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Kinderbetreuung : Raus aus der Kita-Warteschlange

Derzeit geht die Verteilung der Plätze nämlich noch an vielen Ecken und Enden schief: Zum Beispiel stehen Eltern immer wieder auf mehreren Kita-Interessentenlisten gleichzeitig, um ganz sicherzugehen, dass sie zum Zeitpunkt des Wiedereinstiegs in den Beruf eine Betreuung haben. „Die Doppelungen lassen dann den Ansturm auf die Kitas größer erscheinen, als er tatsächlich ist“, sagt ZEW-Forscher Klein. „Manche Eltern blockieren Angebote für andere, weil sie noch auf eventuell bessere Angebote warten. Andere sagen unattraktive Angebote von Kitas verfrüht zu, weil sie Planungssicherheit wollen.“  In der großen Mehrheit der bestehenden Vergabesysteme sei es für Eltern zudem strategisch sinnvoll, ihre wahre Wunsch-Kita gar nicht anzugeben, sondern sich lieber nur für sehr große Einrichtungen zu bewerben oder für solche, in denen sie ihre Chancen gut einschätzten. „Das bedeutet aber Nachteile für Eltern, die weniger strategisch denken oder schlechter informiert sind“, sagt Klein.

Mit seinen Kollegen hat er ein im Internet frei verfügbares Programm entwickelt, das berechnet, welche Kinder und Kitas am besten zusammenpassen. Dafür muss man es mit Wunschlisten füttern: Mit den Listen von Eltern, die ihre Wunsch-Kitas in eine wahrheitsgemäße Reihenfolge bringen und mit den Listen von Kitas, die dasselbe mit den Kindern machen, die sie aufnehmen wollen. Die Ranglisten können anhand harter Kriterien, wie Wohnortnähe oder Alter des Kindes zustande kommen oder auch aufgrund individueller Auswahlgespräche, die vorab geführt werden. Das Programm beruht auf dem so genannten „Gale-Shapley-Algorithmus“, für dessen Anwendung auf Matching-Märkte Lloyd Shapley und Al Roth 2012 den Wirtschaftsnobelpreis gewonnen haben.

Ein Tausch würde die Beteiligten nicht glücklicher machen

Der Algorithmus schlägt jeder Kita zunächst alle Kinder vor, die diese Kita als Erstwunsch angegeben haben. In der ersten Runde füllen die Kitas ihre Plätze gemäß ihrer Rangliste, erteilen den ausgewählten Kindern aber noch keine endgültigen Zusagen. Vielmehr lehnen sie erst einmal nur alle übrigen Kinder ab. Die abgelehnten Kinder schlägt der Algorithmus in einer zweiten Runde ihren Zweitwunsch-Kitas vor. Jetzt konkurrieren sie mit den Kindern, denen in der ersten Runde nur unter Vorbehalt zugesagt wurde. Nun geht das Spiel von vorne los und endet erst, wenn alle Wunschlisten abgearbeitet sind. Das Computerprogramm schafft den Abgleich innerhalb von Sekunden. Am Ende kommt eine Verteilung heraus, die Ökonomen ein „stabiles Matching“ nennen. „Dann ist es für keine Kita und für keine Familie mehr sinnvoll, ihren Vertrag zu brechen“, erklärt Klein. „Denn Eltern würden keine bessere Kita mehr finden, die sie auch aufnehmen würde.“

Nach der praktischen Nützlichkeit solcher Systeme gefragt, sind die Reaktionen der Städte unterschiedlich. Münster etwa ist nach Kleins Angaben schon in Gesprächen mit dem ZEW. Die Stadt Düsseldorf dagegen lehnt die Ideen der Forscher ab und verweist auf die „Trägerautonomie“. Kitas legten Wert darauf, „die jeweilige Entscheidung zur Aufnahme eines Kindes selbst zu treffen“, sagt der stellvertretende Jugendamtsleiter Klaus Kaselofsky. „Algorithmen zu entwickeln, um eine möglichst genaue Passung zwischen Nachfrage und Angebot herzustellen, hätte nur bei zentraler Platzvergabe Sinn und passt nicht zum Düsseldorfer System.“ Auch in Leipzig ist das Echo trotz des großen Leidensdrucks eher verhalten. Der zuständige Sozialbürgermeister Fabian findet zwar, dass die Ideen aus dem ZEW nützlich klingen, traut sich aber kein abschließendes Urteil zu. Sein Dienstleister für die jetzige Kita-Onlineplattform, die Lecos GmbH, lehnt es dagegen rund heraus ab, den Gale-Shapley-Algorithmus in diesem Zusammenhang zur Anwendung zu bringen. „Keine Kita möchte Listen offenlegen, die Kinder in eine Reihenfolge bringen“, sagt Roy Barthel, der bei Lecos die Entwicklungsabteilung leitet. Die Einrichtungen hätten viel zu viel Angst vor dem Vorwurf der Ungleichbehandlung. „Das ist doch keine Singlebörse!“

Rechtsanwalt Füßer glaubt dagegen, dass gerade intransparente Listen, unklare Regeln und eine nicht effiziente Verteilung  die Gefahr bergen, dass Gerichte daran Anstoß nehmen. „Besonders wenn die Plätze so knapp sind wie in Leipzig, gerät eine Stadt schnell in Erklärungsnot“, sagt Füßer. „Klare Regeln braucht es, nicht Willkür oder Kungelei. Das sage ich auch in allen meinen Seminaren. Nur so können sich Städte im Zweifel vor Klagen der Eltern schützen.“

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