https://www.faz.net/-gqe-7nr75

Kein neues Rekordergebnis : Bahn-Bilanz ohne Glanz

Der Vorsitzende der Deutschen Bahn AG: Rüdiger Grube Bild: dpa

Sind die goldenen Jahre der Deutschen Bahn vorbei? Von ehrgeizigen Zielen kann Bahn-Chef Grube Abschied nehmen. Das Verhältnis zum Personal ist angespannt.

          3 Min.

          Im Frankfurter Silberturm, in dem früher die Dresdner Bank residierte und den jetzt die Deutsche Bahn nutzt, will Bahn-Chef Rüdiger Grube an diesem Donnerstag erklären, wie es um die Staatsbahn steht. Auf den ersten Blick sieht die Bilanz gar nicht so übel aus. Immerhin kann Grube ein Milliardenergebnis im Konzern vorweisen – und dreistellige Millionengewinne im Personenverkehr und im Netz. Doch etwas ist anders als sonst: Zum ersten Mal seit Grubes Amtsantritt vor fast fünf Jahren gehen die Zahlen nicht mehr hoch. Was heute zu Buche steht, ist weit entfernt von dem, was Grube sich vorgenommen hatte, nämlich ein neues Rekordergebnis. Für ihn muss diese Bilanz eine Enttäuschung sein. Der Glanz ist weg – nicht nur wegen des schlechten Abschneidens von Güterbahn und Logistik. Sind die goldenen Bahn-Jahre schon wieder vorbei?

          Das Pfund, mit dem Grube eigentlich wuchern kann, ist die Lust der Deutschen am Bahnfahren. In den vergangenen Jahren konnte er immer neue Fahrgastrekorde präsentieren. Aber selbst dieses Geschäft hat Dellen bekommen. Im Nahverkehr machen die Wettbewerber, vor allem Tochtergesellschaften ausländischer Staatsbahnen, der DB Regio das Leben schwer.

          Und im Fernverkehr ist der Bahn durch die Fernbusse eine Konkurrenz erwachsen, die sie mit großem Selbstbewusstsein lange unterschätzte. Fahrgäste verloren hat die Bahn außerdem auf den Strecken von Berlin in den Westen Deutschlands, die nach dem Hochwasser im vorigen Sommer über Monate nur unter großem Zeitverlust zu nutzen waren. Viele stiegen wieder auf das Auto um. Hier wartet die Bahn vergeblich auf die Rückkehr der Reisenden. Das kostet Millionen.

          Hoher Sanierungsbedarf im Netz

          Mehr Geld hätte die Bahn gern, und zwar vom Bund. Die Fluten der Flüsse haben den Blick für den Zustand der Infrastruktur geschärft. Auf diesem Feld war die Aufmerksamkeit der Bahn-Spitze lange durch das Stressprojekt Stuttgart 21 blockiert. Seit Sommer aber reist Grube mit dem Anliegen durch die politischen Zirkel. Die Misere illustriert er am Beispiel von 1400 maroden Bahnbrücken.

          Das Horroszenario: Wegen des Sanierungsbedarfs im Netz wird die Bahn immer unpünktlicher; es drohen Streckenstilllegungen. Grubes Mission gipfelte in der Forderung nach einem Milliardenaufschlag in einem für die Bahn reservierten Fonds. Nicht nur den Haushältern ging das Drängeln auf die Nerven. Auch im Verkehrsministerium vermisste man Selbstkritik. Statt einer Milliarde wird Grube sich mit rund einer Viertelmilliarde begnügen müssen. Das schmerzt, auch wenn er bei der Dividende an den Bund spart.

          In einem zweiten Fall hat der umtriebige Bahn-Chef sein Talent im Umgang mit der Politik falsch eingeschätzt. Er wollte den früheren Kanzleramtschef Ronald Pofalla in den Bahn-Vorstand holen, um dessen Netzwerk für den Konzern zu gewinnen. Der Plan geriet durch eine Indiskretion zu früh an die Öffentlichkeit. Verärgert war nicht nur der Aufsichtsrat, der von der Idee nichts wusste. Auch wenn Pofalla bald (erst unterhalb des Vorstands) Eisenbahner werden sollte, bleibt ein Beigeschmack.

