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Klassifizierung von „Sandy“ : Hurrikan oder nur ein Tropensturm?

Vom Sturm aus den Angeln gehoben: ein Haus am Strand von New Jersey nach dem Hurrikan „Sandy“ im Herbst 2012. Bild: REUTERS

Die meteorologische Klassifizierung von „Sandy“ wird zum Streitpunkt zwischen Versicherern und Hausbesitzern. Je schwächer die Kategorie, desto höher der Selbstbehalt. Es geht um Millionen Dollar.

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          Als der verheerende Sturm Sandy vor zwei Wochen über den amerikanischen Nordosten fegte, machten sich Hausbesitzer an der Atlantikküste noch wenig Gedanken über meteorologische Feinheiten. Im Fernsehen wurde Sandy zwar mal als Hurrikan und mal als Tropensturm bezeichnet. Klar war den Leuten an der Küste nur, dass der Wirbelwind mächtig genug war, das Meer meterhoch aufzuwallen und ganze Häuserfronten wegzureißen. Nachdem Sandy vorbeigezogen ist und das Ausmaß der Zerstörungen deutlich wird, droht die Klassifizierung des Sturms aber zu einem Zankapfel zwischen Hausbesitzern, Versicherern und den Politikern der betroffenen Bundesstaaten zu werden: Es geht um hohe Millionen-Dollar-Beträge.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Wird Sandy als Hurrikan klassifiziert, müssen Hausbesitzer in der Regel einen Selbstbehalt von 1 Prozent bis zu 5 Prozent des versicherten Hauswertes zahlen. Bei einem schönen Strandhaus im Wert von 500.000 Dollar müssten die Besitzer also bis 25.000 Dollar aus der eigenen Tasche berappen. War Sandy dagegen nur ein Tropensturm, die nächstschwächere Sturmkategorie, belaufen sich die Selbstbehalte in der Regel nur auf einen fixen Betrag von 500 bis 1000 Dollar. 

          Klassifiziert werden Wirbelstürme vom Nationalen Wetterdienst der Vereinigten Staaten. Der Wetterdienst hat Sandy am Abend des 29. Oktober, eine Stunde bevor der Sturm auf die Küstenstadt Atlantic City traf, von Hurrikan auf Tropensturm heruntergestuft. Entscheidend dafür sind die Windgeschwindigkeiten. Die Gouverneure mehrerer betroffener Bundesstaaten haben den Versicherungsunternehmen umgehend bedeutet, dass sie wegen der Klassifizierung Sandys als Tropensturm nun keine Hurrikan-Selbstbehalte von ihren Kunden einfordern könnten. 

          Mit Betonung auf „Hurrikan“

          In der Assekuranz regt sich allerdings Widerstand. „Fragen Sie irgendjemanden in New York oder New Jersey, was passiert ist, und sie werden Ihnen sagen, dass Hurrikan Sandy zugeschlagen hat“, sagt Jimi Grande, der für Regierungsbeziehungen beim Versicherungsbranchenverband Namic zuständig ist, mit Betonung auf „Hurrikan“. Anwälte in der Branche meinen, dass letztlich Gerichte über die Klassifizierung entscheiden müssten. Der New Yorker Senator Charles Schumer gibt den Druck zurück und warnte die Versicherer kürzlich davor, auf eine Änderung der Klassifizierung von Sandy zu drängen. „Versicherungsunternehmen sollten nicht versuchen, die Realität zu verändern, damit sie auf dem Rücken von Hausbesitzern Geld sparen“, sagte Schumer. 

          Die Kontroverse betrifft allerdings nur die direkten Schäden aus dem Sturm. Fachleute des Rückversicherers Munich Re rechnen damit, dass sie nur den geringeren Anteil an den gesamten Schäden ausmachen. Viel kostspieliger dürften die Folgen der Sturmflut werden. Hier dürfte vor allem das staatliche Flutversicherungsprogramm greifen, das bei Wohngebäuden für Schäden bis zu 250.000 Dollar aufkommt. Viele Häuser beispielsweise auf Long Island, der stark betroffenen Halbinsel östlich der Stadt New York, dürften allerdings deutlich teurer sein. Für sie wurden zum Teil private Zusatzdeckungen abgeschlossen, was wiederum Kosten für Erst- und Rückversicherer verursacht.

          Auch im Jahr 2005 bei Katrina, dem bislang teuersten Hurrikan, entfiel ein erheblicher Anteil - 16 Milliarden Dollar - der gesamten Versicherungschäden von 61,5 Milliarden Dollar auf die staatliche Flutversicherung. Die europäischen Rückversicherer haben sich mit konkreten Schadenschätzungen bisher allerdings noch zurückgehalten. Die Hannover Rück, bei der rund 5 Prozent der Prämieneinnahmen in der Schaden-Rückversicherung (rund 400 Millionen Euro) auf das globale Katastrophengeschäft entfallen, hält es selbst für Richtwerte für zu früh. Die Munich Re hingegen gab kürzlich bekannt, dass sie einen mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Betrag erwartet, falls die bislang höchste Schadenschätzung von 20 Milliarden Dollar für die Versicherungsbranche zutreffen sollte.

          Fällt der Gesamtschaden geringer aus, bliebe allerdings deutlich weniger bei den Rückversicherern hängen. Denn vor allem bei der Versicherung von Einzelrisiken - etwa großen Industrieanlagen oder Geschäftsgebäuden - haben sie sogenannte „Excess of Loss“-Verträge geschlossen. Das bedeutet, dass ihre Erstversicherungskunden mit einem Selbstbehalt bis zu einer bestimmten Schadenhöhe die Kosten allein tragen. Das ist auch der Grund dafür, dass die Münchner Allianz, Europas größter Erstversicherer, ihre Ergebnisprognose von 9 Milliarden Euro durch Sandy nicht gefährdet sieht.

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