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Umfrage unter Volkswirten : Forscher lehnen grüne Geldpolitik ab

Die EZB im Frankfurter Ostend Bild: Max Kesberger

Deutschlands Wirtschaftsprofessoren begrüßen laut neuestem Ökonomenpanel des Ifo-Instituts und der F.A.Z. Europas Streben nach Klimaneutralität. Sie fordern aber die Wahl der richtigen Mittel.

          3 Min.

          Die Pläne für eine „grünere“ Ausrichtung der Europäischen Zentralbank (EZB) sind weit gediehen. Neun Punkte hat Christine Lagarde Anfang Juli vorgelegt, mit denen die EZB-Präsidentin der Politik beim Kampf gegen den Klimaschutz unter die Arme greifen will. Unter anderem sollen für Anleihekäufe künftig klimafreundliche Unternehmen bevorzugt werden.

          Niklas Záboji
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Unter Volkswirten stößt der „grüne“ Schwenk der Geldpolitik allerdings auf breite Ablehnung. Das zeigen die Ergebnisse des neuesten Ökonomenpanels, einer regelmäßigen Umfrage des Ifo-Instituts und der F.A.Z. unter Wirtschaftsprofessoren an deutschsprachigen Universitäten. Teilgenommen haben diesmal 171.

          Eine Mehrheit der Professoren spricht sich demnach dagegen aus, das bislang primär auf Geldwertstabilität ausgerichtete Mandat der EZB um das EU-Ziel zu erweitern, bis Mitte des Jahrhunderts Klimaneutralität zu erreichen. Für eine solche Mandatserweiterung stimmen 14 Prozent, dagegen 80 Prozent, der Rest ist unentschlossen.

          Ein ähnliches Stimmungsbild zeigt sich mit Blick auf den Wertpapierankauf im Rahmen des bestehenden EZB-Programms CSPP. Hier sind 70 Prozent gegen das Vorhaben der Notenbanker, verstärkt Anleihen von emissionsarmen Unternehmen zu kaufen, um die klimapolitischen Ziele der EU zu unterstützen. 23 Prozent stimmten dafür, 7 Prozent sind unentschlossen.

          Jahresgenaue Sektorziele werden abgelehnt

          Keineswegs lehnt eine Mehrheit der Panelteilnehmer das Streben nach schneller Treibhausgasneutralität in Europa ab. Im Gegenteil: Gefragt danach, wie die Reaktion der EU auf den Klimawandel zu bewerten sei, fordern 41 Prozent sogar noch größere Anstrengungen als bislang vorgesehen. 27 Prozent antworten auf diese Frage mit „angemessen“, 20 Prozent mit „es sollte weniger getan werden“ und 12 Prozent mit „weiß nicht“. Doch müssten alle unternommenen Anstrengungen effizient und zielgenau sein, heißt es vielfach im Kommentarfeld – was der Kauf von „grün“ gelabelten Anleihen durch die Notenbank eben nicht oder nur teilweise sei.

          Für entscheidend halten die meisten Ökonomen in der Umfrage stattdessen eine umfassende und einheitliche Bepreisung des Treibhausgasausstoßes. Mit dem EU-weiten Handel mit Emissionszertifikaten gibt es ein System, das Marktteilnehmern die Wahl von Alternativtechnologien selbst überlässt, zwar schon seit vielen Jahren.

          Der Handel deckt mit der Stromerzeugung sowie Teilen von Indus­trie und Luftfahrt aber nur rund zwei Fünftel der Emissionen in der EU ab. Die beiden anderen großen Sektoren Wärme und Verkehr werden auf nationalstaatlicher Ebene oder durch ordnungsrechtliche Maßnahmen wie Flottengrenzwerte reguliert – und sollen nach den neuen Plänen aus Brüssel künftig zunächst in einem separaten System bepreist werden.

          68 Prozent der Panelteilnehmer sind in diesem Punkt anderer Meinung und fordern „umgehend“ eine umfassende und einheitliche Bepreisung von Kohlendioxid über alle Sektoren. Für die geplante temporäre Errichtung eines Parallelsystems für Wärme und Verkehr ist nur eine Minderheit von 17 Prozent. „Die Klimapolitik der Bundesregierung und der Europäischen Union sollte anstreben, mit weniger Instrumenten mehr Emissionsreduktion zu erreichen“, schreibt Timo Goeschl aus Heidelberg im Kommentarfeld. Der Grundsatz „Mehr hilft mehr“ sei hier ein schlechter Ratgeber.

          Das dürfte sich nicht zuletzt auf die jahresgenauen CO2-Minderungsziele für einzelne Sektoren beziehen, wie sie das im Juni verabschiedete deutsche Klimaschutzgesetz vorsieht. Schon im Jahr 2024 sollen diese für den Zeitraum 2031 bis 2040 festgelegt werden.

          60 Prozent der Volkswirte lehnen solche jahresgenauen Sektorziele ab. Dafür sind 30 Prozent, die verbleibenden 10 Prozent sind unentschlossen. „Die Bundesregierung hat das deutsche Klimaschutzgesetz überarbeitet, ohne das neue EU-Klima- und -Energiepaket abzuwarten“, kritisiert Ifo-Ökonomin Karen Pittel, die an der Umfrage beteiligt war. „Die dabei fortgeführte Logik der sektorspezifischen Ziele macht insbesondere bei Einführung eines zweiten EU-Emissionshandelssystems wenig Sinn.“

          „Ein einheitliches Emissionshandelssystem ist sinnvoll“

          Nicht eindeutig ist das Stimmungsbild der Ökonomen indes bei der Frage, was am besten mit den Einnahmen aus der CO2-Bepreisung auf Energieträger wie Benzin geschehen soll. 50 Prozent votieren für eine Rückerstattung als Pro-Kopf-Pauschale, 37 Prozent für eine Senkung oder Abschaffung der EEG-Umlage und 32 Prozent für die Förderung von klimafreundlichen Technologien; Mehrfachantworten waren in diesem Fall möglich.

          Etwas klarer ist die Haltung zum Klimazoll, mit dem Brüssel den ehrgeizigeren Klimaschutz in der EU zu flankieren beabsichtigt. Der Import aus weniger ehrgeizigen Drittstaaten soll auf diese Weise verteuert werden und die bislang freie Zuteilung von Emissionszertifikaten an europäische Industrieunternehmen auslaufen. 49 Prozent der Ökonomen befürworten diese Pläne der EU-Kommission, viele auch in der Hoffnung, so andere Staaten zum Mitmachen motivieren zu können. Das bisherige System freier Zertifikatezuteilungen nicht ersetzen wollen nur 9 Prozent. 8 Prozent fordern alternative Maßnahmen zum Schutz vor „Carbon Leakage“, 7 Prozent lehnen derlei Maßnahmen grundsätzlich ab.

          „Ein einheitliches Emissionshandelssystem ist sinnvoll, Sektorenziele und Detailsteuerung sind es nicht“, resümiert Alexander Dilger aus Münster. „Das System sollte über die EU hinaus erweitert werden, da sie für sich genommen das Weltklima nicht signifikant beeinflussen kann.“ Gabriel Felbermayr aus Kiel argumentiert ähnlich. „Es ist gut, dass die EU den Ernst der Lage erkannt hat. Aber vielen ist noch nicht klar genug, dass unilaterale Maßnahmen nicht ausreichen“, sagt er. Klimadiplomatie müsse noch viel wichtiger werden, und zugleich müssten dabei preisliche Anreize eine zentrale Rolle spielen.

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