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Neue Untersuchung : Die Klimaschutzbilanz fällt verheerend aus

  • -Aktualisiert am

Die Bundesregierung will die Herausforderung mit den neuen Klimagesetzen angehen, den Umweltgruppen reicht das aber nicht. Bild: dpa

Die 20 wichtigsten Länder der Erde verantworten 80 Prozent der weltweiten Emissionen. Doch ein Bericht zeigt: Die im Pariser Klimaabkommen vereinbarten Ziele werden sie wohl klar verfehlen.

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          Der Name des seit dem Jahr 2015 von mehr als einem Dutzend Umwelt- und Klimagruppen vorgelegten Berichts ist Programm: „Brown to Green“. Doch sein Name passt auch in der fünften Ausgabe so gar nicht zum Inhalt. Die Untersuchung zur Klimapolitik der 20 wichtigsten Staaten der Erde, der G 20, kommt vielmehr abermals zu ernüchternden Ergebnissen. Allen voran: Keiner der Staaten befindet sich auf einem Kurs, der geeignet erscheint, das im Pariser Klimaabkommen verabredete Limit des Temperaturanstiegs von 1,5, höchstens aber zwei Grad Celsius einzuhalten.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          In der Bewahrung des Ökosystems spielt die G 20 eine Schlüsselrolle, denn sie verantwortet rund 80 Prozent der globalen Emissionen, mit wachsender Tendenz. Im vergangenen Jahr stießen die 20 größten Volkswirtschaften 1,8 Prozent mehr Klimagase aus als im Vorjahr. Zwei der drängendsten Problemfelder sind laut dem Report Gebäude und der Verkehr. In beiden Sektoren gehöre Deutschland zu den Negativbeispielen. Mit Emissionen im Gebäudesektor von mehr als drei Tonnen je Einwohner liege Deutschland fast 50 Prozent über dem EU-Schnitt und doppelt so hoch wie der G-20-Durchschnitt.

          China punktet mit Bus- und Bahn-Plänen

          Die Bundesregierung will die Herausforderung mit den neuen Klimagesetzen angehen, den Umweltgruppen reicht das aber nicht. So müsse die Rate der Sanierung des Gebäudebestands für einen klimafreundlichen Kurs verfünffacht werden. Nur bei Neubauten stellen sie Deutschland ein besseres Zeugnis aus. Insgesamt seien die Emissionen der G 20 in keinem anderen Sektor 2018 so stark gestiegen wie im Gebäudebereich – um 4,1 Prozent.

          Wenig anders das Bild im Verkehrssektor. Hier habe der Abgasausstoß das Vorjahresniveau um 1,2 Prozent übertroffen. Deutschland liege dort bei den Pro-Kopf-Emissionen direkt hinter den großen Flächenstaaten Amerika, Kanada, Australien sowie Saudi-Arabien. Während die Deutschen im Schnitt 84 Prozent ihrer Reisen mit dem Auto machten, drohe das Land in der Elektromobilität den Anschluss zu verlieren.


          Das Klimapaket der Koalition

          © dpa

            Die Spitzen der Koalition haben sich auf eine Klimastrategie geeinigt.

            Zertifikatehandel

            • Für CO2-Emissionen von Verkehr und Gebäuden müssen ab 2021 Zertifikate erworben werden.
            • Einstiegspreis: 10 Euro je Tonne CO2
            • Anstieg des Preises auf 35 Euro bis 2025
            • Ab 2025 Preisbildung über Handel
            • Mit den Zertifikaten müssen nicht die Endkunden handeln, sondern die Unternehmen, die fossile Heiz- und Kraftstoffe in Verkehr bringen oder liefern.

