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Keine Ampel für Lebensmittel : Die Kalorien kennen keine Farben

  • -Aktualisiert am

Bild: Bengt Fosshag

Eine Ampel sollte die Verbraucher vor ungesunden Lebensmitteln warnen. Daraus wird nun nichts. Ein großer Sieg für die Lebensmittellobby, jammern Verbraucherschützer. Falsch, die Ampel hätte die Bürger nicht dünner gemacht, sondern dümmer.

          Wie hat Willi wohl diesen Schock verkraftet? Falls auch Strichmännchen die Nachrichten verfolgen, muss Willi diese Woche furchtbar traurig gewesen sein. Denn das Europa-Parlament hat sich dagegen entschieden, Salz, Zucker oder Fett in Lebensmitteln mit Ampelfarben zu kennzeichnen - und Willi will die Ampel.

          Das sagt jedenfalls die Organisation Foodwatch, die Willi erschaffen hat. In der Foodwatch-Werbung für die Ampel will das korpulente Comic-Männchen Diät machen, verzweifelt aber bald an den Nährwertangaben auf seinem Lieblingsmüsli. Die Botschaft des Spots ist klar: Die Willis dieser Welt wären dünner und gesünder, könnten sie bloß ihre Einkäufe nach Rot, Gelb und Grün sortieren. Die Farben sollen angeben, wie hoch jeweils der Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Salz und Zucker in dem Produkt ist. Grün steht für wenig, Gelb für mittel, Rot für hoch.

          "Niemand liest doch das Kleingedruckte auf den Packungen", sagt Martin Rücker, Sprecher von Foodwatch. "Aber wenn ein Verbraucher in seinem Einkaufswagen lauter rote Flecken sieht, wird er nachdenklich." Zehntausende Stimmen hat Foodwatch für die Ampel gesammelt, und Umfragen vorgelegt, in denen 70 Prozent der Deutschen das Farbmodell fordern.

          Jetzt ist der Traum vom einfachen Einkauf ausgeträumt, das EU-Parlament hat den Plan abgeschmettert. Den Abgeordneten reicht es, dass Hersteller auf der Vorderseite der Packungen melden, wie viele Fette, gesättigte Fette, Zucker und Salz in 100 Gramm oder 100 Milliliter ihres Produkts enthalten sind. Außerdem sollen sie angeben, wie viel Prozent des durchschnittlichen täglichen Bedarfs damit gedeckt sind, und wie viele Kalorien der Konsument verspeist. Wer dann noch nicht genug hat, kann auf der Rückseite der Packung weiter schmökern über Eiweiße und Transfette.

          Ein großer Sieg für die Lebensmittellobby, jammern Verbraucherschützer. Kein Wunder, eine Milliarde Euro hätten die Konzerne ausgegeben, um die Ampel zu blockieren. Aber Ernährungswissenschaftler, Lebensmittelprüfer und Politiker waren sich selten so einig: Die Ampel hätte die Bürger nicht dünner gemacht, sondern dümmer.

          Was macht ein Willi etwa, wenn eine Packung zwei rote und zwei grüne Punkte zeigt? Ist zu viel Salz in Ordnung, wenn es mit ganz wenig Fett daherkommt? Ist man im grünen Bereich, wenn im Einkaufswagen nur gelbe Punkte leuchten? Und wer legt überhaupt fest, was rot oder grün ist?

          "Wichtiger ist doch, dass die Unternehmen gezwungen werden, den Gehalt von Fett oder Zucker in einheitlichen Größen anzugeben", sagt Martin Müller, Chef des Verbands der Lebensmittelkontrolleure. Bisher nennen die meisten Firmen diese Werte für Portionsgrößen - und so spendiert der eine Müslimacher den Kunden Portionen von 80 Gramm, der andere vielleicht 50 Gramm. Genau hier setzt das Parlament jetzt an. Statt Portionen soll die Bezugsgröße 100 Gramm sein.

          Rote Ampel für hochwertige Produkte?

          "Die Ampel ist in vielen Fällen oberflächlich und irreführend", sagt Silke Restemeyer, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, und nennt als Beispiel Rapsöl. "Das ist ein wertvolles Lebensmittel, das aber nun einmal zu 100 Prozent aus Fett besteht." Die Ampel wäre für Fett also rot, dabei ist Rapsöl ein hochwertiges Pflanzenöl.

          So will die Ampel zu viel von einem Nährstoff anprangern - und diskreditiert das ganze Produkt. "Die Ampel hilft allenfalls weiter, wenn man etwa konkret den Fettgehalt von Pizzen zweier Hersteller vergleichen will." Darüber hinaus reiche in der Regel der gesunde Menschenverstand.

