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Kinder und Karriere : 133.400 Euro für jede Familie

Ihre Kinder müssen Eltern selbst auf die Welt bringen: Ansonsten leistet der Staat viel Bild: LAIF

In Deutschland gibt es ein gigantisches Sammelsurium von Wohltaten für Familien – 150 sind es insgesamt. Aber was bitte erreicht der Staat damit? Jedenfalls wohl nicht, dass mehr Kinder zur Welt kommen.

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          Kaum ein Politikfeld ist in jüngster Zeit so stark erforscht worden wie die Familienpolitik. Heerscharen von Wissenschaftlern haben seit 2008 für die Bundesregierung in mühevoller Arbeit ermittelt, was der Staat unter dem Etikett „Familienpolitik“ eigentlich tut. Das war auch nötig. Denn bis dahin wusste man darüber wenig, außer dass es eine ziemlich große und unübersichtliche Vielfalt von Leistungen gibt – ungefähr 150 mit einem Gesamtvolumen von mehr als 125 Milliarden Euro im Jahr.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Eine beachtliche, weil sehr grundlegende Erkenntnis jener Forschung ist: Ja, es gibt hierzulande immerhin eine Familienpolitik; im Ergebnis lenken jene 150 Leistungen schon heute nachweisbar öffentliches Geld zu den Familien. Junge Erwachsene, die Nachwuchs bekommen, können damit rechnen, dass sie vom Staat bis zur Rente im Durchschnitt 133.400 Euro an ehe- und familienbezogener Unterstützung erhalten. Gründen sie hingegen keine Familie, werden es in derselben Zeit voraussichtlich nur 14.000 Euro sein. Das hat das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) mit einer aufwendigen Simulationsrechnung ermittelt.

          So schwer die Vielfalt der Familienpolitik im Einzelnen auch zu überblicken ist, ihre Wirkung geht also zumindest nicht total am Ziel vorbei. Und es ist sogar sichergestellt, dass das Ausmaß der staatlichen Zuwendung parallel zur Kinderzahl steigt, wie die ZEW-Studie zeigt. Ziehen die jungen Erwachsenen in ihrem weiteren Leben drei Kinder groß, dann können sie sogar mit 300.000 Euro rechnen.

          Eine andere grundlegende Frage ist indes damit nicht geklärt: Was, bitte, bewirkt die Familienpolitik? Setzen junge Leute wirklich mehr Kinder in die Welt, wenn es dafür mehr Geld vom Staat gibt – oder nehmen sie das Geld vielleicht nur mit, wenn ihre Situation zufällig zu den gesetzlichen Anspruchsvoraussetzungen passt? Die Antworten der Forscher fallen leider weniger eindeutig aus. Besonders starke „Verhaltenseffekte“ hat das ZEW für das Ehegattensplitting und die beitragsfreie Mitversicherung der Familie in der gesetzlichen Krankenversicherung festgestellt – die Begünstigten, faktisch meist die Mütter, nehmen tendenziell ihren beruflichen Einsatz etwas zurück. Belastbare Zusammenhänge zwischen Familienleistungen und Geburtenrate sind dagegen weitaus schwerer zu finden.

          Geht es gar nicht um das Wohl der Familien?

          Überdies ist aber selbst mit der aufwendigsten Studie noch nicht gesellschaftlich geklärt, was Familienpolitik denn idealerweise überhaupt bewirken sollte. Soll sie wirklich das Ziel haben, die Kinderzahl zu erhöhen? Wäre es vielleicht schon ein Erfolg, wenn sie für Familien mit Kindern den Lebensalltag in finanzieller oder praktischer Hinsicht etwas erleichtern könnte? Oder soll es ihr im Kern gar nicht um das Wohl der Familien gehen – sondern eher darum, dass Kinder ihre Eltern möglichst wenig davon abhalten, ihre Arbeitskraft zum Wohle der Volkswirtschaft und der gesetzlichen Rentenversicherung einzusetzen? Schließlich wäre zu klären, wie man die definierten Ziele mit möglichst geringem Mitteleinsatz wirkungsvoll erreichen kann.

