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Handball-Nationalmannschaft : Kassenbeiträge für den Europameister

  • -Aktualisiert am

So sehen Sieger aus: Die Handball-Nationalmannschaft feiert ihren Titel mit dem AOK-Emblem auf der Brust. Bild: Imago

Die Allgemeinen Ortskrankenkassen sponsern die Handball-Nationalmannschaft. Dürfen die das eigentlich?

          3 Min.

          Fast 13 Millionen Zuschauer haben den Sieg der Handball-Nationalmannschaft im Fernsehen verfolgt. Sie haben mitgefiebert und gebangt, wie die Männer um Trainer Dagur Sigurdsson sich mit Geschick, Können und der nötigen Härte an die europäische Spitze warfen. Schon nach dem Erreichen des Halbfinales war Vizepräsident Bob Hanning vom Deutschen Handballbund ein „Ist gigantisch“ entfahren. Wie soll da seit Sonntagabend erst die Stimmung in der Rosenthaler Straße in Berlin sein?

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Dort residiert der Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK). Dessen Vorstandsvorsitzender Martin Litsch jubelte wenige Minuten nach Spielschluss, es sei „grandios, was die Mannschaft um Dagur Sigurdsson in Polen erreicht hat“. Litsch freut sich so sehr, weil ein bisschen von dem Glanz der Handballer auf seine AOK abfällt. Denn die ist seit dem Jahr 2014 einer der Hauptsponsoren des Handballverbands.

          Für Trikotsponsoring zahlt die AOK fast eine Million Euro

          Das eckige grüne AOK-Logo auf den weißen und schwarz-roten Handballerleibchen war ja auch nicht zu übersehen bei den Direktübertragungen zur besten Sendezeit, in den Hauptnachrichtensendungen, auf den Bildern im Netz und in den Zeitungen. Auf der Brust der Spieler plaziert, kam die öffentlich-rechtliche AOK noch besser weg als die privatwirtschaftliche Konkurrenz: Für das Logo des Versicherungskonzerns Ergo war nur auf der Rückseite der Hemdchen Platz. Das Trikotsponsoring lässt die AOK sich jedes Jahr zwischen 700.000 und eine Million Euro kosten. Da die Prämie erfolgsabhängig ist, liege sie aktuell eher am oberen Rand, sagen Leute, die sich damit auskennen. Ein Klacks sei das, sagen Werbeprofis, ein Schnäppchen, verglichen mit jenen angeblich 50.000 Euro, die ein Werbespot kurz vor der „Tagesschau“ koste. Wie viel besser sei es doch, wenn man sogar in der wichtigsten TV-Nachrichtensendung vorkomme.

          Aber darf eine gesetzliche Kasse Beitragsgelder, die der Krankenversorgung dienen sollen, für Sponsoring und schnöde Imagebildung ausgeben wie ein Bierbrauer, Autobauer oder Telekom-Konzern? Sie darf, sagt die Aufsicht. „Soweit das Sponsoring eine allgemeine Werbemaßnahme darstellt und mit den Aufgaben der gesetzlichen Krankenversicherung und ihren Zielsetzungen in einem sachlichen Zusammenhang steht, ist es den Krankenkassen grundsätzlich gestattet, Gelder hierfür aufzuwenden“, erläutert das Bundesversicherungsamt.

          Das gelte zum Beispiel für die Unterstützung von Sportvereinen und -veranstaltungen. Nötig sei nicht einmal eine Genehmigung oder Anzeige durch die Kasse. Verboten ist es allerdings, mit dem Geld Präventionsangebote zu sponsern – die werden anders kontrolliert, gebucht und finanziert, damit auch ja kein Schindluder damit getrieben wird. Mit Prävention hat das Trikotsponsoring beim zuweilen nervenaufreibenden Spiel der Handballer ja auch weniger zu tun. Aber als „Sponsor“ wollen sich die Kassenleute auch nicht gerne rufen lassen. Lieber schon als „exklusiver Gesundheitspartner“. Schließlich habe man mit den Handballern viel gemein: die regionale Verwurzelung, das Engagement in unzähligen Kindergärten, Schulen und Vereinen.

          Doch fehlt im Vertragswerk auch nicht der Passus darüber, dass die AOK ihren gesetzlichen Aufklärungspflichten nachkommt und ihre Versicherten, zum Beispiel bei Heimspielen, über Gesundheitsthemen und Angebote informieren kann. „Zeitgleich bietet sich dadurch auch die Möglichkeit, Versicherte anderer Krankenkassen auf die Vorteile der AOK hinzuweisen und sie für eine Mitgliedschaft zu gewinnen.“ Die AOK steht im Werben um Kunden im Sport beileibe nicht allein da. Die IKK Classic, die mit 3,5 Millionen Versicherten größte Innungskasse, schärft ihr Image seit Jahren mit werblichen Auftritten in Höhe eines „mittleren sechsstelligen Betrags“ beim Skispringen. Beim nicht mehr so populären Eisschnelllauf und dem spektakulären Shorttrack ist sie ebenfalls als Werbepartner dabei.

          Die Hamburger Ersatzkasse HEK ist „exklusiver Gesundheitspartner“ des Fußball-Bundesligisten HSV. Die vielfach größere Techniker Krankenkasse fühlt sich dem „FC St. Pauli besonders verbunden“ und ist deshalb dessen „Gesundheitspartner“, die Barmer-GEK füllt die Rolle aus beim Deutschen Leichtathletik-Verband, wie dessen Marketinggesellschaft auf der Homepage mitteilt. Das Sponsoring geht zuweilen über Sportveranstaltungen hinaus. Auch auf Sommerfesten sind Kassen gerngesehene Partner. Was sie in Werbung und Marketing dürfen und was nicht, haben die Aufsichtsbehörden minutiös auf 14 Seiten „gemeinsamer Wettbewerbsgrundsätze“ festgelegt, geändert zuletzt am 11. November 2015. Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit sollen auch hier oben anstehen. Konkret bedeutet das, dass eine Kasse in diesem Jahr nicht mehr als 4,36 Euro je Mitglied für Werbung und Marketing ausgeben darf. Bisher finanziert jedes der 18,7 Millionen AOK-Mitglieder die Nationalhandballer mit umgerechnet 5 Cent im Jahr. Da wäre also noch Luft.

          Immerhin ist auch über das Ende der bis Dezember 2017 verabredeten Laufzeit hinaus geplant, dass die AOK „die Perspektive 2020 des DHB“ unterstützt. 2019 findet die Handball-Weltmeisterschaft immerhin in Dänemark und Deutschland statt – mutmaßlich nicht ohne die AOK.

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