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Mögliche Abspaltung : Flucht aus Katalonien

Richtung Spanien? In Katalonien herrscht Ungewissheit. Bild: Bloomberg

Barcelona weicht der Frage nach der Unabhängigkeit vorerst aus. Viele Unternehmen haben jedoch längst die Weichen gestellt.

          Die Flucht von immer mehr Unternehmen aus Katalonien bedroht nicht nur die wirtschaftliche Zukunft der Region, sondern auch ganz Spaniens. Nach ersten offiziellen Zahlen verlegten nach dem Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens am 1. Oktober mindestens 540 Unternehmen den Sitz ihrer Gesellschaft in andere Teile Spaniens. Alleine am Tag vor der Sitzung des katalanischen Regionalparlaments am 10. Oktober, an dem die endgültige Unabhängigkeitserklärung erwartet worden war, vollzogen insgesamt 212 Unternehmen diesen Schritt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Bis zu diesem Montag hatte die Zentralregierung in Madrid dem katalanischen Regionalpräsidenten Carles Puigdemont Zeit gegeben, verbindlich mitzuteilen, ob Katalonien sich für unabhängig erklärt hat oder nicht. Der gab am Montag keine klare Antwort, ob er die Unabhängigkeit der Region ausgerufen hat. Dies ging aus einem Brief Puigdemonts hervor. Lautet die Antwort demnächst „Ja“, könnte Madrid die Macht in Katalonien an sich ziehen, was dort heftige Konfrontationen zur Folge haben könnte.

          Große Krise gerade erst hinter sich gelassen

          Dass die spanische Regierung ebenfalls nicht mit einem schnellen Ende der Krise rechnet, macht der Bericht des spanischen Wirtschaftsministers Luis de Guindos deutlich, in dem er an diesem Montag die EU-Kommission über den Haushaltsentwurf für 2018 informieren und frühere Zahlen korrigieren wird. Vor kurzem hatte der Minister darauf hingewiesen, dass das Wirtschaftswachstum, das die Regierung, im nächsten Jahr auf 2,6 Prozent geschätzt hatte, niedriger ausfallen könnte.

          Gleichzeitig befürchtet man in Madrid, dass die Staatsverschuldung Spaniens, das sich noch von der schweren Finanzkrise erholt, höher sein wird als bisher geplant: In diesem Jahr wird Spanien mit 3,1 Prozent die Defizitgrenze knapp überschreiten. 2018 wird die Defizitquote über den 2,2 Prozent liegen, die Madrid vor dem Ausbruch prognostiziert hatte. Für noch bedenklicher hält die spanische Regierung die wirtschaftliche Lage in Katalonien: Die stellvertretende spanische Ministerpräsidentin Soraya Saenz de Santamaría warnte am Freitag vor einer Rezession, wenn die Separatisten nicht ihre Unabhängigkeitspläne aufgeben.

          Die großen Rating-Agenturen und der Internationale Währungsfonds (IWF) beobachten mit großer Sorge die Entwicklung in Katalonien, das rund ein Fünftel des spanischen Bruttoinlandsprodukts beisteuert. Der IWF-Chefökonom Maurice Obstfeld warnte vor wenigen Tagen vor der Ansteckungsgefahr, die von der Eskalation in Katalonien für Spanien und den Euroraum ausgeht. Sollte die Ungewissheit andauern, könnte sich der regionale Konflikt auf andere europäische Länder auswirken.

          Wie Spanien hat auch das Nachbarland Portugal gerade erst die große Krise der vergangenen Jahre hinter sich gelassen. Der kleine Nachbar könnte aber auch profitieren, denn einige Unternehmen sehen die Zukunft Spaniens pessimistisch und prüfen den Umzug in ein anderes südeuropäisches Land, wie in Barcelona zu hören ist. Bisher verlegten die meisten der mehr als 500 Unternehmen ihren Sitz nur auf die spanische Seite der katalanischen Grenze. Dabei handelt es sich bislang um den Sitz der Gesellschaft und zum Teil den steuerlichen Sitz, was sich bei einer Beruhigung relativ schnell wieder rückgängig machen ließe.

          Seat könnte nicht so schnell umziehen wie die Banken

          Besorgniserregend ist, dass 30 der 40 wichtigsten Unternehmen darunter sind, allen voran die Geldinstitute Caixa Bank und Sabadell, die nach Valencia und Alicante gehen. Caixa ist mit einer Bilanzsumme von knapp 380 Milliarden Euro die drittgrößte Bank Spaniens und die größte Kataloniens. 2009 gab es in Katalonien noch elf Banken – als Folge der Finanzkrise und des Referendums ist heute keine davon übrig.

          Auch die größten Versicherungsunternehmen wie Catalana Occidente, Vidacaixa und Seguracaixa verlegten mittlerweile ihren steuerlichen Sitz. Mittlerweile schloss sich der größte Verlag Spaniens und das Energieunternehmen Gas Natural Fenosa diesem Exodus an. Schwieriger ist das für Unternehmen, die in Katalonien produzieren. Die Volkswagentochtergesellschaft Seat etwa könnte mit 14.000 Mitarbeitern nicht so schnell umziehen. Das spanische Kabinett erleichterte vor kurzem solche Verlagerungen. Jetzt reicht dafür der Beschluss des Aufsichtsrats aus.

          Die ersten Behördenzahlen, die jetzt bekannt wurden, sind noch unvollständig. Sie reichen nur bis zum 11. Oktober und es fehlt etwa die Provinz Lleida. Selbst wenn man die 22 Unternehmen abzieht, die sich im Oktober in Katalonien niederließen, sind es deutlich mehr als 500 in kürzester Zeit. Gleichzeitig macht sich die Krise schon beim Tourismus bemerkbar, von dem Barcelona und die Badeorte an der Küste stark profitieren. Die Folgen der Terroranschläge Mitte August hielten sich noch in Grenzen. Doch jetzt ist bei den Reservierungen eine deutliche Verlangsamung zu beobachten, sagen Hoteliers in Barcelona. Einige berichten von Rückgängen um die 20 Prozent bei kurzfristigen Buchungen. Mehrere Kreuzfahrtschiffe verzichteten schon darauf, in Barcelona anzulegen. Ausländische Unternehmen sagten erste Treffen und Konferenzen ab.

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