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Bauern fürchten um Existenz : Landwirte protestieren gegen Agrarpolitik

Demonstrationsteilnehmer stehen mit Schildern in der Stuttgarter Innenstadt. Landwirte protestieren mit der Aktion gegen die aktuelle Agrarpolitik. Bild: dpa

Bauern klagen über zu viel Insektenschutz und zu wenig Wertschätzung, einige fürchten um ihre Existenz. Die Landschaftsministerin Klöckner zeigt Verständnis und befürwortet die Demos.

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          Dicht gedrängt stehen die Bauern auf dem Münsterplatz in Bonn. „Ihr sät nicht, ihr erntet nicht und wisst dennoch alles besser“, steht auf einem Schild, das aus der Menge ragt. Auf einem anderen ist zu lesen: „Die Politik haut ständig drauf, zu viele Bauern hören auf!“ Die Stimmung ist angespannt, bei den Landwirten hat sich viel Frust angestaut. „Wir müssen ein Zeichen setzen, dass wir uns den grünen Öko-Faschismus nicht mehr gefallen lassen“, ruft Milchbauer Manfred Ulrich aus Sulzbach. Laura Burger aus Nauheim klagt: „Wir fühlen uns von der Politik im Stich gelassen und von der Gesellschaft vernachlässigt – wie Menschen zweiter Klasse.“

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Svea Junge

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die Initiative „Land schafft Verbindung“ hatte zu Protesten aufgerufen. Bei der zentralen Kundgebung in Bonn versammelten sich rund 6000 Teilnehmer, erwartet wurden bis zu 10.000. Ein Trecker-Konvoi dorthin war zehn Kilometer lang, wie die Polizei berichtete. Auch in München, Hannover, Stuttgart und anderen Städten versammelten sich Bauern mit ihren Traktoren. Viele waren schon am Montagabend aufgebrochen und hatten Straßen blockiert.

          Der Protest der Bauern richtet sich gegen das Anfang September vorgestellte Agrarpaket von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD). Das Paket umfasst neben einem freiwilligen Tierwohlkennzeichen eine Umschichtung der EU-Agrarsubventionen. Bislang wird der Großteil der Subventionen allein nach der Fläche eines Betriebes gezahlt, künftig sollen Umwelt- und Klimaschutz eine größere Rolle spielen. Zum Schutz der Insekten soll der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln strengeren Auflagen unterliegen. Der umstrittene Unkrautvernichter Glyphosat soll 2023 verboten werden.

          Weniger als zwei Prozent greifen zu Bio-Ware

          Viele Landwirte sehen sich durch die geplanten Maßnahmen über Gebühr belastet und fürchten um ihre Existenz. Die Kritik der Bauern richtet sich auch gegen die Verschärfung der Düngemittelverordnung. Vor allem in Bundesländern mit viel Nutztierhaltung wie in Niedersachsen sind die Nitratwerte im Grundwasser seit Jahren zu hoch. Die EU-Kommission hat der Bundesregierung kürzlich eine letzte Frist zum Nachbessern gesetzt, andernfalls drohen Strafzahlungen in Höhe von 850.000 Euro am Tag. Die protestierenden Bauern halten dagegen: Die Vorschriften führten zu einer Unterdüngung der Pflanzen und zu Ernteeinbußen. Schon im Frühjahr waren die Bauern dagegen auf die Straße gegangen.

          Was bei den Protesten in Bonn immer wieder zu hören war: Die Erwartungen der Verbraucher an die Landwirte nähmen immer weiter zu, nicht aber die Bereitschaft, für die Produkte aus ökologischer Landwirtschaft mehr zu bezahlen. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums wurden 2018 in Deutschland 9,1 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche nach den Prinzipien des ökologischen Landbaus bewirtschaftet.

          Bei Fleisch greifen bislang weniger als 2 Prozent der Verbraucher zu Bio-Ware. Klöckner sagte am Dienstag, sie könne nachempfinden, wie es den Bauern gehe. Es sei gut, wenn sie von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch machten. Es gebe in der Gesellschaft zu wenig Wissen darüber, wie Lebensmittel produziert würden. Umweltministerin Schulze zeigte sich zurückhaltender. Sie wies stattdessen auf die dramatisch sinkende Zahl der Feldvögel hin und forderte besseren Insektenschutz in der Agrarlandschaft.

          Die Landwirte wehren sich auch gegen internationale Handelsabkommen wie jenes, das die EU kürzlich mit den Mercosur-Staaten abgeschlossen hat. Dadurch würden immer mehr Produkte importiert. Für Albert Schmitz aus Wartberg, der ebenfalls auf dem Bonner Münsterplatz demonstrierte, ist das Maß voll. „So kann es nicht weiter gehen. Wir wollen wieder stolz sein auf unseren Beruf“, sagte er. Die Landwirte kündigten weitere Proteste an, sollte die Politik ihren Forderungen nicht entgegenkommen. Mit grünen Kreuzen auf ihren Feldern machen viele derzeit auf die Lage in der Landwirtschaft aufmerksam.

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