          Die real praktizierte Familienpolitik der vergangenen zehn Jahre ist nicht so übersichtlich wie dieser Fragenkatalog. Zu den wichtigen Neuerungen zählten einerseits das Elterngeld mitsamt der Vätermonate sowie der beherzte Ausbau von Krippenplätzen für Kleinkinder bis drei Jahre. Dieser von Rot-Grün eingeschlagene und 2005 von CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen fortgesetzte Kurs diente dazu, den klassischen Zielkonflikt zwischen Kindererziehung und Karriere für Mütter zu entschärfen. Das Elterngeld sollte speziell für Mittelschichtfamilien die durch Kindererziehungszeiten verursachten Einkommensverluste abfedern; der Krippenausbau ging das Ziel von der anderen Seite an – mit leichterem Zugang zu öffentlicher Kinderbetreuung würden die Mütter rascher in den Beruf zurückkehren und damit eher den typischen Karriereknick vermeiden können; die Vätermonate waren überdies ein Zeichen, dass auch Männer etwas beitragen sollten.

          Mit von der Leyens Nachfolgerin Kristina Schröder (CDU) bekam die Familienpolitik eine neue, aber weniger klare Richtung. Zum einen hatte sie das politisch schon zuvor von der CSU festgezurrte Betreuungsgeld umzusetzen, eine Förderung für Eltern, die sich für die Kindererziehung bewusst längere berufliche Auszeiten nehmen. Schröder trieb zwar pflichtgemäß, aber ohne erkennbare politische Begeisterung den Krippenausbau weiter voran. Aber sie propagierte die familienpolitische Philosophie der „Wahlfreiheit“ – ein Konzept, das einer politischen oder gar ökonomischen Effizienzkontrolle kaum zugänglich ist. Je nach Interesse lässt sich damit jede Familienleistung begründen oder auch nicht: vom Kindergeld über den kinderbezogenen Aufschlag auf das Kurzarbeitergeld über Arzneimittelzuschüsse für Kinder mit Entwicklungsstörungen bis hin zur sozialpädagogischen Erziehungsberatung.

          Verunsicherung drückt die Geburtenrate

          Demgegenüber lässt die neue Ministerin Manuela Schwesig (SPD) keinen Zweifel, dass sie der Familienpolitik wieder ein sehr deutliches Profil geben will – im Grundsatz wieder näher bei von der Leyen, aber mit noch stärker sozialdemokratischem Akzent. Kurz gefasst: Neben dem weiteren Ausbau von Kitas und Ganztagsschulen rückt das Ziel einer insgesamt gleichmäßigeren Arbeitsteilung zwischen Müttern und Vätern in den Vordergrund. Ging es einst vor allem darum, Müttern die Berufstätigkeit zu erleichtern, sollen nun auch Väter leichter beruflich kürzertreten können. Dieser Vision folgt nicht nur die von Schwesig prominent gemachte Idee einer 32-Stunden-Woche für Eltern, sondern auch das im Koalitionsvertrag vorgesehene „Elterngeld plus“. Wenn beide Eltern auf Teilzeitarbeit umstellen, solange Kleinkinder im Hause sind, soll es einen Bonus geben.

          Was familienpolitisch als glatte Fortsetzung des vor zehn Jahren begonnenen Weges erscheinen mag, führt indes an anderer Stelle zu einem Bruch: Solange es darum ging, im Ergebnis mehr Menschen für das Berufsleben zu gewinnen, konnte die Politik auf den Zuspruch der Unternehmen zählen. Geht es nun jedoch darum, Menschen ein Leben mit weniger Arbeit schmackhaft zu machen, ist es mit diesem Zuspruch vorbei.

          Die Familienpolitik wird das so lange nicht scheren müssen, wie der deutsche Beschäftigungsaufschwung andauert. Sollte sich dies jedoch eines Tages ändern, wäre das auch für die Familienpolitik von Belang. Denn eines gilt als erwiesen: Wenn die Furcht vor einer Entlassung oder einem Einkommensverlust die Menschen verunsichert, ist das weder gut fürs Familienleben noch für die Geburtenrate. Eine stabile Wirtschaft und solide Staatsfinanzen sind dagegen gute Grundlagen – auch wenn sie in keiner Liste der staatlichen Familienleistungen aufgeführt werden.

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