          Die Bahn-Aufseher haben das noch nicht vergessen. Sie sind zudem seit längerem unzufrieden mit der Geschäftsentwicklung im Güterverkehr. Immer wieder vertröstet der Vorstand sie mit dem Hinweis, andere Bahnen täten sich noch viel schwerer in diesem Segment. Damit kann Grube nicht mehr durchkommen. Aus der Politik stammt nun der Auftrag, dem Staatsbetrieb genauer auf die Finger zu sehen. Die vom Verkehrsministerium initiierten Testfahrten auf dem Schienennetz sind da nur ein Aspekt. Was das Netz angeht, ist das richtig. Sonst gilt: Finger weg vom Geschäft.

          Weiteres Ungemach droht

          In den zurückliegenden Monaten ist die Bahn oft durchgeschlüpft unter dem Radar der Politik, die vor und nach der Wahl mit sich selbst beschäftigt war. Doch das ist vorbei, und Grube setzt nicht von ungefähr auf Pofallas Einfluss. Ungemach droht, weil die Bundesregierung die Ökostrom-Umlage der Bahn erhöhen will. Weil die Gewinne durch eine verschärfte Regulierung durch die Netzagentur geschmälert werden könnten. Weil mit weiteren Unbequemlichkeiten von Seiten der Brüsseler EU-Kommission zu rechnen ist. Und weil auch das Kartellamt die Bahn auf dem Kieker hat.

          Als wäre dies alles nicht schon genug, rumpelt und rattert es auch im Verhältnis zum Personal. Seit dem Ausfall des Mainzer Stellwerks im August sieht sich Grube verstärkt Forderungen der Betriebsräte und Gewerkschaften ausgesetzt. Über allem schwebt der Dauerkonflikt zwischen der Bahngewerkschaft EVG und der Lokführergewerkschaft GDL, der bald eskalieren könnte, wenn deren Burgfrieden endet. Streiks sind auch so eine Sache, die Grube in der Bilanz 2014 gar nicht gebrauchen kann.

          Die Politik und das Tagesgeschäft in Deutschland und der Welt halten also einige Brocken bereit, die sich als Hindernisse auf dem Wachstumspfad entpuppen werden. Einen Pfad, den Grube vor zwei Jahren in seiner „Strategie 2020“ beschrieben hat mit den Stichworten „Marktführer, Umweltvorreiter, Top-Arbeitgeber“ und mit überaus ambitionierten Umsatz- und Gewinnzielen. Das war zu vollmundig. Grube sollte heute davon ehrlich Abschied nehmen.

          Kerstin Schwenn
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Weitere Themen

          Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist Video-Seite öffnen

          Greenwashing : Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist

          Grüne Investitionen erobern die Finanzmärkte. Mehr als 300 Milliarden Dollar flossen 2020 in „nachhaltige“ Anlagen und brachen damit den Rekord des Vorjahres. Doch wirklich "grün" zu investieren, ist schwieriger als es klingt.

          Die Klimawahl

          FAZ Plus Artikel: CO2-Reduktion : Die Klimawahl

          Union und SPD verschärfen die Klimaziele. Aber um die eigentlichen Fragen drücken sie sich herum. Wo etwa sollen neue Stromleitungen entstehen und wie stark steigt der CO2-Preis?

          Topmeldungen

          Titelgewinn im DFB-Pokal : Dortmund und die ganz großen Gefühle

          Der BVB hat schwierige Zeiten hinter sich. Nun gelingt mit einem 4:1 über Leipzig im Finale der Triumph im DFB-Pokal. Dabei gibt es viele kleine mitunter rührende Dortmunder Geschichten zu erzählen.
          Geimpft wird (fast) überall: Impfzentrum in Markkleeberg in Sachsen in einem Zelt im Saal des Rathauses

          Impfreihenfolge : Ganz oben auf der Liste

          Die Bundesländer vergeben Termine in den Impfzentren unterschiedlich. Sogar innerhalb einer Priorisierungsgruppe wird noch differenziert. Besonders ausgeklügelt ist das System in Bayern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.