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Klimaschutzziele : Die Windkraft kommt nicht voran

Windräder in Brandenburg, Sieversdorf Bild: dpa

Der Ausbau der Windkraft hinkt vor allem in Deutschland den gesetzten Zielen hinterher. In anderen europäischen Ländern sieht es nicht viel besser aus. Die Branche ist enttäuscht.

          3 Min.

          Geschlossene Produktionshallen, unterbrochener Getriebeturbinenbezug aus Indien – die Corona-Krise hat auch der europäischen Windindustrie im ersten Halbjahr empfindliche Einbußen beschert. Dennoch konnten Anlagen mit 5,1 Gigawatt Leistung installiert und das Niveau der drei Vorjahre gehalten werden, wie der Branchenverband Windeurope am Donnerstag mitteilte. 3,9 Gigawatt entfielen demnach auf Windräder an Land, 1,2 Gigawatt auf Windräder zu See. Auch was die Finanzierung neuer Projekte anbelangt, vermeldet der Verband positive Zahlen. So sei mit 14,3 Milliarden Euro so viel Geld zusammengekommen wie nie zuvor in einem Halbjahr.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Über die anhaltenden Probleme der Windkraft in einigen Ländern kann das allerdings nur bedingt hinwegtäuschen. Denn Grund für diese Rekordsumme ist nämlich einzig eine außergewöhnlich große Mittelbereitstellung für Offshore-Projekte in Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden. 11 Milliarden Euro kamen in den drei Ländern so zusammen. Dagegen markieren die 3,3 Milliarden Euro, die Investoren für Onshore-Projekte bereitstellten, einen Tiefpunkt. Auch die Prognose der Branchenvertreter für das zweite Halbjahr ist wegen der Corona-Krise durchwachsen.

          Vor allem im größten europäischen Markt, in Deutschland, geht der Ausbau der Windkraft nicht voran. Das zeigt die am Donnerstag vom Bundesverband Windenergie (BWE) und VDMA Power Systems präsentierte Halbjahresbilanz. Demnach stieg die Zahl an installierten Windrädern abzüglich abgebauter Altanlagen von 29.456 auf 29.546 – also um 90 Anlagen oder 0,3 Prozent. Weil die neuen Modelle größer und effizienter sind, ist der Zuwachs an Leistung mit 0,9 Prozent etwas größer; in Summe erhöhte sich der Bestand um 0,5 auf nunmehr 54,4 Gigawatt, im zweiten Halbjahr soll laut den Branchenvertretern nochmal ein Gigawatt dazu kommen.

          Zu langsam, um Klimaziele zu erreichen

          Aus ihrer Sicht geht der Ausbau deutlich langsamer voran als von der Bundesregierung im Zuge der Energiewende für notwendig erachtet – zumal die Anlagen nur wenige Wochen im Jahr unter Volllast arbeiten, die installierte Leistung also weit höher als die tatsächlich realisierte Leistung liegt. „In den letzten Monaten hat die Bundesregierung immer wieder deutlich gemacht, dass eine nachhaltige Steigerung der Energieversorgung mit Erneuerbaren Energien gewollt ist. Die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung sieht einen zusätzlichen Bedarf an Erneuerbaren-Energien-Anlagen mit einer Gesamtleistung von bis zu 5 Gigawatt inklusive Onshore-Windenergie zur Erzeugung von grünem Wasserstoff bis 2030 vor“, sagte Matthias Zelinger, Geschäftsführer von VDMA Power Systems.

          Es sei ein Widerspruch, einerseits ambitionierte Klimaziele zu formulieren, andererseits aber nicht den Weg für den dafür notwendigen Ausbau der Erzeugung durch Erneuerbare Energien zu ebnen, so Zelinger. Defizite sehen er und BWE-Präsident Hermann Albers vor allem auf Planungs- und Genehmigungsseite. „Der Knoten bei Genehmigungen muss durchschlagen werden, und die Bereitstellung von ausreichend Flächen in den Ländern braucht neuen Schwung“, meint Albers. Nur dann ließen sich der benötigte Ausbau der Erneuerbaren Energien und die Klimaschutzziele erreichen. Vor allem die stellenweise erheblichen Anwohnerproteste verlangsamen aus Sicht der Windbranche den Ausbau.

          Windräder auch im Staatsforst

          „Die Verfahren dauern viel zu lange!“, bemängelte gerade erst auch Frank Mastiaux, Chef des Energieversorgers EnBW, im Gespräch mit der F.A.S. Bis ein Windpark gebaut werden darf, brauche es im Schnitt fast sechs Jahre, so Mastiaux. Eine zügige Umsetzung scheitere oft an langen Genehmigungsverfahren und lokalen Widerständen. Rückhalt aus der Politik im Südwesten hat EnBW. Laut Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) brauche es zudem mehr Windräder im Wald. „Ohne den Staatsforst werden wir uns sehr schwer tun, die Windkraft massiv auszubauen. Wir können es uns nicht leisten, unsere Wälder quasi auszuklammern, wenn wir neue Standorte suchen“, so Untersteller.

          Auch der zuletzt deutlich gestiegene Ökostromanteil am Stromverbrauch kann die Vertreter der Windbranche nicht zufrieden stimmen – der Energieverband BDEW bestätigte nun vorherige Berechnungen von Agora Energiewende und dem Umweltbundesamt, wonach im ersten Halbjahr witterungs- und krisenbedingt die 50-Prozent-Marke übersprungen wurde. BWE und VDMA Power Systems verweisen darauf, dass bis Mitte der 2020er Jahre die Förderung nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz für rund 15.000 Windräder an Land ende. Deshalb brauche es „eine klare auf die Energiewende ausgerichtete Repowering-Strategie“, also Maßnahmen, um alte Anlagen weiterzubetreiben. „Die derzeitigen Hürden zur freien Vermarktung von Erneuerbarem Energien-Strom müssen fallen und Direktbelieferungen, beispielsweise in Form von Power Purchase Agreements (PPA), müssen vereinfacht werden“, so ihre Forderung. Ebenso müsse die Definition von Eigenstromerzeugung neu gefasst werden. 

          Dass in puncto Ausbau wenig Besserung in Sicht ist, zeigen auch die am Donnerstag von der Bundesnetzagentur vorgelegten Ausschreibungsergebnisse für neue Anlagen; seit 2017 müssen Projektierer, die für ihre Projekte die Ökostromvergütung nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz erhalten wollen, an Auktionen teilnehmen. Doch zum Gebotstermin 1. Juli war die Ausschreibung abermals unterzeichnet: 275 Megawatt waren ausgeschrieben, aber es nahmen nur Projekte im Umfang von rund 191 Megawatt an der Auktion teil. Die Werte der bezuschlagten Gebote reichten laut Netzagentur von 5,5 bis 6,2 Cent je Kilowattstunde. Der mengengewichtete durchschnittliche Zuschlagswert lag wie zuletzt bei 6,14 Cent. Ein anderes Bild ergibt sich bei der Solarenergie: In der Solarausschreibung zum 1. Juli wurden hier 174 Gebote mit einem Umfang von 779 Megawatt abgegeben – dabei betrug die ausgeschriebene Menge gerade einmal 193 Megawatt.

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