https://www.faz.net/-gqe-9tbae

Nachhaltigkeit : Der Wunsch nach einer „enkeltauglichen“ Landwirtschaft

Landwirte aus Schleswig-Holstein fahren am Donnerstag während einer Sternfahrt mit Treckern durch die Hamburger Innenstadt. Bild: dpa

Die negativen Folgen der Landwirtschaft kosten laut einer neuen Studie fast 100 Milliarden Euro. Sie zu reduzieren schaffen die Bauern nicht alleine. In Hamburg wollen sie heute wieder demonstrieren.

          2 Min.

          Die deutschen Landwirte sind wütend: auf die Umweltpolitik, auf die Agrarpolitik und auf das „Bauern-Bashing“, dem sie sich in jüngster Zeit ausgesetzt fühlen. Für diesen Donnerstag haben sie anlässlich der Umweltministerkonferenz in Hamburg wieder zum Protest aufgerufen, mehrere tausend Bauern wollen mit Treckern den Verkehr lahmlegen. Die ersten Gruppen haben sich schon auf den Weg in die Innenstadt gemacht, die Polizei geht im Laufe des Tages von erheblichen Behinderungen aus. 

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Der Frust über die Pläne der Regierung, etwa den Einsatz von Düngemitteln zu beschränken und die Auflagen für den Insektenschutz zu verschärfen, ist groß – doch das ist auch die Aufgabe, vor der die Landwirtschaft auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit steht. Das zeigt eine an diesem Donnerstag veröffentlichte Studie der Boston Consulting Group (BCG), die der F.A.Z. vorab vorlag. Insgesamt rund 104 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente – das sind etwa 13 Prozent der gesamten Emissionen Deutschlands – emittiert die Landwirtschaft demnach jedes Jahr, wenn auch der Ausstoß durch Landnutzungsänderungen berücksichtigt wird.

          Die externen Kosten, also die negativen Auswirkungen, die nicht in den Lebensmittelpreisen und den ökonomischen Entscheidungen der Landwirte abgebildet werden, schätzt BCG auf mindestens 90 Milliarden Euro. Darunter fallen zum Beispiel die abnehmende Artenvielfalt und Belastungen für Böden, Luft und Wasser. Damit würden die negativen Effekte der Landwirtschaft deren Anteil an der deutschen Bruttowertschöpfung, der bei rund 21 Milliarden Euro oder 0,7 Prozent liegt, um ein Vierfaches übersteigen.

          Ein gewagtes Gedankenspiel

          Trotz dieses Ungleichgewichts betonen die Studienautoren gleich zu Beginn: „Die Landwirtschaft spielt eine zentrale Rolle in Deutschland. Sie prägt unsere Kulturlandschaft und trägt maßgeblich zum Erhalt des ländlichen Raums bei.“ Die Studie sieht daher die gesamte Gesellschaft in der Pflicht. Die Landwirte stünden derzeit am Pranger. „Sie tragen aber nicht die alleinige Verantwortung“, sagt der BCG-Senior-Partner und Ko-Autor Torsten Kurth. Die Menschen hätten sich an Lebensmittel zu günstigen Preisen gewöhnt, erwarteten aber gleichzeitig einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck. Würden die externen Kosten berücksichtigt, müsste zum Beispiel der Erzeugerpreis für Rindfleisch auf das Fünf- bis Sechsfache steigen.

          Dass die Interessen indes gar nicht so weit auseinander liegen, hätten Gespräche mit einigen Landwirten gezeigt. Sowohl für konventionelle als auch für Bio-Bauern sei die „Enkeltauglichkeit“ – also der Wunsch, einen funktionierenden Betrieb und intaktes Naturkapital an die nächsten Generationen weiterzugeben – ein zentrales Anliegen.

          Wie das gelingen kann, dafür machen die Studienautoren viele realistische, aber auch einige radikalere Vorschläge. Auf der Seite der Landwirte sehen sie das Potential, die externen Kosten durch relativ niedrigschwellige Methoden um 30 Milliarden Euro zu reduzieren. Dazu zählt der Anbau von Zwischenfrüchten, die flächengebundene Tierhaltung und insbesondere die Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutz- und Düngemitteln. Den weitaus größten Hebel sehen die Autoren in der Verringerung der landwirtschaftlich genutzten Flächen. „Doch das hat seinen Preis“, sagt Kurth. Würden die angeregten Maßnahmen allesamt umgesetzt, ergäben sich Ertragseinbußen von 7 Prozent bei tierischen und 18 Prozent bei pflanzlichen Produkten. Nötig seien deshalb Innovationen zum Beispiel im Präzisionsackerbau und Anreize. Denkbar sei etwa eine Förderung nachhaltiger Praktiken und eine finanzielle Honorierung der Ökosystemleistungen der Landwirte.

          Schließlich wagen die Autoren noch ein Gedankenspiel: Würde zusätzlich zu den Anstrengungen der Landwirte die Lebensmittelverschwendung von aktuell 30 auf null Prozent reduziert, der Fleischkonsum von derzeit 164 auf 45 Gramm je Kopf und Tag gedrosselt und der Export landwirtschaftlicher Produkte eingestellt, ließen sich die externen Kosten auf 20 Milliarden Euro drücken. „Es stellt sich die Frage, ob sich die Weltbevölkerung langfristig bestimmte Ernährungsgewohnheiten noch leisten kann“, sagt Kurth. In jedem Fall sei ein gesamtgesellschaftlicher Wandel notwendig – und eine Landwirtschaft ohne negative Auswirkungen auf die Umwelt in naher Zukunft nicht möglich.

          Weitere Themen

          Bauern-Diplomatie à la Merkel

          Agrargipfel im Kanzleramt : Bauern-Diplomatie à la Merkel

          Kann die Bundeskanzlerin die wütenden Landwirte besänftigen? In einem Spitzentreffen im Kanzleramt zeigt sie Verständnis für die Probleme der Bauern – der von ihnen geforderte Kurswechsel in der Agrarpolitik bleibt aber wohl aus.

          Topmeldungen

          Ehemaliger Hassprediger : Sven Laus Verwandlung

          Der frühere Salafist gibt sich geläutert. Die Haft habe ihn mehr als nur gebrochen. Bald will er sich sogar in der Prävention engagieren. Die Leute hätten ihm ja schon einmal zugehört.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.