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Ambitionierte Milliardäre : Sonnenstrom für Asien aus Australiens Wüste

Diese Anlage steht schon: Ein Solarfarm in Williamsdale in Australien Bild: EPA

Milliardäre wollen im „outback“ die größte Solaranlage der Welt bauen. Der Strom soll dann nach Singapur geliefert werden. Nun beteiligt sich auch die Regierung an dem Plan, der an das gescheiterte Projekt Desertec erinnert.

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          Australiens investitionsfreudige Milliardäre dringen in ein weiteres Feld vor: Nachdem sie Erz-Lagerstätten, Rinderfarmen oder Pharmafirmen gekauft haben, finanzieren sie nun die größte private Sonnenenergiefabrik der Welt. Für rund 22 Milliarden Australische Dollar (13,3 Milliarden Euro) entsteht im Norden des Fünften Kontinents eine Anlage, die später den rund 4000 Kilometer entfernten, südostasiatischen Stadtstaat Singapur versorgen soll.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Der Plan namens Suncable erinnert an das gescheiterte Sahara-Projekt Desertec, das Deutschland mit Strom versorgen sollte. Der damalige Siemens-Chef Peter Löscher bezeichnete es einst als „Apollo-Projekt des 21. Jahrhunderts“. Diese Apollo-Rakete aber zündete nie. Jahre später aber spricht mehr und mehr für die Pläne der Australier. 

          Die Solarfarm „down-under“ soll mindestens 10 Gigawatt Kapazität besitzen – würden damit etwa 40.000 Gigawattstunden Strom produziert, könnte dies reichen, um 10 Millionen Haushalte zu versorgen. Zum Vergleich: Zu Beginn wollte Desertec, an dem neben Siemens auch Eon, die Deutsche Bank, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beteiligt waren, eine Million Gigawattstunden liefern.

          Mitglieder der Desertec-Initiative im Jahr 2009
          Mitglieder der Desertec-Initiative im Jahr 2009 : Bild: Reuters

          Allerdings sollen in Australien nun mehrere Anlagen gebaut werden: der „Asian Renewable Energy Hub“ (AREH) in der unendlich weiten, westaustralischen Erzregion Pilbara könnte auch Indonesien versorgen. Die Hybrid-Anlage soll Strom aus Sonne und Wind gewinnen. Die westaustralische Regierung stützt den schon 2014 aufgekommenen Plan. Auf lange Sicht sollte die Anlage 26 Gigawatt Kapazität besitzen und vor allem die heimische Hydrogen-Produktion unterstützen.

          Mike Cannon-Brookes
          Mike Cannon-Brookes : Bild: AFP

          Im Norden wollen die Australier ihre „Solarfarm“ in der Tat auf einem ehemaligen Farmgelände bauen. Auf gut zehntausend Quadratkilometern zwischen Alice Springs, bekannt aufgrund des Ayers Rock, und Darwin, der Hauptstadt des Nordens, ließ Kerry Packer, der Vater des derzeit mal wieder in den Schlagzeilen gelandeten Milliardärs James Packer, seine Rinderherden weiden.

          Eine Wette mit Elon Musk 

          Die künftigen Betreiber sind stolz darauf, dass man ihre Anlagen sogar vom Raumschiff aus sehen werde. Industrie-Ministerin Karen Andrews sprach davon, ihr Land werde damit zum „Führer auf dem Weltmarkt“. Angeschoben haben das Projekt unter anderem der grüne Internet-Milliardär Mike Cannon-Brookes und Andrew Forrest, der mit Erzlieferungen aus dem Westen Australiens sein Geld verdient. Die meisten Milliarden davon bringt er in eine Stiftung ein, die sich auch stark für humanitäre Zwecke engagiert.

          Andrew Forrest
          Andrew Forrest : Bild: dpa

          Cannon-Brookes ist bekannt nicht nur, weil er mit seinem Studienfreund die australische SAP namens Atlassian an die Börse brachte. Sondern auch, weil er mit Tesla-Eigentümer Elon Musk über Twitter eine Wette einging, um ihn dazu zu bewegen, in Rekordzeit eine riesige Batterie für die Stromspeicherung im Süden Australiens zu bauen. Am Montag wurde bekannt, dass er eine in einer Garage gegründete Firma in Sydney mitfinanziert, die bei Solarpanelen das notwendige – teure – Silber durch Kupfer ersetzen will.

          Die konservative und als Kohle-freundlich geltende Regierung unter Ministerpräsident Scott Morrison erteilte dem Vorhaben im Sommer „Projektstatus“. Während sie gleichzeitig die Lebenszeit von Kohlekraftwerken verlängerte, und Gas nun als „Übergangsenergie“ nutzen will. Die Solaranlage besitze, so Energieminister und Kohlefreund Angus Taylor, „strategische Bedeutung“ für Australien.

          Bleibt genug im Strom im eigenen Land?

          Allerdings gibt es warnende Stimmen: Nicht nur, weil frühere Großprojekte wie Desertec oder eine Verbindung aus der Mongolei nach Nordasien scheiterten, sondern auch weil es im eigenen Land mit der Unterseeverbindung zwischen der Insel Tasmanien und dem Festland, dem 370 Kilometer langen „Basslink“, zu Problemen kommt. Und schließlich drängen gerade die hartgesottenen Minister Nordaustraliens darauf, dass vor allem genug Strom im eigenen Land bleibe.  

