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Forstwirtschaft im Wandel : Ein Käfer erzwingt den Waldumbau

Sieht nicht gut aus: geschädigter Wald in Hessen. Bild: Marcus Kaufhold

Klimaschäden haben der Forstwirtschaft in den vergangenen Jahren stark zugesetzt. Andere Baumarten wie die Douglasie und eine CO2-Zertifizierung sollen die Zukunft sichern.

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          Drei extrem trockene Sommer und der Borkenkäfer haben in den deutschen Wäldern ihre Spuren hinterlassen. Rund 300.000 Hektar Wald wurden zerstört und mussten abgeholzt werden. Der Rohholzpreis sank durch das größere Angebot teilweise um mehr als 50 Prozent. „Das ist für die Branche ein Riesenproblem“, sagte Eckbrecht von Grone, Ko-Chef der Sparte für Land und Forst beim international tätigen Immobilienberatungsunternehmen Colliers, im Gespräch mit der F.A.Z. Die Zahlen aus dem neuen Marktbericht Forst des Unternehmens, der am Montag veröffentlicht wird, sind deutlich: In Privatforstbetrieben sank der Reinertrag im Durchschnitt von 195 Euro je Hektar im Jahr 2018 auf 60 Euro im Folgejahr. 80 Millionen Festmeter Holz wurden im vergangenen Jahr in Deutschland wegen der großen Schäden eingeschlagen. Das ist ein sehr hoher Wert. Im Schnitt der vergangenen Jahre waren es 50 bis 60 Millionen Festmeter.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Und gerade mal ein Viertel war 2020 geplanter, regulärer Einschlag. „Mehr als die Hälfte waren Käferschäden“, sagte von Grone. Neben dem Borkenkäfer schlugen auch die vielen Stürme zu – 13 Prozent des Holzeinschlags sind darauf zurückzuführen. Das seien wirklich katastrophale Zahlen, sagte der Forstfachmann. „Es ist eine Notlage.“ Die vielen Stürme, die extrem trockenen Sommer und die daraus resultierende Vermehrung des Borkenkäfers haben mit rund 300.000 Hektar Wald eine Fläche zerstört, die etwa der Fläche des Saarlandes entspricht. 160 Millionen Kubikmeter Schadholz gab es. Wer aufmerksam durch die deutschen Wälder geht, der kann die nach wie vor angespannte Situation am Nadel- und Blattverlust in den Baumkronen sehen. Nur jeder fünfte Baum sei aktuell frei von Schäden, heißt es im Marktbericht von Colliers.

          Die Konsequenz: Klimawandel und längere Phasen der Trockenheit erzwingen einen Umbau des Waldes. „Die Laubholzanteile haben zu Lasten der Nadelholzanteile zugenommen – allen voran bei der Fichte“, berichtete Nils von Schmidt, Ko-Vorsitzender bei Colliers. Nadelholz macht etwa 55 Prozent des deutschen Waldes aus. Die Fichte ist dabei zwar mit der Kiefer immer noch die Nummer eins, doch der Borkenkäfer hat gerade ihr massiv zugesetzt. Die Fichte machte deswegen zuletzt rund 50 Prozent des Einschlags aus. Waldumbau wird in der Bundesrepublik seit Jahren betrieben. „Das muss die Forstwirtschaft jetzt nicht neu lernen“, sagte von Grone.

          „Vielleicht ist die Zeder besser als die Buche“

          Für dieses Jahr erwarten von Grone und die Fachleute von Colliers deutliche Anzeichen einer Erholung. „Wir gehen davon aus, dass eine nachhaltige operative Rendite, also ohne Wertsteigerung des Grund und Bodens, von 1,5 Prozent jährlich bei deutschen Forstinvestments erzielt werden kann“, heißt es. Aber auch Laubwald sei kein Allheilmittel, die Forstwirtschaft für den Klimawandel fit zu machen, weil auch die Grundwasserspiegel sinken. „Wir müssen wegen des Klimawandels nach anderen Baumarten suchen“, sagte von Grone. „Vielleicht ist die Zeder besser als die Buche, wenn die nicht mehr genug Grundwasser findet.“ Die meisten Bäume, die vielversprechend für die deutschen Wälder sind, kommen nach Angaben von Schmidts aus dem Mittelmeerraum. „Wir brauchen im Wald ein breiteres Portfolio aus Baumarten“, forderte er. Es sei nicht mehr zeitgemäß, sich auf die bekannten vier heimischen Hauptbaumarten Fichte, Kiefer, Buche und Eiche zu beschränken.

