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Karrieresprung : WWW: Wer bin ich, was will ich, was kann ich?

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Massenhaft erleben Berufstätige derzeit wie sie aussehen wird, die Arbeitsgesellschaft der Zukunft. Doch wo findet der Berufstätige, der sich neu orientieren muss, Hilfestellung?

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          Eigentlich wäre Peter Schmidt-Dahlberg gerne Lehrer geworden, wenn der Job nicht so schlecht bezahlt wäre. Also studierte er doch lieber BWL und ging anschließend in die Werbebranche, um „Geld zu verdienen und Karriere zu machen“, wie er sagt.

          Nach fünfzehn Jahren als Berater bei einer renommierten Agentur schlichen sich vermehrt Zweifel und Unzufriedenheit ein. Immer öfter stellte er sich die Frage, die sich freiwillig oder unfreiwillig derzeit viele Berufstätige stellen: Ist die Branche, ist diese Arbeit mit ihren spezifischen Anforderungen wirklich mein Ding? „Auf die Idee zu einem Berufsberater zu gehen, bin ich gar nicht gekommen“, erzählt Schmidt-Dahlberg.

          Berater mit Interessenskonflikt

          Nun, der Gedanke bietet sich auch nicht zwingend an, ist der Begriff doch sehr einseitig besetzt. Berufsberatung ist für die meisten identisch mit der so genannten Berufseingangsberatung, mit dem Gang zum Arbeitsamt, damals nach dem Abitur oder der mittleren Reife, als man keinerlei Vorstellung davon hatte, in welche Richtung man sich überhaupt orientieren sollte. Wer sich als Berufstätiger diese Frage erneut stellt, landet hingegen meist bei der Arbeits- oder Förderungsberatung, die sich thematisch stark auf die Vermittlung von Fördermaßnahmen und Umschulungen konzentrieren.

          „Eine spezielle Beratung für Erwachsene, die sich umorientieren wollen oder müssen, gibt es bislang im Bereich der staatlichen Arbeitsverwaltung nur rudimentär“, kritisiert Rainer Thiel, Berufsberater beim Arbeitsamt Lüneburg und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Verbandes für Berufsberatung (DVB). Und wer wie Thiel die Interessen des Klienten in den Mittelpunkt stellen möchte, sitzt schnell zwischen zwei Stühlen. „Wir kommen da durchaus in Konflikt mit den Zielen, die das Arbeitsamt vorgibt“, gesteht Thiel. Hinzukommt: „Es fehlt schlicht die Zeit, vernünftig zu beraten.“

          Berufsbild ohne Mindestanforderungen

          Rund 5.000 Berufsberater sind in den staatlichen Arbeitsämtern tätig, schätzt Thiel. Doch auch auf dem freien Markt haben sich seit Wegfall des staatlichen Monopols 1998 eine Vielzahl von Anbietern etabliert, die in Seminaren und Einzelberatungen ihre Dienste anbieten. Das Problem dabei: Der Gesetzgeber definierte keine Mindestanforderungen, der Markt ist damit ein Eldorado auch für „schwarze Schafe“. „Berufsberater ist kein geschützter Begriff. Jeder kann sich dieses Schild an die Tür hängen“, kritisiert Bärbel Löwe, Berufsberaterin in Buxtehude und ebenfalls Mitglied im DVB.

          Dessen Register, das rund 650 Berater umfasst und in dem auch Mitarbeiter von Arbeitsämtern vertreten sind, bietet die bislang einzige Orientierungshilfe. Die Aufnahme ist an eine Vielzahl definierter Qualitätskriterien gebunden. Dazu gehört etwa eine beraterische Ausbildung, die Selbstverpflichtung zu regelmäßiger, zeitlich fixierter Weiterbildung sowie die Inanspruchnahme von Supervision. Und dazu gehört die Verzichtserklärung als Vermittler aufzutreten. Für die ehemalige Arbeitsamtsberaterin Löwe ein zwingendes Kriterium für seriöse Beratung. „Wie soll ich jemanden neutral beraten, wenn ich mit ihm einen Haufen Geld machen kann.“

          Berater als Hebamme

          Beratung kostet, und das nicht zu knapp. „Unter 75 Euro die Stunde wird da nichts zu machen sein“, schätzt Thiel. Was ein Berater in jedem Fall bieten sollte, ist ein kostenloses Vorgespräch sowie ein schriftlicher Vertrag, in dem die Dauer der Beratung, das Ziel der Beratung oder auch Regelungen für den Fall der Terminverhinderung ebenso festgelegt sind wie Fragen des Datenschutzes. In die Rolle des Ratgebers wollen die Beratungs-Profis aber keinesfalls schlüpfen.

          „Ein guter Berater ist ein Berufungsberater, der wie eine Hebamme hilft, die eigenen Stärken und Gaben wieder ans Tageslicht zu befördern,“ postuliert Thiel. Schriftliche Tests sind dabei nur dann hilfreich, wenn sie in den Beratungsprozess eingebettet sind. „Jede Beratung, die mit einem Test anfängt, halte ich zumindest für fragwürdig,“ erklärt Thiel. So lehrte ihn seine jahrelange Berufspraxis: Viele Menschen suchen seine Hilfe weniger aufgrund beruflicher denn privater Probleme.

          Selbst auf die Spur kommen

          „Kraft hat etwas erst, wenn der zu Beratende es aus sich selbst entwickelt“, lautet auch die Überzeugung des Münchner Beraters Christian Richter. „Mission Statement“ heißt der spirituell angehauchte Titel seines zweitägigen Workshops, dessen Konzept auf amerikanischen Managementansätzen basiert. Eines der wesentlichen Bestandteile des Seminars ist die Formulierung eines kurzen, persönlichen Leitsatzes, des Mission Statements. „Das Mission Statement zwingt uns, uns zu fokussieren, zu überlegen, was uns wirklich wichtig ist. Wenn uns klar geworden ist, was uns wirklich treibt, können wir den Beruf relativ leicht ableiten“, ist Richter überzeugt.

          Für Peter Schmidt-Dahlberg hat sich dank der Teilnahme an Richters Seminar einiges geändert. Der mittlerweile selbständige Werbeberater weiß nun, dass er mit seiner Berufswahl richtig liegt, dass die Kommunikationsbranche zumindest derzeit einfach sein Ding ist. Sein persönlicher Leitsatz, seine Mission, die er in Richters Workshop erarbeitet hat, lautet: „Märkte bewegen, Mehrwert schaffen.“ Er weiß aber auch: „Die Frage wer bin ich, was will ich, was kann ich, wird sich immer wieder stellen.“ Und vielleicht wird er eines Tages ja doch noch Lehrer.

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