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Foto: Dietmar Reichle / Illustration: Jens Giesel
Schneller Schlau

Bauer sucht Zukunft

Von JESSICA VON BLAZEKOVIC, Grafiken: JENS GIESEL · 20.07.2020

Spätestens seit Corona ist klar: Die Landwirtschaft ist systemrelevant. Doch das Leben der Bauern ist kein Zuckerschlecken – wenngleich sie heute andere Probleme quälen als vor hundert Jahren.

„Der Bauern Arbeit ist am fröhlichsten und voller Hoffnung“: Es ist nicht überliefert, was den Reformator Martin Luther zu diesem Zitat bewegte, das er während seiner Lebenszeit zwischen 1483 und 1546 gesagt haben soll. Er stellte sich die Feldarbeit wohl recht romantisch vor, während er seine Tage in dunklen Gemäuern und über staubiges Pergament gebeugt verbrachte. Tatsächlich war das Leben eines Landwirts zu dieser Zeit eher karg und mühevoll – und ist das mitunter bis heute geblieben. Ächzten die Bauern im Mittelalter unter großer körperlicher Belastung und dem Drangsal der Leibeigenschaft, klagen sie heute über Dumping-Preise für Lebensmittel und einen sich immer höher türmenden Berg an Auflagen, die es – hilft ja alles nichts – zu erfüllen gilt: Düngeverordnung, Insektenschutz, Tierwohl. 

Kein Wunder, dass in den vergangenen Jahrzehnten viele Landwirte die Mistgabel geworfen haben: Gab es im Jahr 1960 in Deutschland noch 768000 Betriebe mit einer landwirtschaftlichen Fläche von mindestens fünf Hektar,  waren es im Jahr 2019 nur noch 245.000. Ein Grund dafür ist auch der durch die Globalisierung ausgelöste Wettbewerbsdruck, dem insbesondere kleinere Höfe oft nicht standhalten konnten. Das zeigt sich an der durchschnittlichen Betriebsgröße, die im gleichen Zeitraum sichtbar gestiegen ist – von 15 Hektar vor 60 Jahren auf aktuell 68 Hektar.  

Der starke Rückgang in der Zahl der Betriebe hat sogar einen eigenen Namen bekommen: Von „Höfesterben“ ist die Rede, wenn sich zur Ruhe setzende Landwirte keinen geeigneten Nachfolger für ihren Betrieb finden und ihn aufgeben müssen. Ihr Beruf hat stark an Attraktivität verloren, oft lassen sich nicht einmal mehr die eigenen Kinder für die Arbeit auf dem Feld und im Stall begeistern.  

So ist der primäre Sektor der Volkswirtschaft, zu dem Land-, Forstwirtschaft und Fischerei gezählt werden,  in den vergangenen rund 200 Jahren immer weiter geschrumpft, von einem Anteil an der deutschen Gesamtbeschäftigung in Höhe von fast 60 Prozent im Jahr 1848 auf 1,3 Prozent im Jahr 2019. Im Mai vergangenen Jahres zählte das Statistische Bundesamt noch rund 600.000 Erwerbstätige in der Landwirtschaft. Für Tätigkeiten wie das Spargelstechen kommen – wenn nicht gerade ein Virus wütet wie in diesem Jahr – zusätzlich rund 300.000 Saisonarbeitskräfte im Jahr dazu, vor allem aus Osteuropa.  

Die deutlich gesunkene Erwerbstätigkeit in der Landwirtschaft ist auch der Automatisierung geschuldet, die menschliche Muskelkraft in vielen Prozessen überflüssig gemacht hat. Dank technischer Entwicklungen vom Mähdrescher bis zum Melkroboter ist die Arbeit auf den Höfen über die Jahre weniger personalintensiv geworden, während die Produktivität deutlich gesteigert werden konnte. Mit Blick auf Weizen, des Deutschen liebste Getreideart und zu finden in allerlei Leibspeisen von Pizza bis Pasta, haben sich  die durchschnittlichen Hektarerträge vervierfacht zwischen 1900 und 2019. Das ist nicht zuletzt der Aussaat neu gezüchteter Sorten und dem vermehrten Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln zu verdanken. 

