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CEO : Kernkompetenz Verzetteln

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Mikro-Management führt aber nicht nur zu Arbeitsüberlastung des Mikro-Managers selbst, sondern auch zu Frustration nachgelagerter Hierarchiestufen. "Mikro-Manager können Hierarchien zerstören", sagt sogar Kienbaum-Berater Niermayer. Kreativität wird in einem Wust von Regularien erstickt, die Unternehmenskultur nimmt Schaden. Ein Mikro-Manager, der unter Umgehung seiner direkten Untergebenen in deren Beritt herumpfuscht, schwächt deren Glaubwürdigkeit und bringt die Hierarchie in ernste Rechtfertigungsnöte.

Führung mittels Aufgabenerteilung und anschließender Kontrolle führt in aller Regel nicht dazu, daß das Potential an intrinsischer Motivation bei Mitarbeitern ausgeschöpft wird; statt Eigenverantwortlichkeit gibt es dann Dienst nach Vorschrift. Der Mikro-Manager bringt mit seinem Führungsstil permanent zum Ausdruck, daß er den Mitarbeitern und ihren Fähigkeiten nicht traut. Oder, in der Terminologie des Management-Theoretikers Douglas McGregor gewendet: Mikro-Manager sind extreme Anhänger der "Theorie X", nach der Mitarbeiter von Natur aus faul sind und Arbeit als ein notwendiges Übel ansehen, sie deshalb geführt und kontrolliert werden müssen, weil sie aus sich heraus nicht motiviert sind. "In Wahrheit sind solche Mikro-Führungskräfte aber vor allem von Selbstzweifeln geplagt", berichtet Felicitas von Elverfeldt, die als Coach arbeitet. Gerade der Führungsstil des Mikro-Managers führt aber zu noch weniger intrinsischer Motivation und damit Leistung. Dies wiederum bestärkt den Mikro-Manager in seiner Meinung über seine Mitarbeiter. Daß Mikro-Management durchaus eine selbstverstärkende Dynamik innewohnt, hat auch Kienbaum-Berater Niermayer beobachtet: "Wenn er seinen Mitarbeitern denn einmal größere Freiräume läßt, sind diese damit häufig überfordert." Denn das sind sie schlicht nicht gewohnt, nutzen die Freiräume also schlecht, und der Mikro-Manager ist in seiner Haltung bestätigt.

Mikro-Manager ärgern ihre Mitarbeiter weiterhin, indem sie eine geringe Fehlertoleranz aufweisen, sie deshalb ständig korrigieren. Sie bestärken diese aber nicht in ihrem Tun und in ihrem Glauben an die eigenen Fähigkeiten. Teilweise werden Mitarbeiter aber auch schlicht verängstigt, wenn sie sich unter ständiger Beobachtung fühlen. Aus Sicht der Geführten ist weiterhin die mangelnde Fähigkeit des Mikro-Managers, Prioritäten zu setzen, zu beklagen. Folge ist eine Flut von Aufgaben, die über einen Mitarbeiter hereinbricht, ohne daß er deren Bedeutung beziehungsweise Dringlichkeit jeweils einschätzen kann. Dies wird, schenkt man Berichten Glauben, teils sogar absichtlich eingesetzt. Mikro-Management steht zumindest in den Vereinigten Staaten bereits im Verdacht, planmäßig gegen unliebsame Mitarbeiter eingesetzt zu werden. Die auf diese Art verursachte Überlastung und Verunsicherung der Mitarbeiter soll diese vergraulen, wenn sie nicht freiwillig gehen wollen.

Auch wenn der so beschriebene Führungsstil in den meisten Fällen nicht zu Hochleistungsorganisationen führt, völlig obsolet ist er deshalb nicht. Denn es gibt durchaus Arbeitsplätze, in denen Mikro-Manager Idealbesetzungen darstellen. Im Controlling etwa oder in manchen Funktionen innerhalb von Projekten. Auch bei Fragestellungen, die mit "Null-Fehler-Toleranz" zu tun haben wie etwa das berühmte "Total-Quality-Management (TQM)" ist der Mikro-Manager in seinem Element.

Verfügt das Unternehmen aber über mehr Mikro-Manager als über solche Aufgaben, wird es schwierig. Denn aus einem solchen Detailarbeiter wird nur sehr selten ein Stratege: "Die dahinterliegende Persönlichkeit kann man nur schwer ändern", sagt Kienbaum-Berater Niermayer. Wohl aber könne man dem Mikro-Manager den Blick dafür schärfen, welche seiner Tätigkeiten tatsächlich wertschöpfend seien. Es kann nach Auffassung des Kienbaum-Beraters für Führungskräfte sogar wichtig sein, sich zeitweise mit Kleinkram zu beschäftigen, um ein Gespür für das Tagesgeschäft zu bekommen. So wie etwa Steve Jobs.

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