          Doch der Nordstaat braucht dringend Investitionen, und die Nutzung einer Fläche für den Gewinn von Sonnenenergie hört sich weniger zerstörerisch an als für den Kohle-Tagebau, wie es im Nachbarstaat Queensland geschieht. So hoffen die Geldgeber bis zum Jahr 2023 auf grünes Licht, um dann ab 2026 Energie produzieren zu können, die ein Jahr später exportiert werden soll.

          Im einsamen Norden des riesigen Landes liegt die Ebene an der einzigen Eisenbahnstrecke und in der Nähe der Nord-Süd-Autobahn – das Anliefern von Material ist damit machbar. Mit gut 120 Quadratkilometern soll die Anlage nur einen Bruchteil des Gesamtgeländes einnehmen. Zunächst aber sind Dutzende Genehmigungen einzuholen.

          Das längste Strom-Unterseekabel der Welt

          Rekorde werden hier leicht zu haben sein: Läuft die Anlage nach Plan und liefert nach Singapur, ist sie – nach heutigem Stand – nicht nur die größte der Welt. Sie nutzt auch das mit 3700 Kilometern von Darwin bis Singapur längste Strom-Unterseekabel der Welt. Bis Ende März nächsten Jahres erstellt das Forschungsschiff von Guardian Geomatics Karten für ihren Bau. Suncable plant aber auch, mit angedachten 100 Megawatt die größte Batterie der Welt in Darwin zu bauen.

          Auch hier dürften Tesla und Musk nach ihrem Auftritt in Südaustralien und einem weiteren in Queensland wieder ins Spiel kommen. Vergangene Woche erst verkündete Taylor einen Auftrag für den Bau einer Tesla-Großbatterie in Sydney. Von der Solarfabrik zur Landeshauptstadt Darwin sind weitere 800 Kilometer mit einer Oberleitung durch den „Outback“ zu überbrücken. Mehr als tausendfünfhundert Menschen werden für den  Bau der Anlage eingesetzt werden, rund zwölftausend werden bei Zulieferern genutzt, und gut 300 braucht Suncable wohl für ihren späteren Betrieb.

          Milliardäre geißeln Regierung

          Der Finanzplatz Singapur, stark vom Klimawandel bedroht, könnte rund ein Fünftel seines Stromverbrauchs dank der Sonne über Australien decken. Rund zwei Drittel des produzierten Stroms will Australien den Singapurern verkaufen. Ein heikles Geschäft, denn derzeit ringt Canberra damit, dass es über langjährige Verträge so viel Erdgas nach Nordasien liefert, dass die Energiepreise im eigenen Land als viel zu hoch und damit politisch gefährlich gelten.

          Die australische Regierung treibt das Projekt unter dem Druck der Klimaschützer und Milliardäre – Cannon-Brookes geißelt Morrisons und Taylors Energiepolitik als eine „Strategie ohne Ziel“ – nun voran. Taylor sprach gerade davon, Australien werde damit auch weiterhin der „führende Exporteur von Energie auf der Welt“ bleiben.

          Der anvisierte Großabnehmer Singapur unterzeichnete am Montag eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit mit Australien bei „grüner Energie“. Taylor sagte bei der digitalen Unterzeichnung: „Unsere Vision lautet, Weltführer bei technischen Lösungen mit niedrigen Emissionen zu sein.“ Suncable wird nicht erwähnt, wohl aber Wasserstoff und der Energiehandel. Ähnliche Abkommen haben die Australier mit Japan, Südkorea und auch Deutschland geschlossen. Zwar habe man sich mit den Planern getroffen, heißt es bei der Singapurer Energiebehörde. Wie so oft im Stadtstaat redet man allerdings nicht über ungelegte Eier, sondern wartet ab, bis der Rahmen steht. Man werde, so hieß es bei der Behörde, „auf Kosten und Risiken achten“. Der größte unabhängige Stromlieferant der Insel, Iswitch, hat allerdings erstes Interesse als möglicher Abnehmer gezeigt.

          Suncable hofft darauf, dass auf Dauer auch Indonesien als Kunde des Australian-ASEAN Power Link (AAPL) auftreten werde, so wie bei der Anlage in Westaustralien geplant. Das Kabel nach Singapur läuft sowieso entlang des dramatisch unterversorgten Staates. Suncable spricht schon davon, rund 2 Milliarden Australische Dollar Exportwert im Jahr zu erzeugen.

          „Zweifel gibt es immer, wenn etwas zum ersten Mal angefasst wird, ob es nun die erste Telefonleitung durch den Atlantik war oder ein Unterseekabel, dass erneuerbare Energie von Australien nach Singapur liefert“, sagt Kane Thornton, Chef des Rates für Saubere Energie in Australien. „Aber wenn einige der erfolgreichsten Geschäftsleute Australiens entscheiden, das Projekt sei es wert zu investieren, könnte es sich lohnen aufzuhorchen.“

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