Anhand des Getreideanbaus lässt sich auch der technologische Fortschritt in der Landwirtschaft besonders gut nachvollziehen: Die ersten Menschen, die ihre Nahrungsmittel anbauten statt sie zu jagen oder zu sammeln, nutzten angespitzte Stöcke, um den Boden umzupflügen und Saatrillen zu ziehen. In der Jungsteinzeit wurde dann zunächst ein vom Menschen gezogener Zughaken und schließlich der tiergezogene Hakenpflug erfunden. Die Bauern entdeckten zudem, dass auf den Feldern ausgebrachter Viehdung die Erträge steigert. Aus Sicheln mit Feuersteinen wurden mit der Zeit metallene Sensen, mithilfe derer die Getreidehalme geschnitten wurden, bevor die Körner mit dem Dreschflegel herausgeprügelt wurden. Im 19. Jahrhundert kamen schließlich die ersten Mähdrescher zum Einsatz – bis heute donnern diese zur Erntezeit in einer goldgelben Staubwolke über die Felder, inzwischen mit allerlei technischen Feinheiten wie etwa autonomer Steuerung an Bord.

Doch seit dem Jahr 2014 zeigt die Ertragskurve, die vorher fast stetig gestiegen war, nach unten. Immer häufiger verursachen Hitze und Trockenheit Ernteschäden. Einige Forscher sehen einen direkten Zusammenhang mit dem menschgemachten Klimawandel: Einer im Jahr 2019 veröffentlichten Untersuchung des Projekts World Weather Attribution zufolge sind Hitzewellen inzwischen mindestens fünfmal wahrscheinlicher als im Jahr 1900. Besonders schlimm traf es die deutsche Landwirtschaft im Jahr 2018: Die Zeit von April bis August dieses Jahres ging als trockenste Periode seit Beginn der flächendeckenden Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 in die Geschichtsbücher ein. Die Getreideerträge brachen in manchen Regionen um 30 Prozent ein, zehntausende Landwirte bangten um ihre Existenz.

Anhand des Dürremonitors des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig lässt sich der Zustand der Böden bis in das Jahr 1951 zurückverfolgen. Die Intensität von Dürren ist regional sehr verschieden, es lässt sich kein Gebiet ausmachen, das traditionell besonders häufig oder selten betroffen ist. Doch seit dem Jahr 2014 ist ein gewisser Trend zu häufigeren Trockenperioden zu erkennen, was sich mit dem Rückgang der Ernteerträge deckt. Andererseits ist es auch nicht immer Trockenheit, die zu Einbußen führt: Gibt es etwa im Herbst viel Niederschlag, beeinträchtigt das die Aussaatbedingungen für Getreide und schrumpft die Anbaufläche. Dieser Fall liegt auch in der diesjährigen Erntesaison vor: Der Anbau von Winterweizen ist dem Deutschen Bauernverband zufolge aufgrund nasser Herbstmonate im vergangenen Jahr um 7 Prozent zurückgegangen, was die diesjährige Erntemenge verringern wird.

Insgesamt jedoch sorgt unter den Wetterextremen die Trockenheit für den größten Schadenaufwand der Landwirte, wie der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) berechnet hat: Demnach waren Dürren zwischen 1990 und 2013  für über die Hälfte der Schadensumme durch Ernteausfälle verantwortlich, gefolgt von Hagel mit einem Anteil von 26 Prozent. Trotzdem sind Versicherungen gegen Hagelschäden in Deutschland noch viel verbreiteter als Dürrepolicen. Dem GDV zufolge waren im Jahr 2018 zwar 5 Millionen Hektar Ackerfläche gegen Hagel versichert – aber nur 5000 Hektar gegen Trockenheit. Ein Grund dafür sind die hohen Versicherungsprämien: Wie der Deutschlandfunk berechnet hat, liegen sie für Dürreschäden bei 25 bis 30 Prozent des Versicherungswertes, während sie für Hagelschäden nur 1,5 bis 5 Prozent betragen.  

Im Schnitt verursachen Wetterextreme laut GDV jährlich Ernteschäden in Höhe von einer halben Milliarde Euro. Ausreißer nach oben waren die Jahre 1992, 2003 und 2018: In diesen Jahren sorgten Hitze und Dürre für Ernteschäden von jeweils rund zwei Milliarden. Da können einem Frohsinn und Hoffnung, die Luther den Landwirten nachsagt, schon mal vergehen.  

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 21.07.2020 19:35 Uhr