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Kommission legt Strategie vor : So will die EU den Zugang zu seltenen Rohstoffen sichern

Gefragter Rohstoff: Blick auf den größten Salzsee der Welt, den Salar de Uyuni, im bolivianischen Hochland, unter dessen Salzkruste die größten Lithiumreserven der Welt lagern. Bild: dpa

„Die Corona-Krise hat ein Schlaglicht darauf geworfen, wie stark wir von internationalen Lieferketten abhängig sind“, sagt Kommissions-Vizepräsident Šefčovič – und erklärt, wie die EU künftig unabhängiger werden soll.

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          Die doppelte Neuausrichtung der europäischen Wirtschaft auf den Klimaschutz und die Digitalisierung stellt die EU nicht nur finanziell vor neue Herausforderungen. Auch die Versorgung mit den für beide Ziele benötigten Rohstoffen ist alles andere als sichergestellt. Die EU-Kommission hat deshalb am Donnerstag eine neue Strategie vorgelegt, wie sie den wachsenden Bedarf decken und neue Abhängigkeiten von Drittländern vermeiden will.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          „Die Corona-Krise hat ein Schlaglicht darauf geworfen, wie stark wir von internationalen Lieferketten abhängig sind“, betonte der verantwortliche Vizepräsident der Kommission, Maroš Šefčovič bei der Vorstellung der Strategie in Brüssel. „Wir dürfen nicht zulassen, dass wir genauso abhängig von der Einfuhr wichtiger Rohstoffe werden, wie wir es heute der Einfuhr fossiler Rohstoffe sind.“

          Allein der Ausbau der Elektromobilität werde den Rohstoffbedarf in der EU noch einmal stark steigern, sagte Šefčovič. Der Bedarf an Lithium für die benötigten Batterien werde 2030 18 Mal so hoch liegen wie heute. Bis 2050 werde er 60 Mal so hoch sein. Der Bedarf an Kobalt werde bis 2030 5 Mal und 2050 15 Mal so hoch liegen wie bisher. Auch die Nachfrage nach bestimmten seltenen Erden, die etwa für in Windrädern genutzten Magneten gebraucht werden, wird sich nach Angaben der Kommission bis 2050 verzehnfachen.

          Maroš Šefčovič, Vizepräsident der EU-Kommission
          Maroš Šefčovič, Vizepräsident der EU-Kommission : Bild: dpa

          Das Problem dabei ist, dass die EU schon jetzt sehr stark von der Einfuhr dieser Rohstoffe abhängig ist. Das in der EU verarbeitete Lithium stammt bisher komplett aus Drittländern, 78 Prozent davon aus Chile. 98 Prozent der in der EU verwendeten seltenen Erden aus China, die Türkei liefert 98 Prozent der benötigten Borate, Südafrika 71 Prozent des benötigten Platins.

          Die Kommission will deshalb den Abbau von Rohstoffen innerhalb der EU vorantreiben. Denn viele der benötigten Rohstoffe gibt es durchaus in europäischem Boden, auch in  Deutschland. Vor allem für Lithium, Nickel, Kobalt, Graphit und Mangan gebe es interessante Abbaumöglichkeiten. Im Rahmen der bestehenden sogenannten Batterieallianz soll der Anteil in Europa gewonnenen Lithiums schon bis 2025 auf 80 Prozent des Bedarfs steigen. Daran anknüpfend soll eine neue Rohstoffallianz, die die Kommission Ende des Monats vorstellen will, in enger Kooperation mit der Industrie die Versorgung mit seltenen Erden und Magnetgesteinen voranbringen.

          Erste Pilotprojekte sollen schon 2021 beginnen

          Die Kommission will dafür Fördergelder bereitstellen. Ob die EU den Rohstoffabbau auf dem eigenen Gebiet steigern kann, ist letztlich aber weitgehend eine Entscheidung der Mitgliedsstaaten. Den Abbau von Rohstoffen im Weltall, etwa auf dem Mond, bezeichnete Binnenmarktkommissar Thierry Breton als Zukunftsmusik. Die EU sei aber an entsprechenden Projekten beteiligt.

          Die gesamte Versorgung könne die EU allerdings so oder so nicht sicherstelle, sagte Šefčovič. Deshalb müsse die EU auch die Wiederverwertung wichtiger Rohstoffen vorantreiben. Momentan liege die Recyclingquote bei Metallen wie Eisen, Zink oder Platin bei 50 Prozent. Damit könne ein Viertel des Bedarfs gedeckt werden.

          Bei anderen Rohstoffen wie seltenen Erden, Gallium oder Indium liege die Wiederverwertungsquote hingegen eher bei einem Prozent, sagte der Slowake weiter. Es gebe also noch viel Luft nach oben. Darüber hinaus will die EU enger mit den Erzeugerländern, nicht zuletzt in Afrika, zusammenarbeiten und auch die Handelspolitik nutzen, um die Versorgung mit Rohstoffen zu sichern.

          Im Rahmen von strategischen Partnerschaft könne die EU Ländern – auch durch Finanzhilfen – dabei helfen, die Rohstoffe auf nachhaltige Weise abzubauen. Erste Pilotprojekte mit Kanada, interessierten afrikanischen Staaten und Staaten aus der Nachbarschaft der EU sollen schon 2021 beginnen.

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