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Katholische Kirche : Ein neuer Plan für Weltbild

Streit um die richtige Richtung: Firmengebäude der Verlagsgruppe Weltbild in Augsburg Bild: dapd

Im Herbst haben die deutschen Bischöfe ihr Medienunternehmen Weltbild zum Verkauf gestellt. Jetzt geht es um die soziale Verantwortung. Vielleicht finden sie deshalb einen dritten Weg.

          Die katholische Kirche besitzt ein wirtschaftlich erfolgreiches Medienunternehmen: die Weltbild-Gruppe in Augsburg. Eigentlich wollen sich die deutschen Bischöfe von dieser Beteiligung trennen, was gemeinhin als Verkaufsankündigung verstanden wurde. Nach Informationen dieser Zeitung könnte nun aber ein anderer Plan verfolgt und ein dritter Weg zwischen Eigentum und Verkauf gefunden werden. Das wäre sowohl in der Kirche als auch in der deutschen Buchhandels- und Verlagsbranche eine gewichtige Überraschung. Denn Weltbild ist kein kleines Unternehmen, sondern macht einen Umsatz von gut 1,6 Milliarden Euro.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Weltbild war aber vor allem konservativen Bischöfen immer mehr zum Ärgernis geworden. Trotz dreier Inhalteausschüsse, die das Angebot auf Gewalt und Pornografie hin durchleuchten, hatte das Haus vor allem in seinem Internetangebot immer wieder Bücher, Filme und DVDs, die auf Kritik kirchlicher Würdenträger stießen.

          Die Beteiligten stehen bei ihren Beratungen wohl auch deshalb unter Druck. Der Münchener Kardinal Reinhard Marx zum Beispiel drängt. „Der erste Fall, wo die Kirche Entweltlichung handfest praktiziert, ist der Weltbild-Konzern“, sagte Marx vor drei Wochen. Vor einer Woche wollte er nicht ausschließen, dass die deutschen Bischöfe als Eigentümer des Augsburger Medienunternehmens schon auf ihrer Vollversammlung in der kommenden Woche in Regensburg weitere Beschlüsse zur Zukunft von Weltbild fassen.

          In jedem Fall wird der Aufsichtsratsvorsitzende der Weltbild-Gruppe, Generalvikar Peter Beer aus dem Erzbistum München, in der kommenden Woche eine Ausarbeitung über die sozialen und kirchlichen Auswirkungen eines Verkaufs vorlegen. Das Papier ist aber eher Wasser auf die Mühlen derjenigen, die unter Trennung nicht unbedingt einen Verkauf verstehen. Denn es listet dessen Folgen für Mitarbeiter, Buchhandel und Lieferanten auf und geht in seinem kirchlichen Teil darauf ein, was die Kirche durch einen Verkauf verlöre, was das Unternehmen heute leistet und was man bei einer Trennung bekäme.

          Die letzte mediale Bastion der Kirche

          Weltbild ist die letzte mediale Bastion der Kirche – und zudem eine gewinnbringende: Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren eine Dividende an die Bistümer ausgeschüttet, wenn auch eine bescheidende, wie es heißt. Das sei aber nicht der Grund, warum die Bischöfe über ihren zunächst kurzentschlossen vorgetragenen Schritt, Weltbild so schnell wie möglich zu verkaufen, jetzt noch einmal nachdenken. Vor allem die Kritik, sich ihrer sozialen Verantwortung für die 6400 Mitarbeiter der Gruppe nicht zu entziehen, dürfte ausschlaggebend gewesen sein, dass man in den Reihen der Bischöfe jetzt auch andere Wege als den reinen Verkauf durchdenkt.

          Eine Alternative könnte sein, das Eigentum an Weltbild in eine juristische Person einzubringen, der man soziale und kirchliche Ziele vorgeben könnte. Dieser Weg zwischen im Eigentum und dem Verkauf könnte sich auch aus ganz praktischen Gründen anbieten: Bisher gibt es keinen Interessenten für die Übernahme der Weltbild-Gruppe als Ganzes, deren Verkauf vor drei Jahren schon einmal am Mangel an Interessenten gescheitert ist.

          Und seither haben sich die Rahmenbedingungen nicht verbessert. Der deutsche Buchhandel insgesamt ist im vergangenen Jahr um knapp 2 Prozent, der stationäre Buchhandel sogar um knapp 3 Prozent geschrumpft. Auch der größte Konkurrent im stationären Buchgeschäft, die zu Douglas gehörende Thalia-Gruppe (Umsatz 935 Millionen Euro), steht auf dem Prüfstand und könnte verkauft werden. Gegenüber Thalia ist Weltbild aber in einer komfortablen Situation. Das Unternehmen unter der Führung von Carel Halff bemüht sich schon seit Jahren, die Buchläden dem sinkenden Umsatz im stationären Handel anzupassen und den Internethandel und das Geschäft mit elektronischen Büchern (e-books) auszubauen. Der Internetumsatz von Weltbild wird mit einem Drittel des gesamten Handelsumsatzes beziffert. Bei Thalia macht er gerade einmal 15 Prozent aus. Weltbild hat noch im Dezember durch die Übernahme des digitalen Kiosks Pubbles von Gruner + Jahr sein elektronisches Angebot ausgebaut.

          Der größte Einzelakteur im deutschen Buchhandel

          Mit einem Marktanteil von gut 18 Prozent ist Weltbild der größte Einzelakteur im deutschen Buchhandel. Im Onlinebuchhandel ist das Augsburger Verlagshaus die Nummer zwei nach Amazon, im deutschsprachigen Onlinehandel insgesamt die Nummer drei nach Amazon und Ebay. Der Gewinn werde im laufenden Geschäftsjahr sinken, aber trotz aller Anlaufkosten und Investitionen nicht unter null fallen.

          Zur Gruppe gehören die Marken Weltbild (Versandhandel und stationärer Handel), Hugendubel (Buchgeschäfte), Jokers (modernes Antiquariat), Kidoh (Versender für Spielzeug und Lernartikel) und zu einem Drittel der Internethändler buecher.de, der im vergangenen Jahr 49 Millionen Euro umsetzte. Weltbild ist außerdem beteiligt an der Verlagsgruppe Droemer Knaur in München.

          Im Mittelpunkt der Gespräche der Bischöfe wird nun die Frage stehen, wie sie ihrer sozialen Verantwortung und ihrem moralischen Anspruch zugleich gerecht werden können. Drei Ausschüsse, die Zehntausende Bücher auf moralische Bedenken hin überprüft haben, reichten nicht aus. Es könnte daher sein, dass Halffs erfolgreiche und anerkannte kaufmännische Geschäftsführung mit einer inhaltlichen Neuausrichtung des Verlagsprogramms verbunden wird.

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