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Klaus Franz : Macht Druck

  • -Aktualisiert am

Klaus Franz Bild: AP

Ohne Klaus Franz wäre das Schicksal von Opel schon besiegelt. Der Autohersteller hätte längst Insolvenz angemeldet. Auf politischer Ebene hat er im richtigen Moment den entscheidenden Dominostein angetippt, um die ganze Reihe zum Fallen zu bringen. Seine Vorgaben wurden in Berlin großteils übernommen.

          Ohne Klaus Franz wäre das Schicksal von Opel schon besiegelt. Der Autohersteller hätte längst Insolvenz angemeldet. Dass es anders gekommen ist, liegt nicht etwa daran, dass Franz das Geld in der Kasse zusammengehalten hätte. Dafür ist der 57 Jahre alte Gesamtbetriebsratschef, der seit dem Jahr 2000 gut 50 000 Opel-Beschäftigte in ganz Europa vertritt, auch gar nicht zuständig; das überlässt er dem neben ihm recht blass wirkenden Vorstandschef Carl-Peter Forster. Nein, dass Opel lebt, liegt allein daran, dass Franz auf politischer Ebene im richtigen Moment den entscheidenden Dominostein antippt, um die ganze Reihe zum Fallen zu bringen.

          Ende Februar – als die Insolvenz von Opel nur Monate entfernt war – sorgte der intelligente Gewerkschafter dafür, dass Frank-Walter Steinmeier zur Protestkundgebung in das Stammwerk nach Rüsselsheim kam. Damals wurde der Wahlkampf in Sachen Opel eröffnet. Vizekanzler Steinmeier – zugleich Bundesaußenminister, SPD-Chef und Spitzenkandidat der Sozialdemokraten für die bevorstehende Bundestagswahl – stieg auf die Ladefläche eines Lastwagens und versprach den Arbeitern, er werde alles in seiner Macht stehende tun, um Opel zu retten.

          Franz positioniert: gegen Fiat und RHJI

          Das war der erste Stein. Es dauerte nur einen Monat, bis Bundeskanzlerin Angela Merkel nachziehen musste und ebenfalls Rüsselsheim besuchte. Auch sie versprach den Opel-Arbeitern, der Staat werde helfen – wenngleich die Kanzlerin wenigstens in einem Punkt fest blieb: Sie schlug Franz dessen Bitte um einen direkten Staatseinstieg bei Opel ab und beschränkte sich auf Staatskredite. Anfang Juni zahlten Bund und Länder die ersten 1,5 Milliarden Euro aus und verhinderten die sofortige Insolvenz.

          Danach musste Franz, der dank Mitbestimmung seit 2003 auch Vize-Aufsichtsratschef von Opel ist und als „Co-Manager“ gilt, eigentlich nur noch den Investor auswählen. Zuerst sortierte er Fiat aus. Denn der italienische Hersteller hätte die gesamte Getriebeproduktion in Deutschland planiert und zahlreiche Opel-Werke geschlossen. Dann positionierte Franz sich, nach längerer Prüfung, für den Autozulieferer Magna und gegen den Finanzinvestor RHJI, weil dieser knapp 4000 Stellen in Deutschland streichen will.

          Ganz nebenbei setzte Franz als Gegenleistung für den ohnehin notwendigen Lohnverzicht der Beschäftigten eine Beteiligung am Unternehmen von 10 Prozent durch. Und er erklärte es zur nicht zu hinterfragenden Wahrheit, dass General Motors (GM) Opel in den Abgrund führte und deshalb die Rettung in der Abtrennung von GM liege. Anders als Forster musste er bei Kritik an den verhassten Amerikanern kein Blatt vor den Mund nehmen.

          Er spricht stündlich zu Journalisten

          Alle Vorgaben, die Franz machte, wurden in Berlin so weit übernommen und verinnerlicht, dass Bund und Länder nun einen Monat vor der Bundestagswahl ein Finanzierungspaket nur für Magna vorlegten – und keines für RHJI. Der Vorstand von GM rang sich nach der Milliardenzusage dazu durch, das bisher ungeliebte Angebot von Magna für Opel als gleichwertig mit dem von RHJI zu betrachten.

          Per Mobiltelefon behält Franz alles im Griff: Selbst im Sommerurlaub, von Italien aus, und noch kurz bevor ihm im Krankenhaus die Schrauben aus einem gebrochenen Knochen herausgedreht werden, spricht er stündlich mit Journalisten und Politikern. Doch weder Franz noch Merkel oder Steinmeier haben damit gerechnet, dass der GM-Verwaltungsrat das deutsche Angebot zunächst nicht annimmt. Kolportiert wird, der GM-Vorstand habe dem Gremium am vorigen Freitag geraten, einfach den Staatskredit für Magna von 4,5 Milliarden Euro zu kassieren – und später schrittweise Opel im GM-Konzern durch die Marke Chevrolet zu ersetzen. Doch dem Board erscheint offenbar der damit verbundene Verzicht auf das Europageschäft von Opel zu riskant.

          Jetzt muss Franz sein Meisterstück abliefern und den GM-Verwaltungsrat in die Knie zwingen. Dazu braucht es härtere Methoden, schließlich reißt Franz allmählich der Geduldsfaden. Sollte es bis Ende der Woche keine Entscheidung geben, werde die Belegschaft aktiv, droht er. Möglich wäre eine Kundgebung der Opel-Arbeiter vor der amerikanischen Botschaft in Berlin. Damit könnte Franz den Bogen überspannen. Die Bundesregierung wird wohl kaum wegen Opel die transatlantische Freundschaft aufs Spiel setzen. Und auch in einer anderen Hinsicht kommt Franz in die Bedrouille: Die Opel-Betriebsräte im europäischen Ausland stehen nicht mehr vorbehaltlos hinter dem „Kollegen Franz“. Denn Magna will zwar weniger Stellen in Deutschland abbauen als RHJI, dafür aber umso mehr an den anderen europäischen Standorten.

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