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UN-Studie : „Alarmierende“ Entwicklung bei Kinderarbeit

  • -Aktualisiert am

Im Kongo trägt ein Junge einen Sandsack zu einer Baustelle. Bild: obs

Jahrelang war die Kinderarbeit weltweit rückläufig, nun aber stagniert sie. Dabei werden die gravierenden Auswirkungen der Corona-Pandemie in den neuen Zahlen noch gar nicht berücksichtigt.

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          Weltweit muss jedes zehnte Kind zwischen 5 und 17 Jahren arbeiten. Nach jahrelang rückläufiger Entwicklung stagniert nun erstmals der Fortschritt im Kampf gegen Kinderarbeit. Das zeigen die Ergebnisse einer neuen Studie von Unicef und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die am Mittwochabend in Genf präsentiert wurde. Der Stillstand im Vergleich zu den Vorjahren sei „alarmierend“, sagen die Initiatoren der Studie. Seit zwei Jahrzehnten hatte die Anzahl der in Kinderarbeit verwickelten Kinder konstant abgenommen. Die Vereinten Nationen haben sich zum Ziel gesetzt, Kinderarbeit bis 2025 vollständig zu beseitigen.

          Kurz vor dem Welttag gegen Kinderarbeit am kommenden Samstag wurden die Schätzungen für das Jahr 2020 veröffentlicht. Im Vergleich zu 2016 stieg die Gesamtzahl der arbeitenden Kinder laut Studie um 8 Millionen auf nun 160 Millionen an. Der prozentuale Anteil blieb gleich. Etwa die Hälfte dieser Kinder arbeitet dabei unter gefährlichen Bedingungen, die ihrer Gesundheit, Sicherheit oder persönlichen Entwicklung schaden.

          Seit zwei Jahrzehnten führt die ILO diese Studie durch, in diesem Jahr zum ersten Mal gemeinsam mit Unicef. Die neuveröffentlichten Zahlen wurden Anfang 2020, also noch vor dem globalen Ausbruch der Corona-Pandemie, erhoben. Es handelt sich um Hochrechnungen auf der Basis von Daten aus 100 Haushaltsbefragungen.

          Die Ergebnisse zeigen große regionale Unterschiede. Während die Zahlen in Asien (inklusive des Pazifikraums) und Lateinamerika (inklusive der Karibik) seit 2008 konstant sinken, steigen sie in Afrika weiter an. Demnach arbeiten südlich der Sahara 87 Millionen Kinder – das sind mehr, als im gesamten Rest der Welt. Die Region trägt damit maßgeblich zu dem weltweiten absoluten Anstieg bei. Außerdem komme Kinderarbeit vor allem in ländlichen Regionen vermehrt vor. Der Prozentsatz ist hier mit knapp 14 Prozent der Kinder dreimal so hoch wie in den Städten. Das liege zum Teil daran, dass ein Großteil der Kinderarbeit nach wie vor im Agrarsektor passiert. Insbesondere für die Jüngsten diene die landwirtschaftliche Arbeit als verbreiteter Einstieg in die Kinderarbeit.

          Besorgniserregend ist auch die steigende Zahl an Kinderarbeit bei den ganz Jungen. Während in der Altersgruppe von 12 bis 17 die Zahl der arbeitenden Kinder den Ergebnissen zufolge weiter abfällt, ist bei den 5- bis 11-Jährigen eine gegenläufige Entwicklung festzustellen. Bei ihnen zeigen die Studienergebnisse einen Anstieg von 16,8 Millionen mehr arbeitenden Kindern als im Vergleichsjahr 2016.

          Zum Zeitpunkt der Datenerhebung Anfang vergangenen Jahres hatte sich die Corona-Pandemie auf der Welt noch nicht weit verbreitet. Nun droht sie aber die beunruhigende Entwicklung der Kinderarbeit noch zu verstärken. Die Autoren der Studie schätzen, dass durch die Pandemie 8,9 Millionen Kinder zusätzlich zu arbeiten beginnen oder begonnen haben. Grund dafür seien die Einkommenseinbrüche der Eltern, die auf die Arbeitskraft der Kinder zurückgreifen müssen, sowie die Schulschließungen in vielen Ländern. Wenn Kinder die Schule einmal verlassen haben um zu arbeiten sei es schwierig die Schulbildung wieder aufzunehmen. Die tatsächliche Auswirkung der Pandemie auf das Ausmaß der Kinderarbeit werde aber vom politischen Handeln abhängen.

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