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Energiewende : Mini-Atomkraftwerke für den Klimaschutz

So grün und unauffällig stellt sich die Atomindustrie die nuklearen Klein-Atomkraftwerke der Zukunft vor. Bild: Simulation Rolls-Royce

Joe Biden, Bill Gates und Boris Johnson setzen auf die Serienfertigung neuartiger Reaktoren. Steht die Kernkraft vor einer Renaissance?

          6 Min.

          Weit draußen im Nordosten Sibiriens liegt in der Hafenstadt Pewek ein Schiff in den Farben der russischen Nationalflagge vor Anker. Die Akademik Lomonossow, ein kantiger Riesenkahn, benannt nach einem russischen Naturwissenschaftler, ist das derzeit wohl umstrittenste Schiff der Welt. Umweltschützer schmähen es als „schwimmendes Tschernobyl“ und „Nuklear-Titanic“. Für die Internationale Atomenergieorganisation der Vereinten Nationen (IAEA) dagegen ist die Akademik Lomonossow der Vorbote einer neuen Zeit. Denn das Schiff ist eine Art schwimmendes Atomkraftwerk, das im entlegenen Pewek für die Stromversorgung der örtlichen Bevölkerung und Wirtschaft sorgt. Die Reaktoren im Schiffsrumpf sind laut IAEA die ersten ihrer Art auf der Welt, die schon Strom liefern.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Fachleute sprechen von „Small Modular Reactors“ (SMR). Rund um den Globus gibt es derzeit rund 70 Projekte zur Entwicklung solcher Atommeiler im Kleinformat. Die meisten von ihnen sollen freilich keine schwimmenden Kraftwerke werden wie das russische Atomstrom-Schiff, sondern an Land entstehen. Das Besondere: Sie haben zwar nur einen Bruchteil der Leistung konventioneller Großkraftwerke, sollen dafür aber sicherer und viel weniger teuer sein.

          Vorgefertigte Atomkraftwerke aus der Fabrik

          Die Internationale Atomenergieorganisation definiert SMR-Anlagen als Atomreaktoren mit einer Leistung von maximal 300 Megawatt. Zum Vergleich: In konventionellen Großkraftwerken kommen einzelne Reaktoren nicht selten auf 1300 Megawatt und mehr. Befürworter setzen darauf, dass SMR-Anlagen in Zukunft in großer Stückzahl und quasi in Serie gebaut werden, was die geringere Leistung der einzelnen Reaktoren ausgleichen würde. Die Freunde der Kleinkraftwerke glauben, dass die neue Technik zu einer globalen Renaissance der Atomenergie in der Stromerzeugung führen wird – und einen wichtigen Beitrag zur klimaschonenden Energieversorgung leisten kann.

          „Es gibt auf der ganzen Welt ein wachsendes Interesse an der SMR-Technik“, sagt etwa der Nuklearexperte Stefano Monti von der IAEA. Das gilt nicht zuletzt für das Weiße Haus in Washington, wo ein neuer Präsident regiert. Joe Biden, 78 Jahre, ist auf seine alten Tage zum neuen Hoffnungsträger für den internationalen Klimaschutz avanciert.

          Schon am ersten Tag im Amt ordnete Biden die Rückkehr der Vereinigten Staaten in das Klimaschutzabkommen von Paris an, das sein Vorgänger Donald Trump aufgekündigt hatte. Die Vergabe neuer Bohrlizenzen für die Ölindustrie wird beschränkt. Schließlich soll die größte Volkswirtschaft der Welt klimaneutral bis zum Jahr 2050 klimaneutral werden - das hat Biden bereits im Wahlkampf versprochen. Doch was für so manchen deutschen Klimaschutz-Aktivisten eher verstörend sein mag: Der neue Regierungschef setzt beim angekündigten Radikalumbau des Energiesystems nicht nur auf Windräder und Photovoltaikanlagen. Biden will auch die Chancen neuartiger Atomkraftwerke wie der SMR-Anlagen ausloten.

          Auch der britische Premierminister Boris Johnson ist ein Atomkraft-Fan. In Großbritannien arbeitet ein Konsortium um den Industriekonzern Rolls-Royce mit finanzieller Unterstützung der Regierung an der SMR-Technik. Bis zu 16 solcher Anlagen sollen auf der Insel gebaut werden und ältere konventionelle Atomkraftwerke ersetzen. In Kanada stehen die SMR-Reaktoren ebenfalls auf der energiepolitischen Agenda. Deutlich weiter sind Argentinien und China: Dort sind die ersten Klein-Atomkraftwerke bereits im Bau und könnten innerhalb der nächsten drei Jahre in Betrieb gehen.

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