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Corona-Hamsterkäufe : Zurück zur guten alten Dose?

Fast vergriffen: Ein Regal mit Konserven in einem Berliner Supermarkt Bild: dpa

Die Deutschen entdecken dank des Coronavirus ihre Liebe für Konserviertes. Das könnte sogar der Umwelt helfen.

          2 Min.

          In Zeiten der Not geht es plötzlich um Grundsätzliches: Reichen die gebunkerten Rollen Toilettenpapier aus, um zwei Wochen Corona-Quarantäne zu überstehen? Sind genug Lebensmittel vorhanden, sollten die globalen Lieferketten zusammenbrechen? Obwohl Behörden und Fachleute zur Besonnenheit mahnen, stellen sich angesichts der steigenden Zahl von Infektionsfällen mit der neuartigen Lungenerkrankung Covid-19 viele Menschen in Deutschland derzeit diese Fragen. Land auf Land ab melden Supermärkte eine verstärkte Nachfrage nach haltbaren Lebensmitteln und Hygieneprodukten.

          Jessica von Blazekovic
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Das Coronavirus lässt nicht nur alte Instinkte neu aufleben. Dank der Hamsterkäufe der Deutschen hat auch ein altes Produkt wieder Konjunktur: die Konserve. Das Nürnberger Forschungsinstitut GfK meldete vergangene Woche einen deutlichen Anstieg der Verkaufsumsätze konservierter Lebensmittel. Demnach ist der Umsatz mit Fertigsuppen im Lebensmitteleinzelhandel binnen einer Woche um 112 Prozent gestiegen, Fisch- und Obstkonserven legten jeweils um 70 Prozent zu.

          Die Arbeitsgemeinschaft Verpackung und Umwelt (AGVU) kann dieser Nachricht durchaus etwas Positives abgewinnen: „Jedenfalls in einer Hinsicht muss die gestiegene Nachfrage nach Konservendosen keine Sorgen bereiten: die Recyclingfähigkeit von Aluminium und Weißblech ist hervorragend“, schrieb der Verband auf Twitter.

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          Der AGVU-Vorstandsvorsitzende Carl Dominik Klepper glaubt zwar nicht, dass die derzeitige Liebe der Deutschen für die Konserve ein langfristiger Trend bleiben wird: „Das hängt mit der speziellen Situation zusammen.“ Zu wünschen wäre es in seinen Augen aber: „Aluminium und Weißblech sind Paradebeispiele für einen gelungenen Rohstoffkreislauf“, sagte Klepper.

          Zahlen der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM) geben dem Verbandsmann Recht: Im Jahr 2018 wurden demnach jeweils 90,4 Prozent der in Umlauf gebrachten Verkaufsverpackungen aus Aluminium und Weißblech rezykliert – kein anderes Material kann mit einer solchen Bilanz aufwarten. Für Kunststoff meldet die GVM eine Quote von 48, für Glas 84 Prozent. 75 Prozent des jemals produzierten Aluminiums befinden sich heute noch im Einsatz, während Schätzungen zufolge rund 80 Prozent des seit dem Jahr 1950 angefallenen Plastikmülls auf Deponien oder in der Umwelt gelandet sind. Dem gegenüber stehen die vergleichsweise energieintensive Herstellung von Konserven und deren höheres Transportgewicht, auch wenn sich die Branche seit Jahren bemüht, die Wandstärken deutlich zu reduzieren, um Material und Gewicht einzusparen. 

          Lebensmittel bleiben länger haltbar

          Sibylle Vollmer vom Verband der Metallverpackungen zufolge ist die „gute alte Dose“ nicht erst seit dem Ausbruch des Coronavirus gefragt. Sie glaubt mit dem Fokus der Europäischen Union und auch der Bundesregierung auf eine geschlossene Kreislaufwitschaft einen Paradigmenwechsel ausgemacht zu haben: „Viele Jahre ging es darum, dass Verpackungen möglichst leicht sein sollten und CO2-arm hergestellt werden“, sagt Vollmer. Zuletzt aber sei es wichtiger geworden, dass das, was einmal produziert wurde, lange erhalten bleibt – eine Vorgabe, die dem Weißblech „zupass“ komme.

          Lenkt das Coronavirus in der Debatte um die wachsenden Berge an Verpackungsmüll die Aufmerksamkeit also auf ein altbewährtes und unterschätztes Material? Michael Schneider, Sprecher des Recyclingunternehmens Remondis, kann der Konservendose auch im direkten Vergleich zu Plastik viel Positives abgewinnen: „Sollte doch mal etwas von diesem Material in der Natur landen, ist das zwar optisch ebenso unschön und möglicherweise nicht ganz ohne Verletzungsgefahr für Mensch und Tier, aber langfristig schädlich für die Umwelt im stofflichen Sinne ist es nicht.“ Ob Konservendosen aber für alle Anwendungsbereiche, in denen heute Plastik zum Einsatz kommt, gleichermaßen geeignet wäre, sei zu bezweifeln.

          Der Bund für Umwelt und Naturschutz findet indes, Konserven seien zwar sinnvoll mit Blick auf die längere Haltbarkeit von Lebensmitteln. Doch „regional, frisch und bedarfsgerecht“ einzukaufen sei immer noch die bessere Lösung.

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