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Keiner kauft Tickets : Konzertbranche fordert „Freedom Day“

Leerer Konzertsaal der neuen Isarphilharmonie München Bild: dpa

Live-Musik ist in diesen Monaten wieder möglich – aber die Konzertveranstalter finden kaum Abnehmer für ihre Tickets. Nach dem Virus sei nun die Angst vor dem Virus der Gegner. Deshalb müsse die Politik handeln.

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          Die Hoffnungen waren groß, als die Veranstaltungsbranche im Sommer nach der langen Corona-Zwangspause wieder an den Start ging. Würden die Deutschen nach den zermürbenden Pandemiemonaten nicht förmlich gieren nach Kultur und Konzertsaal, nach Philharmonie und Kabarett, nach Heavy-Metal-Konzert und Kammerorchester? Der Sommer ist gegangen, der Herbst ist gekommen – und mit ihm die Ernüchterung für die Konzertveranstalter zwischen Hamburg und Stuttgart. Denn mittlerweile steht fest: Die Deutschen könnten derzeit zwar wieder ins Konzert gehen, aber sehr viele wollen nicht.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Landauf, landab berichten Konzertveranstalter von schleppenden Ticketvorverkäufen, leeren Sälen und Veranstaltungen, die mangels Nachfrage abgesagt werden mussten. Für ein geplantes klassisches Konzert eines renommierten Orchesters in der Stuttgarter Liederhalle etwa seien kürzlich nur rund 50 Eintrittskarten verkauft worden, berichtet ein Branchenkenner. In der Frankfurter Oper bleiben selbst bei Premierenaufführungen viele Plätze unbesetzt. „Selbst große Namen ziehen nicht“, beklagt der Hamburger Veranstalter Klaus Wollny, der in ganz Deutschland Klassikkonzerte organisiert. So herrsche auch in der Elbphilharmonie der Hansestadt häufig gähnende Leere. Teilweise würden nur 15 bis 20 Prozent der erwarteten Ticketverkäufe erreicht, sagt Wollny. Die Absatzflaute ziehe sich quer durch alle Genres, von der Kleinkunst bis zum Rockkonzert.

          Winter droht prekär zu werden

          Jens Michow, der Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), ruft um Hilfe: „Das ist ein weiterer Rückschlag. Die Konzertveranstalter haben anderthalb Jahre lang gar kein Geld verdient, jetzt ist auch noch der Neuanfang viel schwieriger als erwartet.“ Mit der erhofften raschen Erholung des Veranstaltungsgeschäfts sei kurzfristig nicht mehr zu rechnen. Der Winter drohe für die Branche abermals prekär zu werden.

          Aber warum gehen die Leute nicht ins Konzert? Genau weiß das niemand. Doch es gibt naheliegende Vermutungen: Viele hätten wohl noch immer Angst vor Ansteckung und großen Menschenansammlungen, sagt Michow. Die Maskenpflicht schrecke vermutlich ebenfalls so manchen Musikfreund vom Konzertbesuch ab. Schließlich ist es kein Vergnügen, zwei Stunden im Konzert mit der Maske auf der Nase zu verbringen, auch wenn die dargebotene Musik noch so gut ist.

          Der Konzertveranstalter Wollny befürchtet, das noch grundlegendere Faktoren am Werk sind: „Kulturell entwöhnt“ sei das Publikum nach den vielen Monaten ohne öffentliche Veranstaltungen, mutmaßt er. Im Klartext: Die Deutschen haben sich daheim in den eigenen vier Wänden mit Kochen und Netflix-Abonnement eingeigelt und vermissen den Konzertbesuch inzwischen gar nicht mehr. Die Ausnahmen sind rar. Zurzeit können offenbar nur absolute Superstars die Deutschen aus dem Cocooning-Modus herausreißen. Helene Fischer etwa verkaufte nach Angaben ihres Veranstalters im September binnen 24 Stunden rund 100.000 Tickets für ein Megakonzert auf dem Gelände der Messe München – das allerdings auch erst im nächsten Sommer stattfinden soll.

          Angesichts der tristen Lage appelliert der Branchenlobbyist Michow an die Politik. „Wir brauchen dringend weiterhin Hilfe“, sagt er. So müsse die sogenannte Überbrückungshilfe III, die eigentlich zum Jahresende auslaufen soll, verlängert werden. Michow hält es für notwendig, dass die Hilfsgelder bis Ende Juni 2022 weiter fließen. Außerdem müsse die Branche eine Perspektive bekommen, wann die Rückkehr zur Normalität komme. Die Konzertveranstalter benötigten einen Termin, zu dem alle Corona-Beschränkungen wegfielen. „Wir brauchen einen Freedom Day“, sagt Michow.

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