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Kirchensteuer : Neun Prozent für das Seelenheil

  • -Aktualisiert am

Haben Sie schon gezahlt? Gottesdienst im Freiburger Münster Bild: Kiedrowski, R./Arco Images

Ein christlicher Rebell greift die Kirche an: Er verweigert die Kirchensteuer, will aber in der Gemeinschaft der Gläubigen bleiben. Das haben schon viele vergeblich versucht. Jetzt gerät das ganze System ins Wanken.

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          Der Fall, der die Kirchensteuer ins Wanken brachte, war für Sabine Leimenstoll reine Routine. Dutzende Kirchenaustritte hat die Standesbeamtin in dem kleinen Ort Staufen im Breisgau schon registriert. An diesem Donnerstag im Juli 2007 öffnete sie das Austrittsformular auf ihrem Computer für Hartmut Zapp. „Hätte ich geahnt, was das später für einen Aufruhr gibt, hätte ich mich lieber erst mit den Kollegen beraten“, sagt sie heute.

          Denn der freundliche alte Herr hatte einen kleinen Sonderwunsch. Die Beamtin solle doch bitte in die Spalte „Erklärungen“, in der steht, aus welcher Religionsgesellschaft man austritt, hinter „römisch-katholisch“ noch vier Worte notieren: „Körperschaft des öffentlichen Rechts“. Leimenstoll füllte aus, druckte aus, und Hartmut Zapp trat offiziell aus.

          Wer austritt, ist davon befreit

          Doch der 70 Jahre alte emeritierte Professor für Kirchenrecht an der Universität Freiburg wusste genau, was er mit seinem Zusatz sagte. Er wollte die öffentlich-rechtliche Körperschaft, das juristische Konstrukt katholische Kirche, verlassen und aus der Gemeinschaft der Kirchensteuerzahler austreten - keinesfalls aber aus der spirituellen Gemeinschaft, die ihn mit der Taufe aufgenommen hatte.

          Bild: F.A.Z.

          Zapp wollte weiter beten, beichten, die heilige Kommunion empfangen und irgendwann von der Kirche beerdigt werden. Doch sein Glaube, sein Seelenheil sollte nicht an seine schnöde Eigenschaft als Steuerzahler gekoppelt sein.

          Eigentlich ist das in Deutschland nicht möglich. Wer in der Kirche ist, zahlt Kirchensteuer, sofern er genug verdient. Acht bis neun Prozent der Lohn- oder Einkommensteuer zieht der deutsche Staat monatlich für die Kirchen ein. Wer austritt, ist davon befreit, muss nicht mehr zahlen, gehört aber eben auch nicht mehr dazu.

          „Schmerzliche Zahlen“

          Zapp will es anders. Er ist nicht der Erste, der sein Ziel mit juristischen Spitzfindigkeiten durchzusetzen sucht. Aber er ist der Erste, der damit durchkommen könnte. Juristisch hat er die erste Runde schon gewonnen. Das Verwaltungsgericht Freiburg hat seinen Teilaustritt für wirksam erklärt. Beim Austritt nur zu sagen, dass die Kirche eine Körperschaft ist, das sei erlaubt, entschied das Verwaltungsgericht Freiburg, und ergänzte kühl: „Die für die Kirche damit möglicherweise verbundenen Schwierigkeiten . . . kann der Staat nicht verhindern.“ Damit ist der Pensionär schon weiter gekommen als jemals ein Kirchensteuergegner vor ihm.

          Das Ganze klingt nach juristischer Kleinkrämerei. Doch es steckt viel mehr dahinter. Zapp ist einer von vielen Kirchgängern, die sich fragen: Wieso wird mein Glaube an einen Zwangsbeitrag gekoppelt, über dessen Verwendung ich nicht bestimmen kann? „Mich stört, dass ein Mitglied in der Kirche Christi sein Seelenheil verliert als Folge einer Erklärung vor einer Behörde“, sagt er. Was habe denn der deutsche Fiskus bitte mit seiner Religion zu tun? „Diese Meinung wird in der ganzen Welt nur von den deutschen Bischöfen vertreten.“ Und die Bischöfe stellten sich auch noch ausdrücklich gegen den Willen Roms.

          Anderen Kirchenmitgliedern wird ihr Glaube einfach zu teuer. Allein 2007 haben 130.000 Deutsche der evangelischen Kirche den Rücken gekehrt. Auch Robert Zollitsch, Vorsitzender der katholischen Bischöfe, vermeldete in der vergangenen Woche „schmerzliche Zahlen“: 121.155 Katholiken seien 2008 ausgetreten.

          Wer nicht zahlt, der glaubt nicht?

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