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Kirchensteuer : „Überfüllung im Himmel“

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Der Ökonom Kai Konrad spricht über die zwangsweise Entrichtung der Kirchensteuer in Deutschland. Er ist gar nicht sicher, ob die Kirche weniger Geld einnehmen würde, gäbe es eine freiwillige Spende statt der Kirchensteuer.

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          Der Ökonom Kai Konrad spricht über die zwangsweise Entrichtung der Kirchensteuer in Deutschland. Er ist gar nicht sicher, ob die Kirche weniger Geld einnehmen würde, gäbe es eine freiwillige Spende statt der Kirchensteuer.

          Herr Konrad, was halten Sie als Finanzwissenschaftler davon, dass die Kirchen sich in Deutschland über eine Steuer finanzieren, die vom Staat eingetrieben wird?

          Für Kirchen und für den Fiskus ist das ein gutes Geschäft. Die Erhebungskosten für den Fiskus sind gering. Müssten die Kirchen die Steuern selbst eintreiben, wäre das sehr teuer. Und was sie dem Fiskus für seine Tätigkeit zahlen, deckt wahrscheinlich mehr als seine tatsächlichen Mehrkosten.

          Also alles bestens, oder gibt es auch Nachteile?

          Geld zu spenden, zu stiften oder zu schenken ist vielleicht angenehmer, als Steuern zu entrichten. Dass die Kirchenmitglieder ihren Obolus zwangsweise entrichten, nimmt ihnen sicher ein Teil des guten Gefühls, das sie hätten, würden sie das Geld der Kirche freiwillig geben.

          Spenden können die Kirchenmitglieder doch trotzdem noch!

          Ja, das stimmt. Man kann natürlich über die Zwangsabgaben hinaus den Kirchen Geld spenden. Das tun ja auch viele Menschen. Und der Staat begünstigt solche Zuwendungen auch steuerlich. Für viele Kirchenmitglieder sind die Zwangsabgaben aber so hoch, dass sie nicht noch zusätzlich Geld spenden möchten. Würden diese Personen das Geld spenden können, anstatt Kirchensteuern zu zahlen, dann sollte das damit verbundene Glücksgefühl eigentlich größer sein.

          Gut, aber hätten die Kirchen nicht erheblich weniger Einnahmen, wenn sie sich nur aus Spenden finanzieren müssten?

          Es kann sein, dass das Spendenaufkommen geringer wäre als das Steueraufkommen heute. Das muss aber nicht zwangsläufig so sein. Zwangsabgabenpflichten könnten die intrinsische Spendenbereitschaft senken. In der Ökonomie sind Sachverhalte bekannt, in denen formale, extrinsische Anreize die intrinsische Motivation von Menschen zerstören. Insofern könnte die Abschaffung von Kirchensteuern sogar zu einem höheren Aufkommen führen.

          Sie glauben, die Kirche hätte höhere Einnahmen, wenn sie auf die Steuer verzichten würde?

          Das weiß man nicht genau. Ich vermute, die Kirche würde eher weniger einnehmen, wenn sie auf Freiwilligkeit setzt. Aber der Nutzen für die Kirchenmitglieder wäre größer und damit auch der Wohlfahrtseffekt für die Gesellschaft. Außerdem hätten die Kirchen sicherlich mehr Mitglieder, wenn jeder frei entscheiden könnte, wie viel er spendet.

          Aber sie hätten weniger Geld. Irgendwie müssen sie ihre Organisation schließlich auch finanzieren.

          Das stimmt, und das ist zugleich ein Problem. Das Heilsversprechen der katholischen Kirche beispielsweise, das mit der Mitgliedschaft einhergeht, kostet die Kirche eigentlich fast gar nichts. Jemandem dieses Heilsversprechen zu verweigern, nur weil er nicht bereit ist, die volle Kirchensteuer zu bezahlen, das hat schon etwas Grausames. Und effizient in ökonomischem Sinne ist es auch nicht. Effizient wäre es, das Heilsversprechen auf alle auszudehnen, denen das Versprechen etwas wert ist, zumindest solange es im Himmel keine Überfüllungsprobleme gibt.

          Sind Sie eigentlich Kirchenmitglied?

          Nein, meine Eltern haben versäumt, mich taufen zu lassen. Wahrscheinlich kann ich deshalb verhältnismäßig unvoreingenommen darüber sprechen.

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