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Kemfert gegen Haucap : Schlammschlacht unter Ökonomen über Energiewende

 „Verleumderischer Artikel“

Doch wer gedacht hätte, die Debatte sei damit beendet, sah sich getäuscht. Denn Anfang dieser Woche goss das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ in einem Online-Artikel noch einmal kräftig Öl ins Feuer – und nahm die DIW-Ökonomin gegen sämtliche Angriffe in Schutz. „Seit Wochen lancieren Windkraftgegner, rechtskonservative Portale und neoliberale Forscher Vorwürfe gegen Kemfert“, heißt es einleitend in einem Artikel. Haucap wird darin eine „Kriegserklärung“ attestiert. Auf Twitter lobte sich eine der Autorinnen dafür, aufgedeckt zu haben, „wer hinter der Kampagne gegen #CO2Steuer & #Energiewende steckt“.

Der Tenor des Artikels: Im Beirat des Energiekonzerns RWE und anderen anrüchigen Gremien sitzend – Haucaps Kuratoriumsmitgliedschaft in der gemeinnützigen FAZIT-Stiftung bleibt unerwähnt –, sei klar, wie der neoliberale Ökonom ticke. Verständlich sei auch, dass solche „Kritiker“ anders als Kemfert keine Bepreisung von CO2 mittels Steuer und stattdessen „klimaschädliche Emissionen zwischen den einzelnen Industrien handeln“ wollten. Dabei gebe es so „keine nennenswerten Preissignale“.

Allein solche Sätze sorgten unter bis dato zurückhaltenden Ökonomen für Kopfschütteln. „Unglaublich, die Verfasser verstehen nicht, dass sowohl CO2-Steuer als auch EU- Emissionshandel Wege sind einen CO2-Preis zu setzen“, twitterte das Sachverständigenrats-Mitglied Volker Wieland. Der Text auf „Spiegel Online“ sei eine Unverschämtheit gegenüber dem Kollegen Haucap, befand der deutsch-amerikanische Ökonom Rüdiger Bachmann. Christian Bayer von der Universität Bonn sprach von einem „verleumderischen Artikel“. Haucap persönlich rätselte, warum die Redakteurinnen ihn, obwohl er auf Nachfrage ausführlich Rede und Antwort gestanden hatte, kaum zu Wort kommen ließen.

„Wissenschaft geht anders“

Doch auch Kemfert rang im Twitter-Strudel um die Deutungshoheit. Selbst äußerte sie sich zwar nicht, sie verlinkte aber zahlreiche Unterstützungsbekundungen wie die des früheren Direktors des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, Gustav Horn. Horn, der im Dezember in den Bundesvorstand der SPD gewählt wurde, hielt den Artikel für eine „wohltuende Aufklärung“. Auch DIW-Präsident Fratzscher wollte darin zuvorderst „eine große und verdiente Anerkennung für meine Kollegin Claudia Kemfert“ erkennen, „die seit vielen Jahren eine so wertvolle Stimme in der wichtigen Debatte um den Klimaschutz ist“.

Die Kritik an Haucap und anderen fand Fratzscher auf Nachfrage dann doch „definitiv zu hart“. Es sei höchste Zeit, zu einem sachlichen Dialog und respektvollen Umgang miteinander zurückzukehren. Der Münsteraner Energieökonom Andreas Löschel pflichtete ihm bei. Unter Ökonomen herrsche eine kritische Debatte über richtige Weg in der Energiepolitik. In den Medien finde die inhaltliche Auseinandersetzung jedoch kaum statt, sondern werde auf persönliche Ebene gehoben. „Dafür gibt es Applaus der Umstehenden“, so Löschel. „Wissenschaft geht anders.“

* Hinweis der Redaktion: Dieser Absatz könnte so verstanden werden, als sei Frau Kemfert vom „Handelsblatt“ mit der Kritik der Herren Weimann und Schmidt konfrontiert worden und habe dazu einen Kommentar abgelehnt. Richtig ist, dass das „Handelsblatt“ Frau Kemfert nur zu ihrer möglichen Berufung in den neuen Klimarat kontaktiert hatte und sie dazu keine Stellung nehmen wollte. Mit der fachlichen und persönlichen Kritik zu ihrer Person hatte das „Handelsblatt“ Frau Kemfert nicht konfrontiert und ihr daher auch keine Möglichkeit gegeben, darauf zu reagieren.

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