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Offshore-Windkraft : Kritik an Ausbauplänen

Offshore-Windpark in der Ostsee Bild: Paul Langrock/Zenit/laif

Der Ausbau der Windkraft soll forciert werden. Doch Netzbetreiber 50Hertz ist mit den Plänen für die Ostsee unzufrieden – und ein dänischer Investor warnt, dass Deutschland bald kein attraktiver Markt mehr sein könnte.

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          Der Geschäftsführer des Netzbetreibers 50Hertz, Stefan Kapferer, fordert mehr Windräder in der deutschen Ostsee. Die bisherigen Ausbaupläne der Bundesregierung hält er für unzureichend. „Wir laufen ein wenig Gefahr, beim Potential in der Ostsee nachlässig zu werden.“ 2 bis 2,5 Gigawatt Offshore-Kapazitäten mehr als bislang geplant wären dort möglich, sagte Kapferer im Gespräch mit der F.A.Z. Die deutsche Politik sei gut beraten, „dieses Potential zu erschließen“.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das heiße nicht, Abstriche beim Umwelt- und Natur zu machen. „Aber wenn man Klimaschutzpolitik zur Top-Priorität erklärt, kann man andererseits nicht dieses oder jenes Übungsgebiet für U-Boote oder eine Zufahrt zum Hafen XY für genauso wichtig erklären“, sagte Kapferer. 50Hertz, an dem der Bund über die KfW mit 20 Prozent beteiligt ist, gehört das Stromnetz in Ostdeutschland.

          Die Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes steckt derzeit im parlamentarischen Verfahren. Die schwarz-rote Regierung hat darin ihre Ausbauziele zuletzt angehoben, für 2030 von 15 auf 20 Gigawatt; derzeit sind 7,5 Gigawatt installiert. Die mit der Netzagentur und weiteren Behörden erstellten Netzentwicklungspläne sehen allerdings in erster Linie mehr Windräder in der Nordsee vor.

          Ähnlich wie Hermesbürgschaften

          Strittig bleibt zudem die Frage der Finanzierung neuer Offshore-Projekte. Das Wirtschaftsministerium plant die Einführung einer sogenannten zweiten Gebotskomponente: Wenn mehrere Anbieter in der Auktion keinerlei Förderung je Kilowattstunde verlangen, wie bei vergangenen Auktionen geschehen, soll es künftig eine zweite Versteigerung geben. Den Zuschlag erhält dann, wer bereit ist, möglichst viele der Netzkosten mitzutragen.

          Doch neben dem Energieverband BDEW laufen auch Investoren Sturm dagegen, darunter das dänische Unternehmen Ørsted. Dessen Deutschland-Geschäftsführer Volker Malmen warnt vor Unsicherheit und spricht von einer „ideologischen Sackgasse“, in die sich Deutschland manövriere. Es sei besser, wie in Großbritannien – dem größten Markt für Offshore-Windkraft in Europa – Differenzverträge einzuführen.

          Diese sehen vor, einen festen Preis zu verhandeln. Liegt der Strompreis an der Börse unter diesem Preis, erhält der Betreiber einen staatlichen Zuschuss. Im anderen Fall erstattet er die Differenz. Malmen von Ørsted preist dieses Modell, da es Investitionen in die Offshore-Windkraft ähnlich wie Hermesbürgschaften planbar mache.

          „Brauchen eine klare Priorisierung auf die Stromnetzinfrastruktur“

          „Jetzt haben wir endlich mal die Möglichkeit, dass die Industrie und wir als Investoren sich auf diesen Pfad einstellen können, und Deutschland geht einen Sonderweg mit der zweiten Gebotskomponente“, moniert er. So drohe, dass in ein, zwei Jahren nicht genug Interessenten da seien für Offshore-Projekte, ähnlich wie bei der Windkraft an Land. Malmen droht: „Wenn die zweite Gebotskomponente eingeführt wird, dann wird Deutschland keinen attraktiven Markt mehr für den Ausbau von Offshore-Windkraft darstellen.“

          Auch 50Hertz-Chef Kapferer hält es für klüger, auf die europäischen Nachbarländer zu schauen. Die Frage der Förderung ist für ihn aber nicht die drängendste. Man habe vermehrt eine Nachfrage von großen Solarparks nach Netzanschlüssen, die außerhalb der staatlichen Förderung ihre Finanzierung sicherstellen wollen, sagt Kapferer. „Das zeigt, dass es in Zukunft offenbar ohne EEG-Förderung gehen kann.“

          Stefan Kapferer, Geschäftsführer des Netzbetreibers 50Hertz
          Stefan Kapferer, Geschäftsführer des Netzbetreibers 50Hertz : Bild: obs

          Insbesondere in der Industrie wachse die Nachfrage nach Grünstrom schneller als das Angebot. Damit das Offshore-Potential in Europa bestmöglich erschlossen wird, müsse unter anderem die Regelung von Grünstromzertifikaten nochmal diskutiert werden. „Dänen, Briten und Schweden haben Erzeugungsmöglichkeiten, die den Strombedarf in diesen Ländern weit übersteigen“, betont Kapferer. Auf der anderen Seite stünden Länder wie Polen, die bei der Energiewende noch am Anfang stehen, und Länder wie Deutschland im Herzen Europas mit einem sehr hohen industriellen Strombedarf.

          Kapferer: „Wenn wir alle eine gemeinsame Stromnetzinfrastruktur entwickeln – wie sieht es dann mit der Finanzierung dieser Infrastruktur aus? Machen wir das getrennt nach Mitgliedstaaten – oder teilweise gemeinsam? Wir brauchen in Brüssel eine klare Priorisierung auf die Stromnetzinfrastruktur – und dazu gehört dann auch die Frage der Finanzierung.“

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