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Marktbericht zur Windkraft : Spanien forciert, Deutschland stagniert

Der Windkraftausbau in Deutschland liegt am Boden, in vielen anderen Ländern in Europa läuft es besser. Bild: elxeneize

2019 floss in Europa so wenig Geld in neue Windräder wie lange nicht. Die Branche hat dafür aber eine leichte Erklärung – und ist überzeugt, dass die Windkraft in den meisten Regionen die billigste Form der Stromerzeugung ist.

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          Während in Deutschland immer weniger Geld in neue Windkraftprojekte fließt, ist Spanien in puncto Ausbau neue europäische Spitze – und dürfte es in den kommenden Jahren auch bleiben. Das geht aus einem Marktbericht hervor, den die Branchenvereinigung WindEurope am Dienstag veröffentlicht hat. 19 Milliarden Euro wurden demnach im vergangenen Jahr in die Errichtung neuer Anlagen investiert, zwei Drittel davon in Windräder an Land, ein Drittel in Windräder auf See. 15 Prozent oder 2,8 Milliarden entfielen auf Spanien.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und Schweden folgen allesamt Länder aus Nordwesteuropa. Überhaupt absorbiert diese Region 60 Prozent aller Investitionen in neue Windräder. Deutschland hingegen rangiert mit einem Negativrekord abgeschlagen auf Platz 14. Als Hauptgrund gilt der hiesige Ausbaueinbruch an Land. Nachdem schon im Jahr 2018 nur 800 Millionen Euro in neue Onshore-Windräder geflossen waren, sank dieser Wert im vergangenen Jahr nochmal auf 300 Millionen Euro; in der Boomphase 2013 bis 2017 waren es jährlich 2,5 bis 3 Milliarden Euro. Die Branchenvereinigung spricht von überkomplexer Regulierung und einer unklaren politischen Marschrichtung in Deutschland.

          Allerdings war 2019 in ganz Europa nach den vorgelegten Zahlen das schlechteste Ausbaujahr seit langem. Zurückzuführen ist das in erster Linie auf deutliche Rückgänge im Offshore-Segment, in das mit 6 Milliarden Euro so wenig investiert wurde wie zuletzt vor acht Jahren; ohnehin weisen nur neben Frankreich und Großbritannien nur Schweden und Norwegen nennenswerte Investitionen in Windräder auf See auf. Von einer Krise will man bei WindEurope aber nicht sprechen. Offshore gebe es immer nur eine kleine Zahl an relativ großen Projekten und so schwanke das jährliche Investitionsvolumen mit den Zyklen der Projekte.

          Immer größerer Beliebtheit

          Auch dass im Onshore-Segment mit rund 13 Milliarden Euro deutlich weniger Geld in neue Anlagen floss als in den zwei Jahren zuvor, sei kein Grund zur Besorgnis. Im Gegenteil: „Ohne den starken Einbruch der Investitionen in Deutschland hätten wir durchaus einen neuen Rekord in Windenergieinvestments sehen können“, so ein Sprecher von WindEurope. Tatsächlich zeigen Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe in Projektakquisitionen – etwa den Kauf bestehender Anlagen durch Pensionsfonds – und Refinanzierungsgeschäfte – also die Bereitstellung neuer Kredite durch Banken–, dass weiterhin viel Geld im Markt ist. Mit 52 Milliarden Euro entsprach das Gesamtvolumen der Investitionen in die Windkraftbranche 2019 dem Wert der drei Vorjahre, sieht man von dem besonders starken Jahr 2018 ab.

          Einen regelrechten Boom verzeichnen dabei sogenannte Direktabnahmeverträge (Power Purchase Agreements, PPAs) zwischen Ökostromerzeugern und Unternehmen. Als Alternative zum klassischen Handel über die Strombörse in Deutschland bislang marginalisiert, erfreuen sie sich in Ländern mit großer Windstromausbeute immer größerer Beliebtheit, vor allem in Schweden, Norwegen und Großbritannien. Der weit überwiegende Teil der PPAs wird von Industriebetrieben und Unternehmen aus der Konsumgüterbranche abgeschlossen, darunter sind viele Betreiber von energieintensiven Rechenzentren. Die größten Ökostrommengen mittels PPA beziehen dem Marktbericht zufolge der norwegische Aluminiumproduzent Norsk Hydro und der amerikanische Digitalkonzern Google.

          „Mit Hochdruck“

          „Regierungen und Investoren haben weiterhin starken Appetit auf Onshore-Wind“, sagte WindEurope-Geschäftsführer Giles Dickson. Es sei in den meisten Teilen Europas die billigste Form neuer Stromerzeugungskapazitäten. Rückenwind erhofft er sich dabei von dem „Green Deal“ der Europäischen Kommission – erst recht, wenn dieser als Antwort auf die Corona-Krise eine noch ambitionierte Abkehr von fossilen Energien vorsehen sollte. So könne der Anteil der Windkraft am europäischen Stromverbrauch von heute 15 auf 50 Prozent im Jahr 2050 steigen, meint Dickson.

          Großes Wachstum erwartet er in Polen. Doch vor allem Spanien dürfte aus Sicht des Branchenvertreters zu einem neuen Leitmarkt in Europa werden. Der Optimismus speist sich daraus, dass der an Brüssel verschickte nationale Energie- und Klimaplan bis Mitte des Jahrhunderts eine installierte Leistung von 50 Gigawatt Onshore-Windkraft vorsieht – mit der Ausschreibung von jährlich 2 Gigawatt in den Jahren 2021 bis 2030. 50 Gigawatt entsprächen fast der derzeit in Deutschland installierten Leistung an Land.

          Die Begeisterung für die ambitionierten Klimapläne aus Madrid hat auch hiesige Branchenvertreter längst erfasst. „Die spanische Regierung beweist, dass Klimapolitik auch in Krisenzeiten nicht stillstehen darf“, teilte der Bundesverband Erneuerbare Energie vorige Woche mit. Es sei beispielhaft, dass Spanien bis 2030 einen Anteil der Erneuerbaren von 74 Prozent am Stromverbrauch und 42 Prozent am Endenergieverbrauch plane – bei nahezu gleichen Ausgangspunkten wie in Deutschland.

          Zum Vergleich: Die Bundesregierung peilt einen Erneuerbaren-Anteil von 65 Prozent am Stromverbrauch und 30 Prozent am Endenergieverbrauch an. Allerdings steht die Übersendung des nationalen Energie- und Klimaplans nach Brüssel trotz zum Jahreswechsel abgelaufener Frist noch aus, eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums teilt auf FAZ.NET-Nachfrage mit, dass man „mit Hochdruck an der Finalisierung des Dokuments“ arbeite. 

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