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Fridays for Future : Aktivisten fordern kleinere Wohnungen

Georg Kobiela vom Wuppertal Institut Bild: EPA

Fridays for Future schlägt vor, wie Deutschland bis 2035 klimaneutral werden soll. Es geht um Autos, Heizungen und mehr.

          3 Min.

          Die Klimaaktivisten der Bewegung Fridays for Future sind bislang vor allem durch ihre fundamentale Kritik an der Klimapolitik aufgefallen. Ihre Forderungen waren plakativ – wie die nach dem Kohleausstieg in Deutschland bis zum Jahr 2030 –, aber wenig detailliert.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Am Dienstag haben die von Greta Thunberg angeführten Aktivisten nun mit Hilfe von Wissenschaftlern präzise formuliert, welche Veränderungen sie in Deutschland für notwendig halten, damit die Klimaerwärmung verglichen zum vorindustriellen Zeit auf 1,5 Grad Celsius begrenzt werden kann. Die Vorschläge beinhalten Tempolimits sowie kleinere Autos und Wohnungen – sie würden das Leben der Menschen also sichtbar verändern.

          Ausgangspunkt der Aktivisten ist ihre Bestandsaufnahme, nach der das Klimaziel der Bundesregierung, die bis zum Jahr 2050 Klimaneutralität anstrebt, nicht ausreicht, um den deutschen Beitrag zum 1,5-Grad-Ziel zu leisten. Dieses Ziel empfiehlt unter anderem der Weltklimarat.

          Nicht nur Fridays for Future, auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen, der die Bundesregierung berät, hält die bislang von der großen Koalition formulierten Ziele in dieser Hinsicht für unzureichend. Klimaaktivist Sebastian Grieme forderte deshalb während der Präsentation in Berlin: „Wir brauchen keine Diskussion darüber, wie wir das Regierungsziel einhalten, sondern eine Diskussion, wie wir das 1,5-Grad-Ziel einhalten.“

          Um diese Diskussion anzuzetteln, haben die Aktivisten Anfang des Jahres das Wuppertal Institut für Klima beauftragt, auszuarbeiten, wie hierzulande Klimaneutralität schon 2035, also 15 Jahre früher, erreicht werden kann. „Dieses Ziel ist extrem anspruchsvoll, aber zu erreichen“, bilanzierte Manfred Fischedick, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Institut am Dienstag.

          Was unterstützend wirkt

          Die mit finanzieller Hilfe der GLS Bank verfasste Studie umfasst die Bereiche Energie, Industrie, Gebäude und Verkehr. Im Verkehr müsse sich den Forschern zufolge der Pkw-Verkehr bis 2035 um die Hälfte reduzieren, der Fuß-, Rad-, und öffentliche Verkehr hingegen verdoppeln.

          Erreicht werden könne das, wenn die Politik den Autoverkehr unattraktiver gestaltet und massiv in Bus und Bahn investiert. Konkret regen die Forscher an, Tempo 30 in Städten einzuführen, Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor bis 2035 weitgehend aus dem Verkehr zu ziehen, und Parkplätze erheblich teurer zu machen. Damit die Emissionen sinken, sollen Autos zudem kleiner und leichter und von Elektromotoren angetrieben werden.

          Bild: F.A.Z.

          Im Gebäude-Bereich werfen die Forscher die Frage auf: „Wie viel Wohnfläche ist genug?“ 1960 hätte jeder Deutsche im Durchschnitt 19 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung gehabt. Zuletzt waren es 47 Quadratmeter, es wird also immer mehr Fläche beheizt. Den Zuwachs „zu begrenzen und im Idealfall umzukehren wäre ein starker Hebel zur Emissionsminderung“, schreiben die Autoren. Mehrgenerationen-Wohnungen und ein generationenübergreifender Tausch von Wohnungen könnten den Anstieg der Wohnflächen stoppen. Ölheizungen und alle anderen fossilen Heizungskessel sollten schnellstmöglich verboten werden, was auch das Aus für den Energieträger Erdgas bedeuten würde.

          Erste Reaktionen aus Wissenschaft und Praxis fielen verhalten aus. „Bedauerlicherweise fehlt es den beschriebenen Eckpunkten an nachvollziehbaren Machbarkeitspfaden“, sagte Andreas Kuhlmann, der Vorsitzende der Deutschen Energieagentur. Es sei deshalb zu befürchten, dass die Forderungen dem „erforderlichen konkreten Diskurs“ eher im Wege stehen. Ottmar Edenhofer, der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, kritisierte den Ansatz der Studie und machte sich für einen sektorübergreifenden europäischen Emissionshandel stark, der die EU und Deutschland in Stand setzt, bis 2050 treibhausgasneutral zu werden. „Die Einführung solcher Instrumente ist wichtiger als der Streit, ob Deutschland im Alleingang bis 2035 treibhausgasneutral werden kann“, sagte er der F.A.Z.

          Unterstützend auf dem Weg zu weniger Emissionen wirkt – zumindest vorübergehend – die Corona-Krise. Sie hat die Wirtschaft und damit auch den Treibhausgasausstoss deutlich reduziert. Die Internationale Energieagentur kommt in ihrem am Dienstag veröffentlichten „World Energy Outlook“ zu dem Ergebnis, dass die globale Nachfrage nach Energie 2020 um 5 Prozent zum Vorjahr zurückgehen werde und die damit verbunden CO2-Emissionen um 7 Prozent sinken werden. Auch ein internationales Forscherteam, das am Dienstag seine Ergebnisse veröffentlicht hat, kommt zu dem Schluss, dass bis Ende August dieses Jahres 6,5 Prozent weniger Kohlendioxid ausgestoßen wurde als im gleichen Zeitraum 2019.

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