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Kleinunternehmer : Über Nacht in Existenzgefahr

Der Schallplattenladen „Analogtontraeger“ in Frankfurt Bornheim Bild: Frank Röth

Der Schallplattenhändler Alexander Timme hat ein gut laufendes internationales Geschäft aufgebaut. Die erzwungene Ladenschließung wegen des Coronavirus gefährdet zehn Jahre Aufbauarbeit.

          3 Min.

          Alexander Timme dekoriert sein Schaufenster im Frankfurter Stadtteil Bornheim gern mal mit pfiffigen Botschaften. Kürzlich, als der deutsche Jazzpianist Wolfgang Dauner gestorben ist, stellte er mit seinem Team eine der besten Dauner-Schallplatten aus und dazu den Satz: „Wolfgang, alter Jazzfreund, mach’s gut und grüß all die anderen.“ Nun, da die Coronakrise seine wirtschaftliche Existenz bedroht, hat der Betreiber des Ladens Analogetontraeger 27 bunte eckige Blätter ausgedruckt, die zusammen die Frage ergeben: „Was sollen wir mit einem Kredit?“ Dahinter ist noch die gerade erst vor wenigen Tagen fertiggestellte Dekoration mit schönen alten Covers aus der Klassik- und Jazz-Musikgeschichte zu sehen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Am Dienstagabend hat er mit seinen zwei festangestellten Mitarbeitern Abschied gefeiert. Bedrückte Gesichter, denn die Zukunft ist völlig ungewiss. Bekommen die zwei den Antrag auf Kurzarbeitergeld bewilligt? Das Gespräch mit der Bundesagentur zumindest sei erfreulich gewesen. Erfreulicher als das meiste der letzten Tage, die Hilfsaktionen der Bundesregierung, von denen Timme meint, gar nicht zu profitieren, sagt er während eines kurzen Gesprächs mit reichlich räumlichem Abstand. Denn einen Kredit – noch dazu verzinst – über die Entwicklungsbank KfW würde er in der aktuellen Lage gar nicht beanspruchen, denn sein Lager ist gefüllt. Nur wird der Umsatz vom Mittwoch an schlagartig auf null fallen. Und um an neue Platten heranzukommen, die er im Laden und online auch international verkauft, muss er Sammlungen physisch sehen und mit Händlern Kontakt haben, die ihm die Ware zum Beispiel für die Plattenbörse in Utrecht abkaufen.

          „Der Umsatz im Laden macht nur ein Drittel aus. Viele Platten gehen nach China“, sagt er am Tag danach am Telefon. Dieser Teil seines Geschäfts über Zwischenhändler fiel durch Corona schon in den vergangenen Wochen weg. Nun kommen auch die Aufkäufer aus Weißrussland und der Ukraine nicht mehr zu ihm. Der Genickbruch aber ist nun, dass die Börse in Utrecht abgesagt wurde, der wichtigste Umschlagplatz für Schallplatten aus zweiter Hand. Und nun die behördlich angeordnete Schließung wegen des Virus, das sich nicht weiter ausbreiten darf, wenn das medizinische System des Landes nicht zusammenbrechen soll. Einnahmen auf null, über Nacht. „Egal wie viel vorher schon passiert ist, so etwas dämmert einem kleinen Händler erst sehr spät“, sagt er. Und wie hätte er auch reagieren sollen?

          Plattenladen im Frankfurter Stadtteil Bornheim

          Als angekündigt wurde, dass es „Soforthilfen“ geben werde, war die Hoffnung erst einmal groß. Doch der Zugang zu zinsgünstigen Krediten über die KfW ist nicht das, was er für sich als „Hilfe“ durchgehen lassen würde. „Kein Kaufmann nimmt einen Kredit auf, um die laufenden Kosten zu bestreiten“, sagt er. So partnerschaftlich er den Laden führt, so schnell hat er auch seine beiden Mitarbeiter in die Überlegungen eingebunden. Als erstes kamen sie auf den Gedanken, Kosten zu senken. Deshalb ist die Bewilligung von Kurzarbeitergeld entscheidend für das Dreierteam.

          Nach Timmes Schilderung treffen die Maßnahmen, die er in der Sache unterstützt, einen grundsoliden Betrieb, der sich innerhalb von zehn Jahren auf dem Markt etabliert hat. Im Inneren hat er das größte und bestsortierte Sortiment klassischer Musik in Frankfurt und ein außergewöhnliches Angebot an Neuer Musik (Hans Werner Henze, Philip Glass, György Ligeti), dazu Jazz von Armstrong bis Zorn, Rock von AC/DC bis ZZtop und eineinhalb Regale mit großen Werkzusammenstellungen bekannter Komponisten. Für die Stammkunden hat das Trio liebevolle Spitznamen. Auf Straßenfesten ist Timme mit seinem Lieferwagen und großen Plastikboxen präsent.

          Außerdem engagiert sich der Händler im örtlichen Gewerbeverein Bornheim, mit dem er sich darum bemüht, das Einzelhandelsangebot noch attraktiver für die Kunden zu präsentieren. Regelmäßig erscheint eine Broschüre. Wegen des Plastiktütenverbots hat man gemeinsam eine Taschentauschstation eingerichtet. Timme ist sich im Klaren, dass die Herausforderungen in seinem Stadtteil in der Welt vor Corona im Vergleich zu Vierteln mit weniger zahlungsbereiter Klientel überschaubar waren. Aber die Zwangsschließung nun wird ein Kampf ums Überleben werden. „Der Vermieter sagt ja nicht, er verzichtet auf die Miete“, sagt er. „Und wenn es vier bis sechs Wochen dauert, wird der Onlinehandel darüber nicht böse sein.“

          Obwohl auch Timme und seine beiden Mitarbeiter als Onlinehändler über ihre Internetseite analogetontraeger.de bis nach China verkaufen (sogar mit einer chinesischen Seite), sind sie auf physische Präsenz ihrer Aufkäufer angewiesen. „Wir leben davon, dass wir Sammlungen kaufen. Das ist kein Schuhgeschäft, deshalb brauchen wir den Laden.“ Wenn er nicht mehr ankaufen könne, habe er noch seinen Lagerbestand, den er nicht an die Kunden bringen kann. Zehn Jahre Investition in ein eigentlich funktionierendes Geschäftsmodell, das von einem brandgefährlichen Virus ausgebremst wurde. Hoffnung habe er, weil sich in China das Leben normalisiere. Momentan stauten sich die Waren, die Frachtkosten seien stark gestiegen. „Ich bin guter Dinge, dass wir das wuppen“, sagt er. „Aber nicht alleine.“ Den Zuspruch aus der Nachbarschaft habe er, jetzt müssten die Hilfsmaßnahmen von Bund und Land Hessen greifen.

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