https://www.faz.net/-gqe-a48x9

Keine Kompromisse : Die neuen Moralapostel

Ein Mitarbeiter des Apfelweinlokals "Gemaltes Haus" im Stadtteil Sachsenhausen entzündet einen der Heizpilze im überdachten Gartenbereich. Bild: dpa

Ob Klimaschutz, Tierwohl oder Migration: Auf vielen Politikfeldern sind Kompromisse kaum noch möglich. Woher diese Rigorosität kommt – und warum sie so gefährlich ist.

          6 Min.

          Das Streitobjekt ist ungefähr 2,20 Meter hoch, 80 Zentimeter breit und glänzt silbern: Die Rede ist vom gemeinen Heizpilz. Viele Jahre hatte er in der kalten Jahreszeit einen festen Platz auf den Terrassen von Restaurants und Bars, dann verbannten immer mehr Städte den Energiefresser. Im deutschen Corona-Herbst ist der Heizpilz wieder allgegenwärtig, noch nicht in der Gastronomie, aber in der politischen Debatte. Soll er in diesem Winter ausnahmsweise wieder erlaubt sein, um Gastronomen mehr Geschäft zu ermöglichen? Oder geht Klimaschutz vor Umsatz? Vor allem die Grünen spaltet diese Frage. Während die Jungen auf den Klimaschutz pochen, wirbt Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter für einen pragmatischen Kurs. „Ich bin kein Fan von Heizpilzen“, sagte er kürzlich. „Aber bevor die Restaurants alle pleitegehen, sollen sie halt Heizpilze aufstellen.“

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Wenn das als eine Art Machtwort gedacht war, hat es nicht funktioniert. Die Diskussion über die Heizpilze geht munter weiter. Um deren CO2-Emissionen geht es dabei allenfalls am Rande, die Heizpilze sind längst zu einem Symbol für das große Ganze geworden. Wer für sie ist, der ist gegen den Klimaschutz. Und umgekehrt. Es ist eine Diskussion der Extreme, wie in so vielen anderen Politikfeldern auch. Das jeweils andere Lager wird als moralisch unterlegen diskreditiert. Die Folge sind jede Menge festgefahrene Konflikte. Und das ungute Gefühl: Wo führt das hin, wenn jedes Detail zu einer Grundsatzfrage wird?

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          : 65% günstiger

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Sicher ist sicher: Wenn nicht immer genug Abstand gehalten werden kann, empfiehlt es sich, die Maske auch im Büro zu tragen.

          Corona am Arbeitsplatz : „Tröpfchen fliegen bis zu 20 Meter weit“

          Nicht jeder kann sich vor der Pandemie ins Homeoffice flüchten. Der Arbeitsmediziner David Groneberg erklärt, wie groß die Corona-Gefahr im Büro ist, welches Raumklima die Viren mögen und was man alles noch nicht weiß.
          Polizisten in Essen kontrollieren den Mercedes zweier junger Männer.

          Forscher im Interview : „Mit Demokratie kommen Clans nicht gut zurecht“

          Früher dachte man bei Clans an schottische Hochlandbewohner, die einander die Köpfe einschlagen. Heute denkt man an Drogenhandel und Schweigegelübde. Ein Interview mit Clan-Forscher Ralph Ghadban, der sagt: „Junge Frauen spielen eine entscheidende Rolle“.