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          Erfolgreich durchgesetzt hat sich bei den Nadelbäumen zum Beispiel die Douglasie. Da die Forstwirtschaft in der Krise auf staatliche Hilfe angewiesen sei, könne die Politik mit ihrer Klimaschutzpolitik auch beeinflussen, dass andere, neue Arten in Deutschland angepflanzt würden, sagte von Grone. „Es ist schwer zu verstehen, dass in Niedersachsen zum Beispiel Aufforstung mit der klimaresilienten Douglasie lange nicht gefördert wurde, weil es sich nicht um eine heimische Baumart handelt“, sagte er. Immerhin sei sie vor mehr als 140 Jahren schon von Bismarck eingeführt worden und habe sich bewährt.

          Mehr finanzielle Hilfe vom Staat fordern die Forstexperten nicht nur wegen der Schäden durch die langen Dürresommer. Zwar sei die Aufforstung, die im Schnitt pro Hektar rund 10.000 Euro kostet, für viele Betriebe finanziell wegen der schwächeren Erlöse ein Riesenproblem. Die Wälder spielten aber auch beim Ziel, Deutschland zu einem klimaneutralen Land zu machen, eine entscheidende Rolle, die sie stärker gewürdigt sehen wollen. Insgesamt bindet der Wald in der Bundesrepublik rund 991 Millionen Tonnen Kohlenstoff im Jahr. Rund 11,2 Tonnen CO2 entziehen die Bäume auf einem Hektar Wald der Atmosphäre. Dies verdeutliche die Rolle des Waldes zur Regulierung des Klimas und bei der Speicherung von CO2.

          Kein Wachstum ohne ökologische Rendite

          Die beiden Forstexperten sind sich sicher, dass die nächste Bundesregierung sich mit dem Thema beschäftigen muss, wie die angekündigte CO2-Bepreisung sich positiv auf die Forstwirtschaft auswirken sollte. Zwar gibt es aktuell noch keine CO2-Zertifizierung für Wälder in Deutschland. „Wir gehen davon aus, dass sich das zeitnah verändern wird“, erwartet von Schmidt. Das mache Wald in Deutschland für institutionelle Anleger interessant, auch wenn Investoren das aktuell noch nicht einpreisen könnten. Die Renditen in Deutschland sind mit 1,5 Prozent überschaubar. „Doch der Blick auf die ökonomische Seite der Forstwirtschaft hat sich verändert. Die wirtschaftliche Rendite wird erweitert um die ökologische Rendite“, sagte er. „Das macht es für institutionelle Anleger interessant.“

          Wirtschaftlich haben Trockenheit und Borkenkäfer der Branche stark zugesetzt. Nachdem die Preise für Holz bis 2018 auf stabil hohem Niveau verharrten, sind sie 2019 wegen des hohen Einschlags beim Nadelholz deutlich gesunken. „Von den Preisen beim Bauholz hat der Forstwirt leider nichts“, berichtete von Grone. Holz müsse ja erst einmal ein paar Jahre lagern, bis es verbaut werden könne. Holzhändler und Sägewerke könnten jetzt ihre Lager räumen und höhere Preise erzielen. Zudem verhindere die kleinteilige Struktur der Forstbetriebe jede Angebotsbündelung und entsprechend Marktmacht.

          Die Struktur der deutschen Forstwirtschaft ist wirtschaftlich ein Problem. „Die Betriebe sind zu klein, aber gerade in der Forstwirtschaft ist die Economy of Scale wichtig“, sagte von Schmidt. Er würde eine Flurbereinigung deswegen begrüßen. Von rund zwei Millionen Waldeigentümern in der Bundesrepublik besitzt weniger als die Hälfte eine Waldfläche, die größer als 20 Hektar ist. Der Markt für Waldflächen ist daher ebenfalls sehr kleinteilig. 2018 wurden für insgesamt rund 430 Millionen Euro 34.100 Hektar Wald verkauft – im Schnitt wechselten bei einem Durchschnittspreis von 12.700 Euro je Hektar nur 1,8 Hektar Wald je Transaktion den Besitzer. Dabei gibt es allerdings große regionale Preisunterschiede. Die Spanne reicht von 5000 Euro für einen Hektar Kleinfläche in Thüringen bis zu 60.000 Euro für ein kleines Waldstück in Oberbayern.

          Für institutionelle Anleger ist es schwierig, in einem so kleinteiligen Markt zum Zug zu kommen. „Wenn jetzt fünf institutionelle Anleger kämen und jeweils 1000 Hektar Wald kaufen wollten, dann hätten wir die nicht so einfach im Angebot“, sagte von Grone. „Wald ist eben keine Dreizimmerwohnung, die immer im Angebot ist.“

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