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Einwegverpackungen : Her mit der Steuer auf Kaffeebecher

Ende eines Kaffeebechers Bild: dpa

Wenn es um Plastik und Einwegverpackungen geht, setzt bei einigen Deutschen inzwischen der Verstand aus. Doch dass Tübingen jetzt Kaffeebecher besteuern will, ist richtig.

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          Wenn es um Plastik und Einwegverpackungen geht, setzt bei einigen Deutschen inzwischen der Verstand aus. Plastik ist böse, glaubt halb Deutschland – und unternimmt umweltschädlichste Verrenkungen, nur um Kunststoffe aus dem eigenen Blickfeld zu verbannen. Mancher Deutsche wirft all seine Tupperdosen aus Plastik in den Müll und kauft sich neue Glasschalen, angefertigt unter hohem Energieaufwand. Dass das weder dem Klima noch den Meeren nutzt, leuchtet hoffentlich jedem ein.

          Plastik hat einen ganz eigenen Nutzen. Sorgfältig entsorgtes Plastik ist leicht, strapazierfähig, lässt sich mit wenig Energie herstellen und ist darum gar nicht so selten die bessere Wahl als Papier- oder Glasverpackungen. Wahr ist aber auch: Plastik in der Natur ist ein Problem. Wer also dem Klima und der Umwelt wirklich nützen möchte, muss Plastik- und andere Einwegverpackungen mit Augenmaß regulieren.

          So nicht: mit Plastiktüten-Verbot und Plastiksteuer

          Schlecht ist zum Beispiel das Verbot herkömmlicher Plastiktüten, das in Deutschland noch in diesem Jahr in Kraft treten soll. Deren Verbrauch ist sowieso schon stark gesunken, weil Plastiktüten seit einiger Zeit Geld kosten. Das neue Verbot kann nicht verhindern, dass der eine oder andere Kunde beim Einkaufen keine eigene Tasche dabei hat. Diese Kunden müssen jetzt zu Alternativen greifen. Eine Baumwolltasche verursacht den mehrfachen Umweltschaden einer Plastiktüte, wenn sie nur einmal genutzt wird. Also eine Baumwolltasche kaufen, obwohl zu Hause schon zehn herumliegen? Umweltfreundlich ist das auch nicht.

          Auch die Europäische Union ist mit ihrer Kunststoffrichtlinie übers Ziel hinausgeschossen. Plastikteller, Strohhalme – all das darf künftig überhaupt nicht mehr verwendet werden. Wieder wird mancher zu Alternativen greifen, die umweltschädlicher sind. Besser wäre, Plastikprodukte mit Gebühren zu belegen, die dann an die Müllentsorger gehen.

          Die Einweg-Steuer ist eine gute Idee

          Doch es geht noch zielgerichteter. Die beste Idee setzt jetzt ausgerechnet Boris Palmer durch, Tübingens grüner Oberbürgermeister, der in seiner eigenen Partei viele Gegner hat, weil er immer wieder mit ziemlich lautsprecherischen Thesen unterwegs ist. Er will nun in Tübingen eine spezielle Steuer auf Einwegverpackungen wie Pastaboxen und Kaffeebecher einführen: 20 Cent für das Einwegbesteck, 50 Cent für den Kaffeebecher und die Nudelschalen, insgesamt höchstens 1,50 Euro je Mahlzeit. Die Einnahmen sollen in die Stadtreinigung fließen.

          Das kann man für eine Bevormundung der Bürger halten. Damit ignoriert man aber, dass solche Verpackungen Kosten verursachen. Im besseren Fall landet das Plastik in den Mülltonnen der Stadtverwaltung, im schlechteren Fall am Ufer des Neckars, wo es teuer wieder aufgesammelt werden muss. Die Verursacher für diese Kosten zahlen zu lassen, ist ökonomisch und ordnungspolitisch richtig. Richtig ist auch, die Steuer speziell auf Einwegverpackungen zu erheben und nicht, wie die Europäische Union, allgemein auf Plastik. Die EU dagegen trifft, indem sie ein Material pauschal diskriminiert, zu viele Nutzer.

          Richtig ist drittens, dass die Einwegverpackungen nicht verboten werden. Beispiel Kaffeebecher: Davon nutzen die Deutschen durchschnittlich 34 Stück im Jahr. Aber die Verteilung ist extrem ungleich. Mancher holt sich fast täglich einen Kaffee unterwegs, andere nur drei Mal im Jahr auf Ausflügen in fremde Städte. Mehrwegbecher lohnen sich aber laut einer Studie des Umweltbundesamtes bestenfalls ab zehn Nutzungen, und auch das gilt nur für die hässlichen Becher aus Hartplastik. Andere Mehrwegbecher schaden der Umwelt mehr, teils müssen sie mehrere Tausend Mal wiederverwendet werden, wie Ökobilanzen zeigen. Deshalb ist es gut, dass Einwegverpackungen für die Leute erhalten bleiben, die nur selten unterwegs Kaffee trinken und dafür halt mal 50 Cent extra zahlen.

          Bleibt nur noch ein Problem: die Doppelbesteuerung von Einweg-Plastik durch Stadt und Europäische Union. Sinnvoll ist das wirklich nicht. Am einfachsten wäre es wahrscheinlich, wenn jetzt nicht überall Steuern wie in Tübingen eingeführt würden, sondern wenn die EU ihre Kunststoffrichtlinie überarbeiten würde. Was drinstehen sollte, das zeigt Boris Palmer in Tübingen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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