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Globale Energiewende : 3 Billionen für Wirtschaft und Klima

Arbeiter installieren eine Solaranlage auf einem Dach in Spanien. Bild: Bloomberg

Die Corona-Krise überwinden und zugleich einen Schritt hin zu einer ökologischeren Wirtschaft tun? Die Welt braucht ein grünes Konjunkturprogramm, fordert die Internationale Energieagentur. Wie das gehen soll, erklärt ihr Chef.

          3 Min.

          Der Bericht ist fast 170 Seiten dick und verspricht Großes: Nicht weniger als einen Masterplan dafür, wie die Welt die schwerste Wirtschaftskrise seit neun Jahrzehnten überwinden und zugleich einen entscheidenden Durchbruch beim Klimaschutz erzielen kann. „Das Jahr 2019 kann das Jahr werden, in dem die globalen CO2-Emissionen definitiv ihren Höhepunkt überschritten haben und in Zukunft nachhaltig sinken werden“, sagte Fatih Birol, Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA), im Gespräch mit der F.A.Z. Die Fachleute der multinationalen Behörde in Paris haben den Bericht in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) erarbeitet.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Die Regierungen haben jetzt eine einmalige Chance, ihre Wirtschaft neu zu starten und zugleich den Umbau des Energiesystems entscheidend zu beschleunigen“, wirbt IEA-Chef Birol für seinen Plan. Darüber beraten werden soll am 9. Juli auf einem von der Energieagentur organisierten „Clean Energy Transitions Summit“. An der virtuellen Konferenz nehmen nach Angaben der Energieagentur Regierungsvertreter teil, auf deren Länder mehr als 80 Prozent des globalen Energieverbrauchs entfallen. Zugesagt haben unter anderem die Energieminister der Vereinigten Staaten und Chinas. Beide Volkswirtschaften sind die mit Abstand größten Klimasünder der Welt. „Wir hoffen darauf, dass auch Minister Altmaier zusagen wird,“ sagt Birol.

          „Ich bin da sehr optimistisch“

          Die Eckpunkte des grünen Wirtschaftsprogramms der Energieagentur sehen so aus: In den drei Jahren bis Ende 2023 sollen rund um den Globus staatliche und private Investitionen von insgesamt 3 Billionen Dollar mobilisiert werden. Sie sollen sowohl die durch die Corona-Pandemie schwer getroffene Weltwirtschaft in Schwung bringen als auch dem Klimaschutz dienen. Damit könnten jährlich neun Millionen Arbeitsplätze bewahrt oder neu geschaffen werden, schätzen die Ökonomen von IEA und IWF. Die jährlichen globalen CO2-Emissionen könnten mit diesem Klimaschutz-Investitionsprogramm um 4,5 Milliarden Tonnen niedriger ausfallen als ansonsten zu erwarten. Zum Vergleich: Das wären rund 13 Prozent des globalen Gesamtausstoßes von 2019. Die Welt wäre damit erstmals auf einem guten Weg, die Ziele des Pariser Klimagipfels zu erreichen, sagt Birol.

          In der Corona-Krise habe sich die Debatte „leider stark polarisiert“, beklagt der IEA-Chef. Diskutiert werde häufig, ob es jetzt wichtiger sei, Jobs zu schaffen oder das Klima zu schützen. „Wir zeigen, dass beides geht“, sagt Birol. Denn die Fachleute von IEA und IWF setzten bei ihren Vorschlägen auf grüne Investitionsprojekte, die schnell verwirklicht werden können – und damit den von Ökonomen empfohlenen raschen Anschub für die Konjunktur liefern.

          Drei Felder hält die Energieagentur dabei für besonders vielversprechend: Erstens solle rund um den Globus der Ausbau von Solarenergie und Windkraft forciert werden. „Das ist kostengünstig und geht schnell“, sagt Birol. Zweitens sollte die energetische Sanierung von Gebäuden rasch vorangetrieben werden, und drittens sollten die Stromnetze modernisiert werden. Insgesamt analysiert der Bericht rund 30 Einzelmaßnahmen.

          Was machen Amerika und Asien?

          Aber werden die Politiker den Vorschlägen der Energieagentur folgen? „Ich bin da sehr optimistisch“, sagt Birol. „Selbst wenn es einer Regierung nur um Wirtschaftswachstum geht und ihr der Klimaschutz völlig egal ist, wäre das eine exzellente Investition.“ Die geschätzten Kosten der Investitionsoffensive von jährlich rund 1 Billion Dollar entsprechen rund 0,7 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Doch das Wachstum würde dadurch jährlich um 1,1 Prozentpunkte steigen, kalkulieren die Ökonomen.

          Aus Sicht der Energieagentur relativieren sich die hohen Summen, wenn man diese mit den gigantischen Ausgaben der Regierungen im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie vergleicht. Bisher wurden dafür auf der ganzen Welt bereits rund 9 Billionen Dollar bereitgestellt. Die Energieagentur schätzt, dass der staatliche Anteil der vorgeschlagenen Klimaschutzinvestitionen lediglich rund 10 Prozent dieser Gesamtsumme ausmachen würde. Denn der Löwenanteil der Investitionen, rund 70 Prozent, soll von privater Seite kommen. „Der Staat kann zum Beispiel die energetische Sanierung von Gebäuden bezuschussen und so den Besitzern Anreiz geben zu investieren“, sagt IEA-Chef Birol.

          Vieles von dem, was die Energieagentur empfiehlt, ist im grünen „Wiederaufbauprogramm“, das die EU-Kommission für Europa vorgeschlagen hat, bereits enthalten. „Es ist wirklich gut, dass Europa mit gutem Beispiel vorangeht“, lobt Birol. Aber er stellt auch klar, dies werde nicht reichen: „Das Problem ist, dass Europa nur für einen kleinen Teil der Gesamtemissionen verantwortlich ist“, sagt der IEA-Chef. „Deshalb wird es von entscheidender Bedeutung sein, was die Regierungen in Amerika und Asien machen.“

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