          Aus empirischer Sicht ist ohnehin kein Kennzeichnungsmodell eindeutig richtig oder falsch, sagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung - weder die Ampel der Verbraucherschützer noch die Idee der Industrie, die Nährwerte am durchschnittlichen Tagesbedarf zu messen. Trotzdem plädiert die Autorin für die Ampel: Die Deutschen seien definitiv zu dick. Und beim Einkaufen zählten Informationen wenig. Die Ampel sende ein klares "verhaltensbezogenes Signal" aus - vor allem auf "naive, bildungsferne Verbraucher".

          Verhaltenssteuerung bringt auch nur mäßige Erfolge

          Diese Methode nennen Ökonomen auch "liberalen Paternalismus": Der Staat will ein Ziel erreichen (schlanke Bürger), will dafür aber keinen Zwang einsetzen (etwa eine Sondersteuer auf Dickmacher). Stattdessen versetzt er den Bürgern mit psychologischen Mitteln einen sanften Stupser (englisch: "nudge") in die gewünschte Richtung. "Es ist grün, kauf los!" Oder: "Stopp, dieses Produkt ist rot."

          Dahinter steckt die Idee, dass der Käufer eben zu oft kauft, was nicht gut für ihn ist. Vielen Ökonomen ist diese Idee und die Lösung durch staatliche Einkaufsampeln unheimlich. Was geschieht, fragen sie, wenn der Politik die Wirkung ihrer Stupser nicht ausreicht? Wenn die Käufer sich rot-grün-blind zeigen und weiter essen, worauf sie Lust haben? Dann wird der Staat schnell auf Zwang umschalten, warnen Ökonomen wie Jonathan Klick. "Am Ende werden Referenten und Bürokraten die Grenzen festlegen, und die werden von Lobbyisten beraten."

          Verhaltenssteuerung bringt auch nur mäßige Erfolge, haben Kollegen von Jonathan Klick in einem Versuch durchgerechnet. Sie untersuchten, wie viel weniger Kalorien amerikanische Bürger wohl verspeisen würden, wenn alle Restaurantketten den Kaloriengehalt ihrer Menüs angeben müssten. Das Ergebnis: Im Schnitt würden die Gäste am Tag nicht 2000, sondern 1970 Kalorien zu sich nehmen. Wenn sie nicht daheim noch ein Snickers hinterherschieben.

          Gewusst wie Gesund einkaufen, Tricks erkennen

          1. Je kürzer, desto besser: Lange Zutatenlisten sollten misstrauisch machen. „Je mehr Inhaltsstoffe ein Produkt hat, desto weniger hat es mit dem lieben Gott zu tun“, sagt Lebensmittelkontrolleur Martin Müller.

          2. Teilprodukte kaufen: Je mehr Bestandteile einer Mahlzeit man selbst herstellt, desto gesünder. Also nicht das komplette Fertiggericht mit Fleisch, Kartoffeln und Erbsen kaufen, sondern Fleisch an der Theke, Kartoffeln aus dem Regal und Erbsen aus der Dose oder Tiefkühltruhe.

          3. Kalorien im Kopf behalten: Am wichtigsten ist der Kaloriengehalt der Lebensmittel, sagen Ernährungsberater. Diese Zahl kann aber nur einordnen, wer den eigenen Tagesbedarf an Kalorien kennt. Eine Liste mit Referenzwerten findet sich unter www.dge.de in der Rubrik Wissenschaft/Referenzwerte.

          4. Tabellen entschlüsseln: Viele Hersteller geben Zucker- oder Fettgehalt nicht (nur) in Gramm an, sondern gemessen an Portionsgrößen. Die sind oft sehr klein bemessen, entsprechend klein fällt etwa der Fettgehalt aus. Beim Vergleich von zwei Produkten muss man beachten, dass verschiedene Hersteller gern verschiedene Portionsgrößen wählen.

          5. Bio realistisch einschätzen: Ein Produkt mit Bio-Siegel ist nicht unbedingt ein gesundes Nahrungsmittel. Bio-Siegel betreffen in der Regel die Anbauweise, nicht die Zutaten. Auch Bio-Crunch-Müslis können also zu zuckrig oder fettig sein. Dafür ist das Lebensmittel vielleicht weniger mit Rückständen von Pestiziden oder mit sonstigen Zusatzstoffen belastet.

          6. Nicht draufzahlen für Vitamine: Viele Lebensmittel werben mit einer Extraportion Vitamine - ein reiner Kaufanreiz, sagt Foodwatch. Normales Essen reicht gegen Mangelerscheinungen. Ähnliches gilt für Functional Food.

          7. Genau lesen: „Ohne Kristallzucker“ heißt nicht „ohne Zucker“. Saccharose, Fruktose, Maltose sind auch Zucker. Das gilt auch für Lebensmittel, die mit Honig oder Agavensaft gesüßt sind. Honig besteht fast zu 100 Prozent aus Zucker.

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