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Kompromiss beim Kastenstand : Die Sau muss raus – aber nur ein bisschen

  • -Aktualisiert am

Sie soll bald mehr Platz bekommen: Eine säugende Sau mit ihren Ferkeln in einem Schweinezuchtbetrieb Bild: dpa

Nach langem Ringen hat sich der Bundesrat auf eine Regelung verständigt. Bauern sehen sich durch die Entscheidung hart getroffen, Tierschützern geht sie nicht weit genug. Für mehr Tierwohl in deutschen Ställen sind weitere Maßnahmen im Gespräch.

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          200 Zentimeter in der Länge, 65 Zentimeter in der Breite: So sieht der umstrittene Kastenstand für Sauen aus. In dem Metallgestänge werden die Tiere sowohl zur Besamung als auch zur Geburt der Ferkel gehalten. Nur in den Wochen dazwischen können sich Zuchtsauen in einer Gruppe bewegen. Seit Jahrzehnten ist der Kastenstand umstritten.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Zwar sieht die Verordnung zur Nutztierhaltung vor, dass die Schweine ungehindert liegen und ihre Gliedmaßen ausstrecken können. Tierschützer kritisieren jedoch, dass dies in der Praxis oft nicht der Fall ist. Am Freitag hat der Bundesrat nun nach langem Ringen eine Reform der Sauenhaltung auf den Weg gebracht, die den Tieren zumindest etwas mehr Bewegungssicherheit geben soll.

          Konkret sieht die Einigung vor, dass Sauen deutlich kürzer als bislang im Kastenstand fixiert werden dürfen. Statt rund 70 Tagen je „Produktionszyklus“ sollen es künftig nur noch maximal fünf Tage sein. Davon abgesehen sollen die Sauen in Gruppen gehalten werden und mindestens fünf Quadratmeter Platz haben.

          Nach einer Übergangszeit von acht Jahren soll der Kastenstand beim Besamen überhaupt nicht mehr verwendet werden, im Abferkelbereich nach einer Übergangsfrist von 15 Jahren maximal fünf Tage. Diese Übergangsfristen hatten vor allem die Grünen, die in elf Bundesländern mitregieren, vor eine Herausforderung gestellt. Die Unionsfraktion hatte dagegen für längere Zeiträume plädiert.

          Tierwohlabgabe zur Finanzierung der Stallumbauten

          „Diese Entscheidung ist sehr schmerzhaft für die Landwirte und wird gerade bäuerliche Strukturen hart treffen“, kommentierte Bauernverbands-Präsident Joachim Rukwied die Entscheidung der Länderkammer. Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisierte hingegen: „Der vom Bundesrat verabschiedete Beschluss hat mit Tierschutz rein gar nichts zu tun.“

          Nötig geworden war eine Reform nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts Magdeburg. Dieses hatte schon 2015 bemängelt, dass viele Ställe gegen geltendes Recht verstoßen. Diese Kritik hatte kürzlich der Deutsche Ethikrat wiederholt. „In der Praxis gibt es weiterhin oft zu kleine Kastenstände“, heißt es in einer Stellungnahme des Rates.

          Zur gleichen Zeit debattierte am Freitag der Bundesrat über die Vorschläge der sogenannten Borchert-Kommission. Das Gremium unter dem Vorsitz des früheren Bundeslandwirtschaftsministers Jochen Borchert (CDU) hatte Anfang des Jahres einen Umbau der Tierhaltung gefordert und die Kosten dafür auf 3 bis 5 Milliarden Euro im Jahr beziffert. Finanziert werden sollen diese durch eine Tierwohlabgabe, die Verbraucher auf Fleisch, Wurst, Milch und Käse zahlen sollen.

          Höfesterben bei den Sauenhaltern?

          Der Vorschlag der Kommission sind 40 Cent je Kilogramm Fleisch. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat diese Forderung inzwischen übernommen. Außerdem will sie im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft für ein europäisches Tierschutzlabel werben. Im kürzlich beschlossenen Konjunkturprogramm hat die große Koalition schon 300 Millionen Euro Fördermittel für Stallumbauten vorgesehen.

          Klöckner betonte in der Debatte, 90 Prozent der Deutschen seien Fleischesser. „Wir werden nicht alle Vegetarier oder Veganer werden.“ Tiere würden geschlachtet, aber die Bedingungen müssten besser werden. Sie sprach von einem „Generationenvertrag“, der jetzt nötig sei. Die frühere Landwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne) kritisierte die gegenwärtige „Qualzucht“. Die FDP sprach sich gegen eine Tierwohlabgabe aus. „Ein Tierwohl-EEG braucht dieses Land nicht“, sagte der Abgeordnete Karlheinz Busen in Anspielung auf die Ökostrom-Abgabe. Die Linke-Abgeordnete Kirsten Tackmann warb dafür, die Kosten für mehr Tierwohl „auf breite Schultern“ zu verteilen.

          Landwirte befürchten, dass durch die strengeren Vorgaben zum Kastenstand die Zahl der Sauenhalter in Deutschland sinken könnte. Eine ähnliche Entwicklung hatte sich einst in Schweden gezeigt, das schon Ende der achtziger Jahre den Kastenstand abschaffte. Viele einheimische Betriebe gaben daraufhin auf, während die Fleischimporte stiegen. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland rund 55 Millionen Schweine geschlachtet.

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