seinen Worten neue Märkte erschließen.

          Ohnehin verfügten die wenigsten Länder über Küstenstreifen, die flach genug seien für feste Windräder. Frankreich etwa wolle nächstes Jahr die erste Auktion für den Bau eines Windparks mit schwimmenden Fundamenten starten. Auch Kalifornien habe solche Pläne angekündigt. Bis zum kommerziellen Betrieb dürfte es seinen Worten zufolge noch bis 2026 oder 2027 dauern.

          Geringe Installations- und Wartungskosten

          ENBW ist relativ spät auf den Zug aufgesprungen. Tatsächlich gibt es schon mehrere Versuchsprojekte auf der Welt, allesamt aber seien sie noch in der Pilotphase, sagt Drechsel. Am weitesten fortgeschritten sei „Hywind“, ein Projekt mit fünf Rädern des norwegischen Energiekonzerns Equinor vor der Küste von Schottland. Im April hat das norwegische Energieministerium die Erlaubnis für einen zweiten größeren Park in der Nordsee genehmigt. Elf Windkraftanlagen mit jeweils acht Megawatt Leistung sollen zum Ärger von Umweltschützern ausgerechnet Strom für zwei Öl- und Gasplattformen liefern.

          Noch ist nicht klar, welche Technik sich durchsetzen wird. Etliche Unternehmen experimentieren mit unterschiedlichen Lösungen, vor allem, um Wellengang und starken Winden Herr zu werden. ENBW hat sich nach Drechsels Worten für ein Konzept des Rendsburger Anlagenentwicklers Aerodyn aus rund 50 Kandidaten entschieden. Sechs Anker am Meeresboden, ausgelegt im Kreis, halten eine Boje fest unter Wasser. An dieser soll dann die gesamte Anlage samt Windrädern eingeklinkt werden. So könne sich der gesamte Aufbau mit zwei Windrädern frei in den Wind drehen. Getestet wird mit zwei 7,5 Megawatt-Anlagen, es spreche aber von der Konstruktion aus nichts dagegen, die Leistung später spürbar zu erhöhen.

          Drechsler geht davon aus, dass die Kosten im Verlauf der Entwicklung weiter sinken, so dass auch frei schwimmende Anlagen ab 35 Meter Wassertiefe wettbewerbsfähig würden. Noch machten sich vor allem die höheren Materialkosten für die sogenannten „Floater“ bemerkbar, aber das werde sich ändern. Die Installationskosten vor Ort etwa seien gering, schließlich benötige man für den Bau keinen teuren Schwimmkran. Zudem können schwimmende Windräder leichter gewartet werden. Bei Bedarf würden sie einfach ausgeklinkt und mit dem Boot an Land gezogen.

          Noch im Sommer will der Konzern raus aus dem Baggersee und erste Tests im Greifswalder Bodden machen, auf der Ostsee, 500 Meter von der Küste entfernt. Im nächsten Jahr dann sollen finale Tests folgen. Diesmal allerdings vor der Küste Chinas, mit einem chinesischen Projektpartner. Wenn alles gut läuft, spielt die Wassertiefe bald kaum noch eine Rolle.

          Weitere Themen

          Fahren mit Selbstgebranntem

          Wasserstoffauto : Fahren mit Selbstgebranntem

          Ist das Auto mit Brennstoffzelle gegenüber dem elektrischen vielleicht die bessere Wahl? Das kommt drauf an. Im Moment kann die Brennstoffzelle noch nicht alleine stehen, zudem fehlt eine gute Infrastruktur.

          Topmeldungen

          Es sieht so aus, dass amerikanische Nutzer Tiktok auch weiterhin aufrufen können.

          Trump ist einverstanden : Neuer Deal soll Tiktok in Amerika retten

          Eigentlich sollte heute das Ende der chinesischen Video-App auf dem amerikanischen Markt eingeläutet werden. Nun haben sich gleich zwei Unternehmen gefunden, die gemeinsam eine Lösung bieten wollen. Washington reagiert positiv.
          Dunkle Wolken über Mehrfamilienhäusern aus der Gründerzeit im Prenzlauer Berg (Archivbild)

          Immobilienmarkt : Der Mietendeckel verschärft Berlins Wohnungsnot

          In Berlin können Mieter bald verlangen, die Miete auf eine gesetzlich vorgegebene Grenze zu senken. Schon jetzt wirkt sich das umstrittene Instrument zur Preisdämpfung massiv auf den Wohnungsmarkt aus. Selbst die Genossen sind verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.