            Fossile Brennstoffe werden teurer

            • Fachleute schätzen bei einem CO2-Preis von 35 Euro je Tonne:
            • Diesel und Heizöl jeweils + 11 Cent je Liter
            • Benzin + 10 Cent je Liter
            • Erdgas + 1 Cent je Kilowattstunde

            Entlastungen

            • Erhöhung der Pendlerpauschale auf 35 Cent je Kilometer für längere Strecken – ab dem 21. Kilometer und auf 5 Jahre befristet
            • Senkung der Mehrwertsteuer auf Bahntickets
            • Staatliche Förderung beim Austausch alter Ölheizungen mit bis zu 40 Prozent
            • Senkung der EEG-Umlage auf den Strompreis

            Weitere Maßnahmen

            • Anhebung der Luftverkehrssteuer zum 1. Januar 2020
            • Verbot neuer Ölheizungen ab 2026

            Finanzierung

            • Gesamtvolumen des Pakets: mehr als 50 Milliarden Euro
            • Keine neuen Schulden
            • Keine Klimaanleihe


          Amerika, Kanada und Südkorea hätten das Autoland Deutschland mit seinen knapp 2 Prozent Marktanteil für neu zugelassene E-Autos in den vergangenen beiden Jahren überholt. Spitzenreiter China habe ihn binnen Jahresfrist sogar auf 4,5 Prozent fast verdoppelt. Lob für China, den weiter wachsenden größten Kohlendioxidemittenten der Welt, gibt es auch für dessen ambitionierte Bus- und Bahn-Pläne: In den Großstädten des Landes sollten schon nächstes Jahr 30 Prozent aller Fahrten mit Bus und Bahn absolviert werden.

          Eine langjährige Forderung der Klimaschützer ist, die Subventionen für kohlendioxidhaltige Energieträger wie Kohle und Öl abzuschaffen. Aber auch hier sehen sie wenig Fortschritte. So seien nach letzten Zahlen im Jahr 2017 weiter 127 Milliarden Dollar an Subventionen in fossile Energien geflossen. Doch räumen sie ein, dass die Zahlen schwierig zu bewerten seien, weil darin auch „sinnvolle Subventionen“ etwa für den Kohleausstieg enthalten sein könnten.

          Abhängig von fossiler Energie

          Ungebrochen hängen die 20 wirtschaftlich stärksten Länder an fossilen Quellen. Vier Fünftel ihrer Energie bezogen sie aus Kohle, Öl und Gas. Zwar nahm der Anteil grüner Energien, vor allem in der Elektrizitätserzeugung, um 5 Prozent zu, doch blieb der Anteil fossiler Träger wegen einer insgesamt steigenden Nachfrage nach Energieleistungen mit 82 Prozent der Gesamtnachfrage hoch.

          Der Ausbau des Grünstromangebots sorgte indes auch dafür, dass die Emissionen im Elektrizitätssektor „nur“ um 1,6 Prozent zulegten. Die Spannweite der Ökostromerzeugung unter den G-20-Staaten sei dabei groß. Während Brasilien mit seinem hohen Angebot an Wasserkraft 82,5 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen gewinne, seien es in Saudi-Arabien, Südkorea und Südafrika weniger als 5 Prozent. Deutschland schneide hier gut ab. Zuletzt lag der Öko-Anteil an der Stromerzeugung bei 43 Prozent.

          Der Report listet auch Schäden und Verluste auf, die dem Klimawandel zugerechnet werden. Extremwetterereignisse hätten in den Jahren 1998 bis 2017 in den G-20-Staaten mehr als 260.000 Menschen das Leben gekostet. Die materiellen Schäden beliefen sich auf 2,65 Billionen Dollar. Deutschland gehöre in der G 20 neben Russland, Frankreich, Italien und Indien zu den am stärksten betroffenen Staaten.

          Einen Lichtblick erkennen die Autoren des Reports trotz aller schlechten Botschaften. Immerhin sei etwa die Hälfte der G-20-Mitglieder auf einem guten Weg, selbstgesetzte Klimaziele zu erreichen oder zu überbieten. Zwar reichen die Versprechen nicht, um die Vorgaben des Pariser Protokolls zu erfüllen.

          Die Umweltschützer wollen das gleichwohl zu einem politischen Vorteil nutzen. Staaten, die ihre Ziele überböten, könnten ihre bisherigen Zusagen demnach erhöhen – vertraglich und verbindlich. Darum soll es auf der Klimakonferenz im nächsten Jahr gehen, die im schottischen Glasgow stattfindet. Vorbereitungen dazu sollen auf dem von Chile nach Madrid verlegten Dezember-Gipfel getroffen werden.

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