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Kemfert gegen Haucap : Schlammschlacht unter Ökonomen über Energiewende

Polarisiert: Die DIW-Energieökonomin Claudia Kemfert Bild: Imago

Eine Berliner Ökonomin geißelt Kritiker der deutschen Energiewende als „Ewig-Gestrige“. Das wollen einige nicht auf sich sitzen lassen.

          4 Min.

          Es begann mit einem Gastbeitrag und endete in einer Schlammschlacht: Seit einigen Tagen streiten deutsche Ökonomen erbittert um Erfolg und Misserfolg der deutschen Energiewende. Zumindest vordergründig. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung, die auf Twitter und in mehreren Medien ausgetragen wird, steht Claudia Kemfert. Sie ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin, forscht am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und hat neben häufigen Talkshow-Auftritten auch als Autorin populärer Sachbücher von sich reden gemacht. Zurückhaltung ist dabei nicht unbedingt ihre Stärke. Ihr letztes, im April 2017 verfasstes Buch trägt den markigen Titel „Das fossile Imperium schlägt zurück. Warum wir die Energiewende jetzt verteidigen müssen“.

          Niklas Záboji
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Kemferts jüngste Vorwärtsverteidigung der Energiewende ist dreieinhalb Monate her. Versiert darin, komplizierte Zusammenhänge thesenhaft zuzuspitzen, hatte sie in einem Aufsatz in der Zeitschrift „Capital“ zu einem Rundumschlag gegen das „Klage-Stakkato der Energiewende-Gegner“ ausgeholt. Dazu zählt sie all jene, die die deutsche Ökostromförderung nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) für ineffizient halten und Versorgungsprobleme fürchten, wenn nach Abschaltung der fossilen Kraftwerke die Sonne mal nicht scheint und der Wind nicht weht. Kemfert spricht von „laut schreienden Ewig-Gestrigen, die leicht widerlegbare Mythen in die Welt setzen“ und von denen man sich nicht „den Spaß an der Zukunft nehmen lassen“ solle. Kurzum: Klimaschutz sei eine Chance, und einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien stehe nichts mehr im Wege.

          All das ist zwar schon eine Weile her und deckt sich mit dem, was die Volkswirtin in den vergangenen Jahren immer geschrieben hat. Aus Sicht mancher Kollegen hat Kemfert den Bogen nun aber überspannt. Vor allem Justus Haucap, Wettbewerbsökonom an der Universität Düsseldorf und früherer Chef der Monopolkommission, platzte der Kragen. In einem „Wie man die Energiewende besser nicht verteidigen sollte“ betitelten Blogbeitrag ging er Ende Februar mit dem „Capital“-Beitrag hart ins Gericht, nachdem ihn tags zuvor schon das „Handelsblatt“ mit der Aussage „Im Grunde ist wirklich alles völlig falsch, was sie schreibt“ zitiert hatte. Kemferts Argumente nennt Haucap „dünn“ und „auf Glaubenssätze und alternativen Fakten (beziehungsweise) das Weglassen wichtiger Daten“ gestützt.

          „Völlig unter der Gürtellinie“

          So unterschlage Kemfert in ihrer Darstellung der EEG-Kosten Dutzende Fördermilliarden aus dem Marktprämienmodell. Falsch sei etwa auch ihre Aussage, dass der Strompreis deshalb hoch bleibe, weil die Versorger die gesunkenen Börsenpreise nicht an die Verbraucher weitergäben. Selbiges gelte für die Umdeklarierung aller Kosten für die Energiewende zu Investitionen – denn erst einmal verursache jede Investition Kosten. „Ob etwa die Onshore-Windkraft, die seit über 25 Jahren offenbar nicht ohne Zuzahlungen hinreichende Erlöse generiert, eine so gute Investition in (allen Teilen von) Deutschland ist, dürfte mindestens diskussionswürdig sein“, bemerkt Haucap. Ihn beschleicht der Verdacht, zusammen mit anderen Wissenschaftlern in die Nähe von Klimaleugnern oder der AfD gerückt zu werden.

          Der Streit gewann an Schärfe, als sich DIW-Präsident Marcel Fratzscher schützend vor seine Institutskollegin stellte. Weil sich im „Handelsblatt“ auch der Magdeburger Umweltökonom Joachim Weimann und der langjährige Sachverständigenrats-Vorsitzende Christoph Schmidt kritisch zu Kemfert und ihrer etwaigen Berufung in den neuen Klimarat der Bundesregierung geäußert hatten, sprach Fratzscher auf Twitter von einem „Bashing“ und „schlechtem Journalismus“, was „völlig unter der Gürtellinie und inakzeptabel“ sei, auch weil mit Kemfert nicht einmal gesprochen worden sei. Dass diese, wie im Artikel der Wirtschaftszeitung erwähnt, auf Anfrage einen Kommentar abgelehnt hatte, kümmerte Fratzscher nicht weiter. Richtig ist indes, dass in dem Artikel nur Kemfert-Kritiker zitiert wurden. (*)

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