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Nachhaltiger Konsum : Das Gewissen soll mit einkaufen

Leere Straßen in der Pandemie beflügeln den Online-Handel. Wie nachhaltig er ist, weist das Finanz-Start-up Klarna künftig in seiner App aus. Bild: Picture-Alliance

Das Fintech Klarna will Kunden künftig den CO2-Fußabdruck ihres Einkaufs zeigen. Durch diese Transparenz soll das Kaufverhalten bewusster werden. Mit dem Vorhaben sind die Schweden nicht allein.

          3 Min.

          Wenige Klicks – und der Einkauf ist erfolgreich abgeschlossen. Online auf Shoppingtour zu gehen war nie einfacher und in der Pandemie wohl nie nötiger. Der Einkauf über Laptop und Smartphone boomt. Im Pandemiejahr 2020 sind die Umsätze im deutschen Online-Geschäft um knapp 15 Prozent gestiegen und auf über 83 Milliarden Euro geklettert. Wie umweltfreundlich der komfortable Kauf auf der Couch ist, darüber wird immer wieder kräftig gestritten.

          Antonia Mannweiler
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Zumindest für den Online-Einkauf will das schwedische Fintech Klarna seinen Kunden künftig die Möglichkeit geben, einzusehen, wie sich ihr Kauf auf die Umwelt auswirkt. Mit einem neuen Zusatz in der App können Kunden den individuellen CO2-Fußabdruck ihres Warenkorbs einsehen.

          Auch wenn man Greta Thunberg und Klima-Demonstrationen toll finde, sagt Klarna-Chef Sebastian Siemiatkowski, gebe es doch wenige Dinge, die so mächtig und einflussreich seien wie die eigene Geldbörse. Als Inspiration diene die Lebensmittelbranche, sagt Siemiatkowski. Auch dort hätten sich bereits Standards etabliert, um den Konsumenten zu helfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Auch Klarna sei in einer guten Position, den Kunden die Konsequenzen ihrer Entscheidungen aufzuzeigen.

          Konsum soll nachhaltiger werden

          Rund 90 Millionen Nutzer zählt der schwedische Finanzdienstleister, der unter anderem die Möglichkeit bietet, Einkäufe später zu begleichen oder in Raten zu zahlen. Buy Now Pay Later nennt sich das Erfolgsmodell, mit dem das Unternehmen aus Stockholm zum wertvollsten Fintech Europas aufgestiegen ist. Und: An jedem Einkauf verdient Klarna mit. Damit stand das Unternehmen in der Vergangenheit aber auch immer wieder in der Kritik, junge Menschen zum Kauf auf Kredit zu animieren. Nun heißt es also: bewusst konsumieren. In den vergangenen Jahren habe man im Banking realisiert, dass man leider nicht immer das Wohl der Kunden im Blick hatte, sagt Siemiatkowski. Und man müsse sich fragen, wie die Zukunft der Zahlungen aussehe. Sie werde sich viel um Daten drehen, die den Nutzern helfen, bessere Entscheidungen zu treffen.

          Damit ist Klarna nicht allein. Immer mehr Finanzdienstleister bieten ihren Kunden Klima-Übersichten ihrer Einkäufe an. Auch das Berliner Start-up Ecolytiq richtet sich mit seiner Nachhaltigkeitsplattform an Banken und Finanzinstitute, um den Umwelteinfluss von Käufen zu berechnen. Dabei arbeitet Ecolytiq mit der gemeinnützigen Organisation für nachhaltigen Konsum zusammen, welche die Datengrundlage für die Berechnung öffentlich zur Verfügung stellt.

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          Noch seien es hauptsächlich kleinere Finanzinstitute, die solche Übersichten anböten, sagt David Lais, Gründer der Organisation für nachhaltigen Konsum. In Deutschland sei das etwa die Tomorrow Bank, in England die Nachhaltigkeitsbank Novus. Kunden, die mit ihrer Bankkarte im Supermarkt zahlen, sehen in der App dann sowohl die gezahlte Summe als auch den berechneten CO2-Fußabdruck ihrer Einkaufstasche. Als Berechnungsgrundlage diene der CO2-Ausstoß eines durchschnittlichen Warenkorbs, sagt Lais.

          Schätzwerte für die CO2-Bilanz

          Wem der Durchschnittswert nicht genau genug ist, kann seine Gewohnheiten in der App anpassen: etwa ob eher weißes oder rotes Fleisch gegessen wird. Doch selbst wenn man exakt wisse, welche Produkte der Kunde kaufe, seien es am Ende Durchschnittswerte, so Lais. Denn ob eine Tomate aus Holland oder Spanien komme, wüssten teilweise nicht einmal die Händler genau. Man sei noch weit entfernt davon, die Klimabilanz eines Einkaufs detailliert aufschlüsseln zu können.

          Auch Siemiatkowski von Klarna sagt, dass es derzeit noch sehr schwer sei, den exakten CO2-Fußabdruck zu berechnen. Man befinde sich noch in einem sehr frühen Stadium, auch weil die nötige Datengrundlage fehle. Irgendwo müsse man aber anfangen. Für die Berechnung arbeitet Klarna mit dem schwedischen Nachhaltigkeits-Datenanbieter Doconomy zusammen. Das neue Feature sei nur der Anfang, so Siemiatkowski. Im nächsten Schritt denke man über die Möglichkeit einer CO2-Kompensation nach, ähnlich wie in der Luftfahrtbranche.

          Auch bei Klarna werde die Klimabilanz eines Einkaufs anhand von Durchschnittswerten getroffen, sagt Siemiatkowski. Und wenn der eigentliche Fußabdruck der Unternehmen niedriger ist? Das sei phantastisch, antwortet der Klarna-Chef. Damit ermutige man die Partner schließlich, mehr Daten zu veröffentlichen und zu zeigen, warum der CO2-Ausstoß im Unternehmen etwa geringer sei. Man wolle die Kunden dabei aber nicht zu bestimmten Anbietern drängen, die Entscheidung liege bei ihnen, so der Klarna-Chef. Zudem habe nicht jeder das Geld, nachhaltige Produkte, die oft mit einem höheren Preis assoziiert werden, auch zu kaufen. Er glaube aber daran, dass mit dem nötigen Wettbewerb auch die Kosten für nachhaltige Produkte sinken werden. Siemiatkowski zumindest ist davon überzeugt, dass Klarna dabei zum Wettbewerb beiträgt.

          Mit mittlerweile mehr als 250.000 Händlern weltweit arbeitet das schwedische Unternehmen zusammen, darunter auch Marken wie Nike oder H&M. Damit kommt Klarna gewollt oder ungewollt auch ein höheres Gewicht bei den Verhandlungen mit den Händlern zu. Darauf angesprochen betont Siemiatkowski, dass es nicht seine Intention sei, den Druck zu erhöhen. Man ermögliche es den Konsumenten, mit dem neuen Tool Druck auszuüben. Das sei ein großer Unterschied.

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