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Energiewende : Her mit den Windrädern!

  • -Aktualisiert am

In den ersten neun Monaten dieses Jahres sind nach Zahlen der Fachagentur Windenergie erst 147 neue Windräder ans Stromnetz angeschlossen worden. Das Foto zeigt einen Windenergiepark in Brandenburg. Bild: dpa

Wirtschaftsminister Altmaier schlägt einen starren Mindestabstand für den Bau von Windrädern vor. Dafür erhält er viel Kritik – und das zu Recht.

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          Eigentlich ist es nur eine Randnotiz im ellenlangen Gesetzentwurf von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Der Mindestabstand zwischen einem Windrad und einer Siedlung ab fünf Häusern soll künftig bundesweit 1000 Meter betragen. So will es der CDU-Politiker. Sein erklärtes Ziel: Hindernisse zur Genehmigung von Windparks abbauen, indem er die Akzeptanz für Windräder in der Bevölkerung fördert. Daran mangelt es, und das gilt als einer der Hauptgründe, warum der Ausbau der Windkraft hierzulande ins Stocken geraten ist.

          Für seinen Vorschlag erntet Altmaier aber viel Kritik – und das zu Recht. Er wird das Gegenteil des Gewünschten bezwecken. Ein derart starrer Mindestabstand wird den Bau von Windrädern weiter bremsen. Ein paar ganz Findige erstellten fix Karten und verbreiteten sie im Internet: Würde der Vorschlag Gesetz, gäbe es nur noch winzige Pünktchen auf der Deutschlandkarte, wo überhaupt noch Windräder gebaut werden dürften. Die Energiewende wäre damit abgesagt.

          Die 1000 Meter scheinen willkürlich gewählt. Ein Braunkohlekraftwerk darf bis auf 700 Meter an eine Siedlung heranrücken. Eine Mülldeponie muss sogar nur 500 Meter Abstand halten. Sicher, man kann einem Windrad vieles vorwerfen: Ästhetiker fürchten eine Verschandelung der Landschaft, Leichtschläfer das Brummen der Rotoren und wieder andere den Schattenwurf. Doch im Vergleich mit Mülldeponie und Kohlekraftwerk hat das Windrad entscheidende Vorteile: Es verschmutzt die Luft nicht und kann vollständig zurückgebaut werden.

          Schattenwurf, Geräusche und bedrohte Brutgebiete

          Das Problem, das die Windkraft hat, ist ein anderes: Allgemein ist diese Form der Energieerzeugung akzeptiert – solange sie nicht vor der eigenen Haustür stattfindet. Diese „Not in my backyard“-Haltung (Nicht in meinem Garten) ist weit verbreitet. Wir hätten alle gern sauberen Strom, am besten auch noch schön billig, aber doch bitte ohne hör- und sichtbare Auswirkungen auf unseren Alltag. Wo ein Windpark entstehen soll, bilden sich Bürgerinitiativen dagegen. Mal wird der Tierschutz als Argument vorgebracht – immerhin bedroht die Windkraft die Brutgebiete des Rotmilan, mal der Schattenwurf – schließlich kann die ständige Drehung der Rotoren psychische Probleme verursachen. Laut sind die Windräder noch dazu, jedenfalls wenn man direkt darunter steht. Die Notwendigkeit zahlreicher Gutachten und der Widerstand der Bürger haben die Hersteller von Windrädern und die Projektierer von Windparks zu Dutzenden in die Insolvenz getrieben; allen Wünschen nach sauberer Energie und allen staatlichen Subventionen zum Trotz.

          Ad absurdum treibt Altmaier seine Forderung, indem er sie auch auf bereits bestehende Windräder anwenden will. Das bedeutet, dass selbst die Windkraftanlagen, die heute näher als 1000 Meter an einer Siedlung stehen und womöglich sogar einmal von den dort wohnenden Bürgern akzeptiert wurden, wegrücken müssen.

          Im Prinzip hätten einheitliche Regeln durchaus ihren Reiz. Bislang sind die Mindestabstände nämlich Ländersache. Nordrhein-Westfalen etwa will 1500 Meter Abstand, in Bayern muss der Abstand eines Windrads zur nächsten Siedlung mindestens das Zehnfache der Bauhöhe betragen. Einheitliche Regeln wären daher im Sinn der Projektierer, doch einen starren Mindestabstand festzulegen, der im Zweifel weder dem Willen der Bürger vor Ort und erst recht nicht den landschaftlichen Gegebenheiten Rechnung trägt, ist Unfug. Besser wären variable Kriterien wie die Lärmbelästigung und die Einhaltung des Artenschutzes, um zu bestimmen, in welcher Landschaft ein Windrad wie nah an der nächsten Siedlung stehen kann.

          Altmaiers Vorschlag hingegen ist plumpe Heuchelei: Auf der einen Seite will Deutschland endlich seine Klimaziele erreichen und das Pariser Klimaabkommen erfüllen. Auf der anderen Seite soll dem aufgebrachten, von der Energiewende geplagten Bürger Gehör geschenkt werden. Doch denjenigen unter ihnen, die partout nicht in der Nähe eines Windrades wohnen wollen, werden auch 1000 Meter Abstand nicht genug sein.

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