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Karrieresprung : Wer Kaffee holt, hat verloren

  • -Aktualisiert am

Meetings sind das ideale Podium, um Rollen zuzuweisen und um machtstrategische Positionen zu kämpfen. Banale Machtspielchen können Hierarchien zementieren. Wie man Stolperfallen für die Karriere umgeht, sagt Managementtrainer Jens Weidner im FAZ.NET-Interview.

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          Das Meeting beginnt hervorragend für die neue Nachwuchsmanagerin. In den höchsten Tönen lobt der Chef ihre Leistungen in der Runde aus altgedienten Führungskräften, um nach wenigen Minuten irritiert das Fehlen von Kaffee und Tee auf dem Konferenztisch zu monieren.

          Reihum wandert sein auffordernder Blick, vor allem der Neuen schaut er tief in die Augen. Sie bestellt kurz „für heute und in Zukunft bitte ein Wasser“ und blättert ungerührt weiter in ihren Unterlagen. Und sie tut gut daran.

          Die öffentliche Inszenierung der kleinen Kraftprobe ist natürlich Absicht. Für Rollenzuweisungen und machtstrategische Positionierungskämpfe sind Meetings das ideale Podium. Und auch ein banales Machtspiel kann Realitäten zementieren, erklärt der Hamburger Erziehungswissenschaftler, Kriminologe und Managementtrainer Prof. Dr. Jens Weidner im Gespräch mit FAZ.NET.

          Wer Kaffee holt, hat verloren - sind Frauen für diese Service-Nummer tatsächlich noch anfällig?

          Nein, eigentlich ist das ein überholtes Männerspiel, weil Frauen mittlerweile darauf allergisch reagieren. Aber immer wenn es um das Thema Service geht, ist es wirklich wichtig zu betonen, daß man für Service nicht offen ist und zu Hause üblicherweise bedient wird. Unter machtstrategischen Rollengesichtspunkten ist diese Art der Freundlichkeit ein Zeichen von Schwäche und Unterwürfigkeit.

          Auf welche Machtspielchen in Meetings müssen sich Frauen wie Männer einstellen?

          Sehr beliebt ist der Loyalitätstest, der vor allem bei einem Führungswechsel im Unternehmen massiv stattfindet. Dabei werden sie mit einer scheinbar irrationalen Aufgabe betraut, um zu testen, wie sie reagieren. Beispiel: Sie werden im One-to-One Gespräch damit beauftragt, im nächsten Meeting die um 180 Grad geänderte Strategie der neuen Führung überzeugend darzulegen. Dabei ist bekannt, daß Sie der alten Führung loyal zur Seite standen.

          Meine Empfehlung: Gehen Sie in das Meeting, tragen sie das überzeugend vor, vielleicht mit dem Hinweis, daß sie offen sind für Neues und daß sie das auf jeden Fall unterstützen werden. Dann werden ihnen die Kollegen hinterher zwar sagen, was für ein „Schleimer“ sie sind. Aber Heldentum ist in diesem Moment weniger gefragt, denn ihre Anpassungsbereitschaft haben nach vier Wochen die meisten vergessen. Nur ihr Chef nicht.

          Mit dem oft geäußerten Rat, authentisch zu sein, hat dies aber wenig zu tun. Wie viel Offenheit ist in einem Meeting wirklich angesagt?

          Man muß sich treu bleiben. Aber authentisch sein, heißt ehrlich sein. Und ich werde doch nicht in jeder Situation, vor allem nicht in jeder Berufssituation ehrlich sein können. Wenn in einem Meeting der Chef auffordert, offen die Meinung zu äußern, und dann melden sich tatsächlich ein paar Teilnehmer und sagen ihre kritische Meinung, sind sie draußen aus der Truppe.

          Wer das unter authentisch versteht, handelt hochgradig naiv und ist für Führungsaufgaben meiner Meinung nach auch nicht zwingend geeignet. Man kann Bedenken formulieren, aber nur unter vier Augen, nie in einem öffentlichen Meeting. Und wenn man diese Einwände formuliert, muß man sie - wenn man vorwärts kommen will - immer paaren mit dem Begriff der Loyalität. Denn das ist die eigentlich entscheidende Frage nicht nur für Chefs: Wer hilft mir auch in schlechten Zeiten, wenn ich Fehler gemacht habe.

          Was aber, wenn ich in einem Meeting mehr oder weniger offen kritisiert werde?

          Jemand der sie öffentlich kritisiert, hat nicht das primäre Ziel ihnen eine Rückmeldung zu geben, damit sie in Zukunft besser werden. Sondern er will sie öffentlich in ihrem Status reduzieren. Kontern kann man hier zum einen mit Fakten. Wenn man diese just nicht parat hat hilft Abwehrrhetorik nach dem Motto: Das ist interessant, was Sie sagen, ich werde darüber nachdenken. Diese Formulierungen führen in der Regel dazu, daß die Angriffe aufhören. Aber mindestens ebenso entscheidend ist oft schon das Vorspiel.

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