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Krankheitserreger : Killerkeime auch in ambulanter Pflege ein Problem

  • -Aktualisiert am

Resistent: Staphylokokken eines Stammes, der Krankenhausinfektionen verursachen kann. Bild: Picture-Alliance

Multiresistente Keime sind nicht nur im Krankenhaus ein Problem – auch im Pflegebereich gibt es Nachbesserungsbedarf.

          3 Min.

          Hartnäckige Krankheitserreger machen nicht nur Patienten in Krankenhäusern zu schaffen, wo jedes Jahr Tausende an gegen Antibiotika resistenten „Killerkeimen“ sterben, sie sind auch in der ambulanten Pflege eine große Schwierigkeit. Mehr als die Hälfte der ambulanten Pflegedienste in Deutschland habe im vergangenen Jahr Menschen versorgt, bei denen multiresistente Erreger wie MRSA dokumentiert wurden, berichtet die Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) auf Basis einer repräsentativen Befragung von 400 Diensten. Ein Grund für deren Übertragung ist mangelnde Hygiene.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Das hat auch Auswirkungen auf die Pflegekräfte: Gut ein Viertel der Pflegedienstleitungen gab an, dass die Mehrheit der Mitarbeiter Angst davor habe, sich mit einem Problemkeim zu infizieren. Der ZQP-Vorsitzende Ralf Suhr forderte deshalb, auch die häusliche Pflege „als relevantes Feld im Kampf gegen multiresistente Keime stärker wahrzunehmen“. Angehörige und professionelle Pfleger müssten über Risiken und den richtigen Umgang mit solchen Infektionen im häuslichen Versorgungsumfeld gezielter aufgeklärt werden.

          Laut Bundesgesundheitsministerium sind in Deutschland 13.000 ambulante Dienste aktiv. Sie versorgen 1,94 Millionen der aktuell 2,7 Millionen Pflegebedürftigen zu Hause. Alles in allem müssen demnach viele tausend Pflegepatienten von MRSA betroffen sein. Doch bisher spielte das Thema in der öffentlichen Debatte eine eher untergeordnete Rolle.

          Patienten mit geschwächtem Immunsystem, mit Wunden oder solche, die mit Kathetern versorgt werden, haben ein höheres Risiko, dass sich Bakterien im Körper ausbreiten. Das kann zu schweren Komplikationen führen wie Atem- und Harnwegsinfektionen, Wundinfektionen und Blutvergiftung. Infektionen lassen sich zwar mit Antibiotika behandeln. Doch haben mehrere Erreger Resistenzen gegen einzelne dieser Medikamente entwickelt. Sie lassen sich deshalb nicht mehr erfolgreich mit dem speziellen Wirkstoff bekämpfen.

          Ein weltweites Thema

          Besonders problematisch sind Resistenzen, wenn sie gegen unterschiedliche Antibiotika bestehen. Dann gibt es kaum noch wirksame Medikamente, die gegen den Erreger eingesetzt werden können. Zudem hat die Forschung für neue Antibiotika nachgelassen. Da dies ein weltweites Thema ist, hat Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) es voriges Jahr auf die Tagesordnung der G7 gesetzt.

          Die Regierung hatte auf Gröhes Initiative hin im vergangenen Jahr auch einen Zehn-Punkte-Plan zur Bekämpfung antibiotikaresistenter Erreger verabschiedet. Der zielte allerdings vor allem auf die Verbesserung der Lage in den Krankenhäusern ab, in denen jedes Jahr zwischen 10.000 und 15.000 Menschen an den oft dort erworbenen Keimen sterben. Deutschlandweit werden jedes Jahr 400.000 bis 600.000 „behandlungsassoziierte Infektionen“ festgestellt, MRSA betrifft allerdings nur einen kleinen Teil davon.

          Die demographische Entwicklung, mehr medizinische Eingriffe sowie die Zunahme resistenter Erreger trügen zur Verstärkung des Problems bei. Ein Drittel der Infektionen sei allerdings durch geeignete Maßnahmen vermeidbar. Zur Verbesserung der Lage in den Krankenhäusern war eigens ein Hygiene-Förderprogramm über 365 Millionen Euro aufgelegt worden. Es sollte die Einstellung zusätzlichen Hygienepersonals fördern sowie die entsprechende Weiterbildung von Ärzten und Pflegekräften.

          Fehlendes Problembewusstsein

          IQP-Chef Suhr verlangt nun, auch in der ambulanten Pflege müsse mehr zur Bekämpfung multiresistenter Erreger geschehen. Er sagt: „Wir müssen Wissen, Kompetenz und Austausch auf Augenhöhe zwischen den drei wichtigsten Versorgungsakteuren in der häuslichen Pflege, den pflegenden Angehörigen, den ambulanten Diensten und den Hausärzten, stärken, um die Sicherheit von Pflegebedürftigen zu verbessern.“

          So halten die Pflegedienste das fehlende Problembewusstsein der Angehörigen für ein zentrales Problem. Fehlendes Wissen von pflegenden Angehörigen nannten drei Viertel der Befragten als eine Ursache, die das Befolgen fachlicher und gesetzlicher Hygienestandards bedeutend erschwere.

          Doch sähen die Dienste auch bei sich Schwierigkeiten, etwa die, hygienische Standards wie die Händedesinfektion vor und nach der Pflege einzuhalten. Dass dies nicht ausreichend praktiziert werde, liege meist daran, dass Mitarbeiter zu wenig Zeit hätten, generell nicht sorgfältig genug arbeiteten, es überhaupt an Personal fehle oder Mitarbeiter uninformiert seien. Die „verpflichtende Fortbildung des medizinischen Personals im ambulanten und stationären Bereich“ gehört auch zu Gröhes Hygieneprogramm.

          Hygiene zu selten angesprochen

          Den dringendsten Informations- und Schulungsbedarf der Mitarbeiter machte das ZQP aus im Umgang mit Pflegebedürftigen mit Problemkeimen, Händedesinfektion und Wundversorgung. Selbstkritisch stellen die Pflegedienste fest, Hygienethemen würden intern zu selten angesprochen.

          Zwei Drittel berichteten, dass Hygieneschwierigkeiten aus dem Praxisalltag „maximal einmal monatlich im Team angesprochen werden“. Auch die Abstimmung mit dem Hausarzt hapere oft. Jeder Fünfte beklagte, dass bei dem ersten Kontakt mit einem neuen Klienten kein Austausch mit dem Hausarzt über hygienerelevante Informationen stattfinde, obwohl sie dies für wichtig hielten.

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