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Gegen den Klimawandel : Internationale Energieagentur: Keine neuen Öl- und Gasfelder

Eine Ölplattform vor der britischen Ostküste Bild: dpa

Brisante Kehrtwende: Die Energieexperten der IEA fordern, keine weiteren Vorkommen mehr zu erschließen. Und sie machen eine dramatische Vorhersage für den Ölpreis.

          3 Min.

          Die Internationale Energieagentur (IEA) ruft den Abschied vom Erdölzeitalter aus: Ab sofort sollen keine Investitionen in die Erschließung neuer Öl- und Gasvorkommen mehr erfolgen, fordern die Energieexperten aus Paris in einem neuen Bericht, der beschreibt, wie die Welt bis zur Mitte des Jahrhunderts ihre Emissionen an klimaschädlichem CO2 netto auf Null senken kann. Darin empfiehlt die IEA auch, ab dem Jahr 2035 den Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotor auf der ganzen Welt zu stoppen und den Bau weiterer konventioneller Kohlekraftwerke unmittelbar einzustellen.

          Die Energieagentur ist eine dem Industriestaatenverbund OECD angegliederte multinationale Organisation und genießt wegen ihrer Expertise im Energiesektor großes Ansehen. Der rund 220 Seiten starke Bericht ist nach ihren Angaben die erste umfassende Studie, wie der globale Übergang zu einem klimaneutralen Energiesektor gelingen kann. Das Papier dient als Vorbereitung auf die Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen im November im schottischen Glasgow.

          Die Forderung der Energieagentur nach einem Investitionsstopp für neue Öl- und Gasvorkommen hat Signalwirkung: sie liefert den Gegnern der Ölindustrie, aber auch kritischen Aktionären, die auf eine entschlossenere Neuausrichtung der Energieunternehmen dringen, Argumente an die Hand. Zugleich ist der Kurswechsel der IEA symbolträchtig: Gegründet worden ist die Energieagentur vor knapp einem halben Jahrhundert als Reaktion auf die Knappheit fossiler Brennstoffe infolge der ersten Ölkrise 1973. Noch vor wenigen Jahren haben die IEA-Fachleute mit Nachdruck auf höhere Investitionen in neue Öl- und Gasfelder gedrungen, weil sonst Versorgungsengpässe drohten.

          Klimaschutz im Mittelpunkt

          Jetzt dagegen macht die IEA ein ganz anderes Szenario auf, in dem der Klimaschutz im Mittelpunkt steht. Die Eindämmung des Temperaturanstiegs auf der Erde sei „die vielleicht größte Herausforderung, der die Menschheit jemals gegenüberstand“, mahnt IEA-Generaldirektor Fatih Birol. Es gebe einen „tragfähigen Pfad“ hin zu einem klimaneutralen globalen Energiesektor. Allerdings sei dieser „schmal“ und er erfordere „eine noch nie dagewesene Transformation“, sagte Birol. Statt in neue Öl- und Gasfelder müsse die Welt dringend viel mehr Geld in erneuerbare Energien und Innovationen für den Klimaschutz investieren. Die Energiefachleute plädieren deshalb dafür, nur noch in laufende Projekte zur Erschließung von Öl- und Gasquellen zu investieren, aber keine neuen mehr anzugehen.

          Laut IEA hat das Ende des Erdölzeitalters bereits begonnen. Der globale Ölverbrauch werde nie wieder das Niveau von 2019 erreichen, prognostizieren die Energiefachleute. Im vergangenen Jahr ist die Ölnachfrage wegen der Covid-Pandemie bereits gesunken. Aber auch wenn diese überwunden sei, werde der Verbrauch nachhaltig zurückgehen und bis Ende des Jahrzehnts um 18 Prozent niedriger liegen als 2020. Bis 2050 prognostiziert die IEA einen globalen Nachfragerückgang um drei Viertel. Der Verbrauch von Erdgas werde gegen Ende des Jahrzehnts seinen Höhepunkt erreichen und dann ebenfalls stark sinken.

          Die Energiefachleute erwarten, dass  die rückläufige Nachfrage zu einem drastischen und dauerhaften Rückgang der Ölpreise führt. Bis 2030 sei mit einem Preis von nur noch 35 Dollar je Fass (zu 159 Liter) zu rechnen. Zum Vergleich: Derzeit kostet Rohöl der Nordseesorte Brent knapp 70 Dollar und damit gut doppelt so viel. „Der Rückgang der Öl- und Gasnachfrage wird weitreichende Folgen für alle Länder und Unternehmen haben, die diese Brennstoffe liefern“, warnt die IEA. Sie sagen voraus, dass sich viele Anlagen zur Förderung von Öl und Gas als Fehlinvestitionen erweisen und für die Geldgeber zum Verlustgeschäft werden („stranded capital“). Bereits 2020 haben führende Ölkonzerne wie Shell und BP milliardenschwere Wertberichtigungen auf Öl- und Gasfelder vorgenommen.

          Mehr Einfluss für die OPEC 

          Der Abschied vom Erdöl hat aber auch geopolitische Konsequenzen. So kommt die IEA zu dem überraschenden Schluss, dass der Einfluss des Ölförderstaaten-Kartells Opec vorübergehend sogar wächst. Die Begründung dafür: Viele Opec-Mitglieder könnten zu sehr günstigen Kosten Öl fördern und deshalb auch noch bei Niedrigpreisen Geld verdienen. Für andere Anbieter mit höheren Kosten wird die Förderung dagegen unrentabel, sie scheiden früher aus dem Markt aus. Die IEA erwartet deshalb, dass der Anteil der Opec-Staaten an der globalen Ölförderung von derzeit gut einem Drittel auf etwa die Hälfte wächst. Allerdings werde der Ölmarkt insgesamt eben auch viel kleiner sein als heute.

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          Während die Ölindustrie schrumpft, muss die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wind und Sonne massiv ausgebaut werden. Einen kleineren Anteil zur klimaschonenden Stromversorgung werde auch die Atomkraft leisten, erwartet die IEA. Insgesamt seien für den Radikalumbau des globalen Energiesystems bis 2030 jährliche Investitionen von 5 Billionen Dollar notwendig, schätzen die Fachleute. In den beiden nachfolgenden Jahrzehnten müssten ähnlich hohe Kapitalbeträge für die Energiewende mobilisiert werden. Heute dagegen werden im globalen Energiesektor lediglich rund 2 Billionen Dollar im Jahr investiert.

          Im Zentrum des Umbaus stehen die erneuerbaren Energien. Der Bau neuer Wind- und Solarparks rund um den Globus müsse in den kommenden Jahren viermal so schnell erfolgen wie im vergangenen Jahr, rechnet die IEA vor. Große Bedeutung haben auch Innovationen: die Hälfte der notwendigen Minderung der globalen CO2-Emissionen müsse durch neue Technologien erreicht werden, die bislang noch nicht marktreif seien, erwarten die Energiefachleute. Als Beispiele nennen sie bessere Batterien zur Stromspeicherung, Anlagen zur klimaschonenden Erzeugung von Wasserstoff und neue Technik, mit der CO2 aus der Atmosphäre entfernt werden kann („direct air capture“).

          Doch die enormen Anstrengungen sollen sich auszahlen: Die IEA-Fachleute sagen, ihr Plan für ein neues Weltenergiesystem könne für „Millionen von Arbeitsplätzen“ und  mehr Wirtschaftswachstum sorgen – und zugleich Klimaneutralität möglich machen.

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